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Periodical volume 2. Februar 1884, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Wenn der junge Fürst nach Straußberg kam, was ge- ’ 
wöhnlich zu Pferde in Begleitung zweier Diener geschah, j 
nahm er seine Wohnung bei den Dominikanern im Kloster, i 
aber nicht etwa, weil er sich zu den Mönchen hingezogen ! 
fühlte, oder diese eine besondere Freude an seiner Person ge- 
habt hätten. Mit Nichten, das that der Prinz nur, weil es 
so hergebracht und am billigsten war und er keinem Bürger- ' 
meister, Rathsherrn oder Bürger mit seiner Einlagerung be 
schwerlich fallen wollte. Im Kloster mußten die besten und 
lustigsten Gemächer immer zu des Kurfürsten und der Seinen 
Ankunft bereit gehalten werden und der Hauptmann auf dem 
„Eigenthum" der Cinnaer Cisterzicnser bei Straußberg hatte die 
Verpffichtung, für die Ausrichtung, das heißt für Essen und 
Trinken zu sorgen. Und die Cisterzienser waren reich, führten 
eine gute Küche und hatten volle Keller. Mehr wollte der 
Prinz nicht. Im übrigen kümmerte er sich um die Domini 
kaner nicht, weil er sie nicht leiden konnte. Das beruhte nun 
aber auf Gegenseitigkeit, denn die Mönche mochten auch von 
ihm und feinem beißenden Spott nichts wissen. Seine Frau 
Mutter war eine geheime Freundin und Anhängerin Luthers 
und ihr Sohn Johann ebenso. Das wußten die Mönche 
und deshalb haßten sie ihn. 
Kam nun der junge Fürst nach Straußberg und der 
regierende Bürgermeister erkundigte sich nach seinen Wünschen, 
so fragte derselbe immer zuerst nach dem Fischer Hans Perlitz, 
der nlußte zur Hand sein. Weitere Personen wünschte und 
verlangte er nicht. Der Fischer Hans aber wußte Bescheid 
und ohne daß ihm ein Befehl gegeben wurde und ohne viel 
Redens machte sich derselbe mit seinem Boote und Fangzeugc 
fertig. So war er ganz der Mann für den jungen Mark 
grafen, der auch kein Freund vieler Worte war, und mit der 
Zeit hatte sich unter beiden ein Verhältniß herangebildet, 
wie sich ein solches zwischen einem Fürsten und einem armen 
Fischer kaum denken läßt. So wie dieselben ihre Arbeit auf 
dein Waffcr begonnen, hatte cs mit Rang und Stand ein 
Ende, nur daß der Fischer Hans den Markgrafen Hans mit 
„Gnädiger Herr," und dieser den Fischer mit „Hans" und 
„Du" anredete. Sonst arbeiteten sie beide im Schweiße ihres 
Angesichts und keiner schenkte dem anderen seinen Theil an 
der Arbeit. Kopfschüttelnd sahen Rathsherren und Bürger 
öfter dem Treiben der beiden zu, an welchem stch niemand 
weiter bethciligen oder hülfreiche Hand bieten durfte, und 
wohl mancher unter ihnen beneidete den jungen Fischer, daß 
er so mit seiner markgräflichen Gnaden umgehen konnte. 
Aber dieser wußte und merkte nichts davon. War die Arbeit 
beendet, das Boot ans Land gezogen und befestigt und hatte 
sich der junge Fürst entfernt, so packte der Fischer seine Sachen 
zusammen und ging nach Hause zu seinen gewohnten Beschäf 
tigungen. Das ging alles ohne vieles Reden vor sich, niemals 
erhielt der Fischer ein Lob oder einen Dank, noch weniger 
eine Bezahlung, denn eine der hervorstechendsten Eigenschaften 
seiner markgräflichcn Gnaden war die Knickerigkeit. 
Aber einmal war cs doch anders gewesen nnb die beiden 
hatten mehr miteinander reden müssen. Das war an einem Tage, 
an welchen» sie sich auf dem Bötzotv, einem Sec etlva eine 
halbe Weile von der Stadt entfernt, befanden. Ein Gewitter 
war heratlsgezogcn, als sie mitten in der Arbeit waren, schivarze 
Wolken hingen über dem große»» See, kein Lüftchen bewegte 
sich, hin und »nieder blitzte es und näher und »»äher rollte 
der Donner. Fischer Hans tvar gegen seine Getvohnheit »in 
ruhig geworden und schaute manchmal bedenklich von seiner 
Arbeit auf nach dem Markgrafen hinüber. Endlich brachte 
er die wenigen Worte heraus: „Gnädiger Herr, es »väre 
bester, ivenn wir jetzt an's Land gingen." Dieser aber ant- 
inortete weiter nichts als: „Solches Wetter ist »nir gerade 
recht, hab's ans dein Wasser noch nicht erlebt." Dan»it mußte 
der beunruhigte Fischer zufrieden sein. 
