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Periodical volume 2. Februar 1884, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Geburt. Aber diese Konvulsionen des Gedankens, der gegen jede 
Kunstform rebellisch ist, unterscheiden sich von den hysterischen 
Krämpsen der „schönen Seelen" durch ihre tiesinnere Bedeutung; 
denn sie repräsentiren den Krampf und die Gährung einer aus 
ihren Fugen gerissenen Zeit, die ahnungsvoll einem neuen, geisti 
gen Tage entgegengeht. Durch ihre Form rief Rahel die abge 
schwächten Nachahmungen ihrer erhabenen Lakonismen wach, den 
fragmentarischen, stückweise abgehenden Bandwurn von Gedanken, 
Einfällen, Offenbarungen der „Modernen", so daß das Genie 
überhaupt aphoristisch zu werden drohte; aber in Bezug auf den 
Inhalt förderte sie das Kernhafte, Tiefe, Gediegene, den ewigen 
Herzschlag strebender Geister und empfindender Gemüther! Für das 
Unkorrekte und doch durchaus Treffende ihrer Ausdrucksweise be 
zeichnend ist ein Ausspruch von Alexander Jung: „Oft kleckst sie 
einen Satz, radirt aber nichts aus, trifft Präzis, wie jener Maler, 
dem ein schäumendes Pferd nicht gelingt; zornig wirft er den 
Pinsel ans die Leinwand; der köstlichste Schaum ist da". 
Es ist bezeichnend für Ra hei, daß sie in ihren meisten Brie 
fen eine genaue Angabe des Wetters vorausschickt, Sie hat et 
was Laubsroschartiges und war abhängig von atmosphärischen 
Einflüssen. Diese nervöse Abhängigkeit erstreckte sich bei ihr indeß 
noch weiter, aus die ganze Temperatur der Zeit, auf die geistige 
Witterung des Jahrhunderts. Daraus beruhen ihre Inspirationen, 
ihre Bedeutung und Macht. So war auch der Zug ihrer Sym- 
phathien und Antipathien ein persönlicher, magnetischer, unabhän 
gig von Ansichten und Tendenzen und selbst von der Tüchtigkeit 
der Charaktere. Nur so läßt sich ihr Verhältniß zu manchen Gei 
stesrecken erklären, deren stumpfes oder stagnirendes Wesen nur 
einen Froschlaich verderblicher Gedanken ausgebrütet hat. Ein Adam 
Müller, ein Gentz gehörten wohl in den Kreis dieser Sibylle, aber 
nicht in die Walhalla denkwürdiger Persönlichkeiten, die, vom 
Hauche ihres Wortes beseelt, ein zukunstsvolles Streben an den 
Tag legten. So echt menschlich es war, den Charakter gelten zu 
lasten in seiner Eigenheit, ihn zu betrachten als ein selbständiges 
Kunstwerk, losgelöst von allen moralischen Voraussetzungen, so 
mußte diese liebenswürdige Toleranz doch ihre Schranke finden, 
wo diese Charaktere selbst in einseitiger Beschränktheit sich dem 
Ideal der Humanität entfremdeten. Die Betrachtung des Menschen 
als eines Naturprodukts lag allerdings schon in der Goetheschen 
Weltanschauung; aber diese botanische Betrachtung seiner Formen 
und geistigen Staubfäden, die Freude an jeder Eigenthümlichkeit 
der Bildung bedurfte bei dem Menschen doch eines sittlichen Re- 
gulators. Der Mangel desselben ist bei der Rahel um so auffal 
lender, als sie im Grunde eine tiefsittliche Natur ist, deren Ernst, 
dem socialen Scheinleben und jeder Scheinexistenz abgewandt, sich 
nur mit dem Kerne des innersten Wesens befteundet. Dieser Zug 
nach den Tiefen der Existenz, nach der Einheit, nach dem Mittel 
punkt des Alls ist ein religiöser. Rahel war eine religiöse Na 
tur im Sinne Schleiermachers, den sie auch geistvoll zu kommen- 
tiren liebte. Sie fühlte sich persönlich abhängig von der Gottheit 
und kauerte sich auf den Falten ihres Mantels. Dann aber ver 
stand sie wieder der Gottheit Wesen im Gange der Weltgeschichte 
und in den Ahnungen der eigenen Brust. Sie hatte Sympathien 
mit den Mystikern, mit Saint-Martin und Angelus Silesius. Sie 
sagt: „Ich bin auf Gott, auf Ewigkeit gestellt", doch nicht ohne 
hinzuzufügen: „Ich kenne Gott nur in und durch seine Welt. 
Frevel und Lüge wäre es von mir, anders zu sagen; und die 
Ewigkeit liegt bei mir nicht nur in der Zukunft; jetzt ist auch 
ein Moment Gottes." Die Praxis dieser Gesinnung muß eine 
humane sein; die Wohlthätigkeit gegen die Armuth gehörte zu 
ihren Kardinaltugenden und wurde in ihrer persönlichen Herzlich 
keit noch durch keine soziale Reformtheorien getrübt. Mit ihrem 
ganzen Kreise war sie zur Zeit der Befreiungskriege eine eifrige 
Patriotin und wirkte thatkräftig für die Pflege der Verwundeten. 
