Path:
Volume 19. Januar 1884, Nr. 17

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

235 
bis September 1722 zu liefern, dem Berliner Lagerhaus« aufge 
tragen wurde. 
Wie diese erste Lieferung ausfiel, ist aus den Akten nicht er 
sichtlich, indeß darf man annehmen, daß sie alle Ansprüche befrie 
digte, denn wenig später war es den unausgesetzten Bemühungen 
Mardeselds gelungen, den bereits erwähnten Ukas über den Import 
der preußischen Tücher hervorzurufen. Wahrscheinlich wirkte die 
allgemeine politische Lage zu dieser für Preußen günstigen Ent 
scheidung mit. Peter hatte die Hand seiner ältesten Tochter dem 
Herzog von Holstein versprochen, wollte diesen wieder in seine 
schleswigschen Lande einsetzen und wünschte dazu die preußische Zu 
stimmung. In der Handelswelt erregte die Entscheidung zu Gunsten 
der preußischen Industrie großes Aussehen. Die Engländer waren 
entrüstet. „Der reiche Herrmann Meyer," schrieb Mardefeld, „hat 
für 80 000 Rubel englische Tücher daliegen, die er nun nicht ver 
kaufen kann." Aber es war Thatsache, daß die Preußen nach den 
eingesandten Proben das Tuch viel billiger lieferten, als die Eng 
länder, und die Wendung, welche der russische Handel machte, da 
her begreiflich. In Berlin bildete sich daraufhin eine Compagnie. 
Zehn Berliner Kaufleute erklärten sich in einer Eingabe an den 
König vom 15. Februar 1724 bereit, die Tuchlieferung nach Ruß 
land zu übernehmen. Sie schoflen 60 000 Thaler zusammen und 
entsandten zwei aus ihrer Mitte zum Abschlufle des Vertrages nach 
Petersburg. Friedrich Wilhelm I. war darüber sehr erfreut, und 
schrieb eigenhändig an den Rand der Eingabe: „Die socii sollen 
mir davor respondiren mit ihrem Kopf, das guhte Wahren ge 
macht werden, das uns das Debit nit wieder abgehe und wir 
guhte Kredit halten." 
Die beiden Bevollmächtigten der Kompagnie führten während 
des Januar und Februar 1725 in Petersburg ihren Auftrag glück 
lich aus, und kehrten mit einer ersten Ordre auf Lieferung von 
150 000 Arschinen, worunter 74 817 Arschinen rothe, 43 292 grüne, 
28 557 blaue und 3334 weiße sein sollten, nach Berlin zurück. 
An Breite sollen sie „zwischen den Eggen 2 Arschinen, weniger 
zwei Werschock*) halten, die Eggen aber nicht unter einem halben 
Werschock sein." Der Anfang der Absendung sollte Mitte Juni vor 
sich gehen und bis zum letzten Juli desselben Jahres (1725) alles 
unterwegs sein. Der Preis war 57'/- Kopeken pro Arschin und 
wurde der dritte Theil nämlich 23 750 Rubel vorausbezahlt. Das 
zweite Drittel sollte zur Auszahlung gelangen, wenn die Hälfte 
der Tücher in Petersburg eingetroffen und der Rest, nachdem alles 
Tuch in den Händen der Russen war. 
Bald darauf muß ein weiterer Auftrag gefolgt sein, denn schon 
im ersten Jahre 1725 lieferte die Compagnie nicht weniger als 
223 375 Arschinen Tuch nach St. Petersburg, das commercielle 
Resultat war demnach ein überaus glänzendes. Bei einem Ein 
lagecapital von wahrscheinlich nicht viel über 100 000 Thaler war 
ein Gewinn von 22 878 Thaler erzielt worden. Ende September 
1725 siedelten zwei Berliner Kaufleute, Hauptinteressenten der Com- 
vagnie nach Petersburg über und errichteten dort ein besonderes 
preußisches Comptoir. König Friedrich Wilhelm aber gewährte 
unter dem 21. Septr. desselben Jahres der nach Rußland han 
delnden Gesellschaft ein Privileg auf 12 Jahre, in welchem er ihr 
»»sicherte „keiner anderen Compagnie, noch einem Particulier weder 
m unserem Königreich Preußen noch in unseren Churlanden oder 
übrigen Provinzen, Freyheiten zur Russischen Montirungslieferung" 
ertheilen zu wollen und die Erneuerung deflelben nach abgelaufener 
Frist in Aussicht stellte, falls die Compagnie „ihren Fleiß nicht 
blos auf ihren eigenen Prosit, sondern zugleich auf das Gemeine 
b'Ote mit richten, und sich dahin bestreben wird, daß Unseren Lan 
den und Unterthanen ein gutes Negoce etablirt und erhalten werde." 
