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Periodical volume 26. Januar 1884, Nr. 18

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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der blutigen Schlacht bei Laon fügte es der Zufall, daß sic 
auf einem Schlöffe Quartier nahmen, deffen Namen sie vorher 
nicht erfragt. Man bewirthete die Offiziere gut, aber der 
Diener entschuldigte den Hausherrn, er sagte, derselbe pflege 
seine kranke Frau und lasse sich deshalb nicht blicken, die Dame 
sei schwer leidend, aber kein Arzt auszutreiben. 
Georg ließ sofort nach dem Arzte seines Bataillons rufen 
und er hatte die Genugthuung zu hören, daß das Erscheinen 
des Arztes der Dame das Leben gerettet, sie hätte ohne die 
kleine Operation, die er vorgenommen, keine drei Stunden 
länger leben können. 
Am andern Morgen erschien ein alter Herr, der mit 
Thränen in den Augen seinen Dank aussprechen wollte, aber 
Georg ließ ihn nicht zu Worte kommen. Er erkannte in dem 
Schloßherrn den Vicomte Leon, den Gatten Nanons, er nannte 
Johann Ernst Gotzkowsky. 
Von fmlinaius Mchrr. (Mit der Illustration Seite 241.) 
Gotzkowsky und Schlüter — jener der größte Patriot 
seiner Zeit, dieser der „nordische Michelangelo" — haben nun 
gleichfalls Gedächtnißtaseln an ihren ehemaligen Wohnstätten er 
halten. Nur wenige Häuser in der Brüderstraße trennen diese 
Stätten, Nr. 28 und 33, von einander, welche Zeugen des auf 
opferndsten Edelmuths eines Patrioten, und der genialen Konzep 
tionen eines der gewaltigsten unter den unsterblichen Bildnern 
waren. Aber auch Zeugen des tieftragischen Looses, das beide Männer 
so unverdientennaßen ereilte, und das den Ersteren am Schluß 
seiner Autobiographie tief erschüttert ausrufen läßt: „So lohnt 
die Welt!" 
Gotzkowsky erblickte am 21. November 1710 zu Conitz das 
Licht dieser Welt. Kaum 5 Jahre zählend, raffte die Pest seinen 
Vater, einen in der Kriegszeit verarmten polnischen Edelmann, und 
Großdrhnitz im Havellande. 
Originalzeichnung von Theuerkauf. (S. Seite 250.) 
seinen Namen und Leon drückte ihm in tiefer Bewegung die 
Hände: 
Ich bin ein glücklicher Mann geworden, sagte der alte 
Herr, seit ich Deutschland verlaffen und ich weiß es, Nanon 
wird Ihnen auch sagen, daß sie zufrieden mit der Lage ist, 
die ich ihr bereitet. Wir sprechen oft von Ihnen — ich hatte 
damals doch Recht, eifersüchtig zu sein. 
Georg erröthete, er wußte, daß Leon sich nicht täuschte. 
Er besuchte Nanon in ihrein Krankenzimmer und Leon zog 
nicht die Stirn kraus, als die immer noch schöne Französin 
den deutschen Vetter mit beiden Armen umschlang und ihn 
küßte, als glühe ihr Herz noch wie ehedem! 
gleichzeitig auch die Mutter hinweg. Mitleidige Anverwandte in 
Dresden nahmen zwar des verwaisten Knaben sich an, ohne jedoch 
für deffen geistige Ausbildung Sorge zu tragen. So hatte Gotz- 
kowskv das 14. Lebensjahr erreicht, als sein älterer Bruder, 
welcher „in Bedienung bei dem Lagerhause" stand,*) ihn nach 
Berlin kommen und in die renommirte Sprögel'sche Materialwaarcn- 
handlung (in der Getraudtenstraße) als Lehrling eintreten ließ. 
Der Brand der Petrikirche, 1730, legte auch dies Handlungshaus 
in Asche, und nun trat unser Ernst, welcher durch eisernen Fleiß 
während seiner kaum beendeten Lehrzeit auch die geistige Aus 
*) Die große Wollmanufaktur wurde unter Friedrich Wilhelm I. in 
dem alten Schlosse der Brandenburgischen Markgrafen und ersten Kur 
fürsten angelegt und diente hauptsächlich für den militärischen Bedarf. 
Bis zum Jahre 1764 war dieselbe dein großen Potsdamer Waisenhaus« 
als Eigenthum und UnterhaltungssondS angewiesen.
        
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