Path:
Periodical volume 2. Februar 1884, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 10.1884

256 
und ihre Tochter verderbenbringend werden sollte. Schon j 
längere Zeit nämlich herrschte in der Umgebung der Stadt I 
unter dem Vieh eine böse Seuche, an welcher der größte 
Theil desselben krepirte. Diese kam endlich auch in Strauß 
berg zum Ausbruch. Und wer konnte hier anders daran 
schuld sein, als die alten Weiber mit ihren teuflischen Künsten. ! 
Es war ein fürchterliches Zeitalter, das sechszehnte, denn 
des Teufels Gewalt war, wie abergläubische Volkslehrer ent- i 
weder glaubten oder vorgaben, größer als die Allmacht des 
Weltrcgierers. Alle Krankheiten lind alle Mißgeburten, alle 
Kriege und alle Theuerungen, jeder Mißwachs und jede 
Feuersbrunst, Kometen und Blutregen, Pestilenz und Ueber- j 
schwemmungen, — alles, alles und noch mehr als dies, stif 
tete jener höllische Drache, an den selbst ein Luther glaubte. 
Kein Wunder, daß kränkliche, schwachköpfige, dickblütige Leute 
den Verstand verloren und besessen zu sein sich einbildeten. 
Ueberall, in allen Orten hauste der Satan. Vorzügliches Ge 
fallen fand der Höllendrache an den alten Weibern, sie ließen 
sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen, und er theilte ihnen 
die Kraft der Hexerei mit. Und welche Wunder erfolgten 
nun! Die Heren herrschten über die Sinnen- und die Geister- 
wclt. Sie theilten Glück und Unglück, Heil und Verderben 
aus. Sie waren Gebieterinnen im Himmel so gut, als auf 
der Erde, in der Luft nicht minder, als im Wasier. Sie er- ! 
regten Stürme und Donnerwetter; sie ließen Hagel und 
Schlossen vom Himmel fallen; sie verwüsteten die Fcldfrüchte ! 
und zerstörten den Erntesegen. Das Mittel, wodurch sie diese 
Uebel hervorbrachten, war ebenso gräßlich, als das Unglück, j 
das sie erzeugten. Sie raubten kleine Kinder und kochten sie, 
sobald sie gar waren, tobten die Ungeivitter. Alles unum 
stößliche Wahrheiten, denn die Weiber bekannten es ja selbst 
auf der Folter. Sich zur Strafe, den Frommen zur Er 
bauung, den Gottlosen zum Warnungscxempel, wurden sie 
überall lebendig verbrannt, wo man sie antraf. Schaaren- 
weise schleppte man diese unglücklichen Schlachtopfer des Aber 
glaubens zu den Scheiterhaufen. 
Was Wunder, wo Fürsten, Gelehrte und alle Stände 
und Klaffen des Volkes in allen Ländern an solche Thor 
heiten steif und fest glaubten, wenn Straußberg keine Aus 
nahme davon machte. Niemand weiter als die Pulvermacherin 
mit ihren Zauberkünsten konnte das Vieh behext haben. Bald 
auch verbreitete sich das Gerücht, daß sie eines Tages auf ; 
dem Hofe des Bürgermeisters Jürgen Hundertmarck erschienen 
sei, um vorgeblich Käse zu kaufen, wobei sie zu der Hundert- 
marckin in den Stall gegangen, wo die Kühe standen. An 
deren Tags waren letztere krepirt. So war es auch bei den 
Bürgern Wieprecht, Friedrich Paul und Matthäus Sydow 
zugegangen. Endlich wußten auch einige zu sagen, wie es 
die Pulvcnnacherin gemacht, daß sie unter anderen eine Kröte 
unter das Süll des Stalles vergraben und dabei gesagt habe, 
„daß das Vieh in aller Teufel Namen verdörren und ver- 
guiemen solle" und was der unsinnigen Dinge mehr waren. 