.Indessen Gottes Wetter kehren sich an Könige und Fürsten 
nicht. Heran sauste der Wind, daß da drüben in der Lands- 
berger Haide sich die schlanken Kiefern unter feinem Drucke 
bogen und manche derselben von dem plötzlichen Angriffe z»»r 
Erde, einige sogar in den See getvorfen w»»rden. Der See, 
welcher vor wenigen Minuten noch eine spiegelglatte Fläche 
gezeigt, wogte und schäuinte jetzt. Es schien, als wüßten die 
Wellen noch nicht, nach »velcher Richtung hin sie sich wenden 
sollten. Dann aber brach das Wetter los. Aus dem Winde 
»vlirde ein St»mn, der unter furchtbarem Geheul über Wald 
und See hinwegsauste »md das Wasser in sirrchtbaren Auf 
ruhr brachte. Zu diesein Ungestüin kain Hagel und Regen, 
daß den Beiden im Boote Hören und Sehen verging. „Da 
haben »vir's. Heilige Mutter Gottes!" waren die einzigen Worte 
gewesen, »velche Fischer Hans ausgerufen, daraus hatte er mit 
kräftige»» Händen fester z»im R»»der gegriffei» und der junge 
Fürst war seinem Beispiel gefolgt. Mit furchtbarer An- 
streiig»uig arbeiteten beide, ihr kleines Boot gegen die an- 
stürmenden Wellen zu halten und von denselbei» nicht kentern 
zu lasten. Da »vollte es das Unglück, daß der junge Fürst 
das Gleichgewicht verlor und rückivärts in das schon mit 
Wasser gefüllte Boot stürzte, wobei ihn» das Ruder aus den 
Händen und ins Wasser glitt. Jetzt hatte der Fischer Hans 
die Arbeit allein und der Markgraf mußte sich »»»»thätig ins 
Boot setzen. Z»nn Glück sahen sie nach we»»igen Mnuten 
Schilf und Rohr vor sich, in »velches das kleine Fahrzeug 
mit furchtbarer Getvalt hineii» getvorfen »vurde. An »velcher 
Seite des Sees sie sich eigentlich befanden, »vußte selbst der 
Fischer Hans nicht, n»»r das tvar ihm klar, daß das Ufer 
nahe und sie gerettet seien. Da sie bemerkte»», daß das Boot 
nicht blos im dichten Rohr fest saß, sondern auch auf den 
Grund gefahren war, so stiegen sie a»»s, bahnten sich mit 
Mühe eirien Weg unb gelangten endlich glücklich an das Ufer. 
Als wenn die Elemente nur darauf gewartet hätten, so hörten 
jetzt plötzlich Sturin nnb Regen zu wüthe»» auf, der Doi»ner 
entfernte sich nnb die Sonne schien »vie sonst auf Wald und 
See hernieder, nur daß letzterer noch »veißen Gischt auf feinen 
Wellen dahintrug. Als jetzt die beide»» jungen Männer, Fürst 
und Fischer, durch»»äßt bis auf die Haut nnb von der furcht 
bare»» Anstrengllng erschöpft, an» Ufer stände»», da »var cs 
z»l»n ersten Riale, daß ersterer z»» seinem Begleiter »nchrcre 
herzliche Worte sprach nnb nicht blos dankte, fonbern ihm 
auch die Hand reichte. Zrvar anttvortete Fischer Hans, daß 
Seine Gnaden ja auch nicht »nüßig getveseu und seinen Theil 
am RettlingStvcrk redlich getragen. Dieser aber schüttelte den 
Kopf, zeigte auf das Ruder, das sein Begleiter immer noch 
in den Händen hielt und bedeutete dcntselben, daß seine Un 
geschicklichkeit beinahe allen beiden das Leben gekostet hätte. 
Damit war das große Gespräch beendet. Sie zogen den Kahn 
mit großer Blühe durch das dichte Rohr an's Ufer und gingen 
bann nach der Stadt zurück, heute ohne Beute »nitzubringen.
        
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