Fichtes freie, energische Selbstbestimmung und Goethes harmonische 
Bedingtheit durch die orphischen Mysterien des Alls waren die 
beiden Pole, zwischen denen diese sensitive Natur ahnungsvoll 
erzitternd hin und her vibrirte. 
Ihre Bedeutung für die beliebten Emanzipationstheorien der 
Frauen war es indeß, welche sie vorzugsweise zum Modelle für 
alle jungdeutschen Charakterstudien machte. Man kann nicht sagen, 
daß sie den Kreis der Frauen überschritten. Ohne Frage war eine 
altdeutsche Velleda in ihrem priesterlichen Wahnsinne emanzipirter, 
als diese Norne der Berliner Salons. Auch hatte sie nichts Männ 
liches in ihrem Wesen, wie die Staöl — es war ihr ein trunkenes 
Nachtzittern des göttlichen Lichts bei seinem Ausgange, ein Klang 
der Memnonssäule. Erst sprach der Gott und dann seine Priesterin! 
Die Staöl aber hatte den unruhigen Gott der Weltgeschichte, wie 
ein heidnischer Zauberer seinen Götzen, im Mantel verborgen, und 
wenn sie ihn herausnahm, dann sollte es wettern und blitzen und 
die Welt durcheinanderstürmen. Trotz dieser vorherrschenden Weib 
lichkeit der Rahel mußte für gewöhnliche Lebenskreise schon die 
Beschäftigung einer Frau mit dem Tiefsten und Höchsten, ihre Ein- 
geweihtheit in die Philosophie, ihr Orakeln in der Politik, die 
ganze Kühnheit und Neuheit ihrer Auffassung wie ein Phänomen 
erscheinen. Sie verleugnete als Weib zwar nie ihr Herz, im Gegen 
theil, das Nachtönen alter, unvergesiener Empfindungen, einer gleich 
sam heilig gesprochenen Jugend breitete eine trübe, oft in bangen 
Schauern ausbrechende Wehmuth über ihr Leben; aber dies Herz 
selbst war groß genug, nicht in der Trübheit eigener Stimmungen 
aufzugehen, sondern sich den fteien Blick für das Leben zu bewahren. 
In Bezug auf die Verhältnisse der Frauen selbst ergeht sie sich in 
kühnen, oft dunkeln Paradoxien. Sie selbst erklärt einmal irgendwo 
das Paradoxon „für eine Wahrheit, die noch keinen Raum finden 
kann, sich darzustellen; die gewaltsam in die Welt drängt und mit 
einer Verrenkung hervordringt". Solcher Wahrheiten, die sich mit 
den Ellenbogen Bahn brechen, enthält der Rahelsche Briefwechsel 
eine große Menge; es ist die durchgreifende, wesentliche Form ihres 
Geistes. Die ganze „Gesellschaft" in ihrer jetzigen Gestalt genügte 
ihr nicht. Sie verlangte „neue Erfindungen" vom Geiste des 
Jahrhunderts, weil die alten verbraucht sind. „Das gesellige 
Dasein und Leben muß nun in Europa eine andere Gestalt an 
nehmen, und sei es noch so langsam: es wird aber schnell genug 
gehen." „Es giebt gewiß eine Kombination, in welcher man auch 
hier als Mensch noch ganz glücklich sein kann. Auch nach dieser 
schmachten tvir, und mit Recht." Bei diesen Ansichten über die 
Gesellschaft mußte sie auch von den ehelichen Verhältnissen eine 
freiere Lebensbewegung verlangen. „Freiheit! Freiheit!" ruft sie 
aus, „besonders in einem geschloffenen Zustande wie die Ehe." 
„Was kann man thun, wenn man einen Kontrakt aufs Leben ge 
macht hat, mit einein, der nicht weiß, daß man solche Kontrakte 
nicht machen kann; in einer Welt, die nur das Unmögliche für 
heilig hält, beschützt und die Dümmsten bestärkt!" „Frei ewig 
bleiben die Wünsche und Bedürfniffc unseres Herzens!" ruft sie an 
einer anderen Stelle aus. Sie beklagt sich „über die herabziehenden, 
kleinen Ausgaben und Einrichtungen, Stückeleien", die den Frauen 
zufallen. „Es ist Menschenunkunde, wenn sich die Leute einbilden, 
unser Geist sei anders und zu anderen Bedürfniffen konstituirt, und 
wir könnten z. B. ganz von des Mannes oder Sohnes Existmz 
mitzehren. Diese Forderung entsteht nur aus der Voraussetzung, 
daß ein Weib in ihrer ganzen Seele nichts Höheres kenne, als 
gerade die Forderungen und Ansprüche ihres Mannes in der Welt, 
oder die Gaben und Wünsche ihrer Kinder: dann wäre jede Ehe 
schon als solche der höchste menschliche Zustand; so aber ist es nicht." 
Auch gegen die große Empfindsamkeit in der Ehe opponirt sie: 
„Liebesleute, verehelicht oder nicht, verlangen meist eine unbedingte 
Liebe; sie mögen sein und machen, was sie wollen; der andere 
soll vor Empfindung krepiren". Dies sind nun alles mehr
        
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