Damals führten in den meisten Städten der Mark die j 
Ackerbürger das große Wort, die ihre Nahrung hauptsächlich 
in dem Viehstande suchten. Wer es mit ihnen verdarb, für ; 
den gab cs keine gute Zeit mehr, und er that am besten, wenn 
er dem Ort den Rücken kehrte. Wenn nun auch die Männer 
noch zögerten, die Pulvermacherin öffentlich vor dein Rath, 
der die Ober- und Untergcrichte hatte, anzuklagen, weil ihnen i 
dieselbe als vorzügliche Heilkünstlerin nützlich war, und man 
ihr doch eigentlich, bei Lichte betrachtet, nichts beweisen sonnte, 
so ließen doch die Weiber mit ihrem Drängen nicht nach, die 
Pulvermacherin in's Verhör zu nehmen. Auch Sabine, die 
Tochter des Rathsherrn Meier, war überzeugt, daß die Frau 
eine Hexe sei, denn wie wäre sonst der hübsche Fischer Hans 
Perlitz in ihr Haus gekommen und hätte sich an ihre Tochter 
gehangen. Sie war es denn auch, welche ihren Vater ver 
mochte, in dem Raths-Kollegium den Antrag zu stellen, die 
Pulvermacherin so gut wie ihre Tochter in Verhaft zu nehmen. 
Zwar wußten die Herren vom Rath, daß wenn einmal ein 
Herenprozcß angefangen sei, er gar nicht anders endigen könne, 
als mit dem Tode der Angeklagten, aber um keinen Preis 
der Welt durften sich die Herren die Exekution eines solchen 
entgehen laffen. Welche Wichtigkeit konnten sie wieder ein 
mal entfalten und damit dem gemeinen Bttrgervolk ihre Macht 
zeigen! Es wurde deshalb beschlossen, die Pulvermacherin und 
ihre Tochter gefänglich einzuziehen und gegen sie wegen Zau 
berei und Hexerei nach Brandenburgischem Recht zu verfahren. 
Unerwartet erschienen schon eine Stunde darauf der Vorbieter 
des Raths mit einigen Stadtknechten in dem kleinen Hause 
am Landsberger Thore und führten die beiden nichts ahnenden 
weinenden Frauen durch die Straßeil der Stadt unter den: 
Hohn und Gejohl der gaffenden Menge — denn wann und 
wo hätte eine solche Mitleid — nach dem Stadthause am 
Markt und setzten sie in das Gefängniß. Jedermann wußte 
jetzt, was die beiden Frauen zu erwarteil hatten. Leugnen 
würden sie ja, aber das kannte man schon. Dafür wäre 
Meister Dietz alls Berlin da, der würde schon kommen lind 
ihnen die Wahrheit mit der eisernen „Jungfer" im Stadt 
hause auspreffen. Man sah beide schon in Gedanken auf der 
Hürde von Holz und Stroh stehen, um lebendig geröstet zu 
werden und freute sich auf den Tag der Exeklition. 
(Fortsetzung folgt.) 
Rahel Varnhagen. 
(Hierzu das Portrait S. 253.) 
Glänzende gesellige Vereinigungspunkte wiffenschaftlicher und 
künstlerischer Größen in Berlin bildeten in den zwanziger und 
dreißiger Jahren unseres Säkulums das Haus des reichen Banquier 
Beer und das Haus Varnhagens von Ense. Eine Einladung 
in das Beer'sche Haus war für junge Gelehrte, Künstler und Schrift 
steller ein Ziel des höchsten Strebens, denn in den geistreichen Kreis, der 
sich hier vereinigte, aufgenommen zu werdell, galt für ebenso ehren 
voll wie angenehm. Das Beer'sche Haus ist dadurch für die 
wiffenschastliche Entwicklung Berlins in jener Zeit von hoher Be 
deutung geworden. Es zeichnete sich vor anderen gesellschaftlichen 
Vereinigungspunkten dadurch aus, daß den gastfreien Wirth nicht 
Prunksucht, sondern feines und richtiges Gefühl bei den Einladungen 
leitete. Er hatte nicht nöthig, seinem Namen durch die Gäste einen 
Nimbus zu geben; der Name Beer glänzte ohnehin in Wissenschaft 
und Kunst, die Söhne des Hauses waren überaus talentirt. Mi 
chael Beer zeichnete sich als Dichter, Meher-Beer als Musiker und 
Wilhelm Beer als Gelehrter aus. 
Von ähnlicher Bedeutung für die Berliner Gesellschaft wie das 
Beer'sche Haus — wenn auch von ganz anderem Charakter — war 
der Gesellschaftskreis Varnhagens von Ense, deffen Mit 
telpunkt die viel genannte Rahel, Varnhagens Gattin, bis zu 
ihrem Tode bildete. Wir bringen das Bild dieser Frau, welche
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.