Mittlerweile stellten sich dem Absätze der preußischen Tücher 
*) 1 Arschin hat 16 Werschock. 
in Petersburg einige Hindcrnifle entgegen. Leichten Kaufes ließen 
sich die Engländer nicht aus ihrer bisherigen Position verdrängen 
und die Intriguen hörten nicht auf. In einer Sitzung des 
russischen Kriegscollegs am 7. Juni 1727 wurden zwei Monti- 
rungsröcke vorgelegt, einer aus preußischem, einer aus englischem 
Tuch. Während beide angeblich gleich lange getragen waren, 
hatte nur der letztere seine Farbe behalten, und war der erstere 
fast weiß und ganz entfärbt geworden. Feldmarschall Münnich 
begünstigte die Engländer und erst im Jahre 1732 gelang es dem 
preußischen Gesandten auf einer Versammlung der Minister und 
höchsten russischen Generale nachzuweisen, daß die vorgelegten Sol 
datenröcke aus preußischem und englischem Tuch so gewählt waren, 
daß jene aus dem ältesten, schlechtesten, diese aus dem besten an 
gefertigt waren. Andererseits ließ sich freilich nicht in Abrede 
stellen, daß die preußische Waare, so sehr man sich anstrengte, der 
englischen in gewiflen Beziehungen doch nicht gleich kam. Nur 
unter fortgesetztem energischem Kampf der preußischen Regierung 
und der Compagnie zusammen, sowie im ernsten Streben nach tech 
nischer Vervollkommnung konnte das Feld gegen die Mißgunst der 
Engländer, und seit 1732, als auch die russischen Fabriken anfin 
gen in Betracht zu kommen, gegen die inländische Concurrenz selbst*) 
behauptet werden. 
Immerhin war, abgesehen von den Jahren 1728 und 1729, 
in welchen die Preußen gegenüber den beständig auf sie eindringen 
den Angriffen sich nicht zur Geltung zu bringen wußten, das Ex 
portgeschäft in Zunahme begriffen. Im Jahre 1725 lieferte die 
Compagnie 223 375 Arschinen Tuch, iin Jahre 1727, 365 474, im 
Jahre 1731 369 282, im Jahre 1733 304 752 Arschinen. Die 
Schwierigkeiten des Handels waren dabei nicht gering. Die Kom 
pagnie mußte russische Waaren, wie Juchten, Pottasche, Caviar, 
Rhabarber, Hausenblasen u. a. m. übernehmen, lauter Gegen 
stände, in denen Hamburger, Lübecker, Danzigcr Kaufleute 
größere Umsätze zu realisircn pflegten, und für die nur schwer 
neue Absatzwege im Inneren Deutschlands gesunden werden 
konnten. Die Verfrachtung ging nicht immer glatt vor sich. Mit 
unter waren zur bestimmten Zeit die nöthigen Kähne in Frank 
furt a/O, Landsberg und in anderen Orten gar nicht zu beschaffen 
und ehe das von Stettin nach Petersburg abgehende Schiff seine 
ganze Ladung hatte, mußten viele Fahrten gemacht werden. Die 
Assecuranz war hoch; in Folge dessen ließ die Kompagnie ab und 
zu ein Schiff nur zur Hälfte versichert abgehen, hatte dann aber 
auch bei Schiffbrüchen den Verlust zu tragen. 
Gegenüber diesen und anderen Nachtheilen, erfuhren Preußens 
wirthschastliche Verhältnisse auch wieder bedeutende Aufbesserung. 
Das Land wurde wohlhabender, Kaufleute und Industrielle lernten 
viel. Die Compagnie konnte von Jahr zu Jahr immer mehr 
vervollkommnete Tücher liefern. Auf Wolle, Färberei und Tuchbc- 
rcitung hatte man überall, wo die Compagnie bestellte, ein wach 
sameres Auge. „Die großen russischen Lieferungen wurden zu 
einer sehr guten Schule für die ncumärkische Tuchindustrie, einer 
vielleicht wirksameren als die in Reglements von 1687 und 1723, 
welche in der Weise der Colbertschen den kleinen Meistern die 
beflere Technik Hollands, Frankreichs und Englands beibringen 
wollten." Obwohl in den Jahren 1738 — 41 nach dem Aufhören 
der Lieferungen für Rußland eine allgemeine Absatzstockung entstand, 
erblühte die märkische Tuchindustrie doch rasch wieder um so 
glänzender auf. 
Wie vortheilhart schließlich die Compagnie für beide Parteien 
war, ihre Existenz hing zugleich von den politisch - diplomatischen 
Beziehungen Preußens und Rußlands ab. Der Umstand den 
*) In dem schon genannten Ukas ist bereits für das Jahr 1724 die 
Production in den Kronsfabriken von Kasan auf 20 000, von Moskau auf 
60 000, Woronesch auf 1500 Arschinen veranschlagt.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.