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Periodical volume 19. Januar 1884, Nr. 17

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Es lag etwas Spöttisches und Scharfes in dem Tone 
Nanons. Madame, antwortete Georg, es giebt Dinge, über 
welche die Delikatesse zu sprechen verbietet. Verzeihen Sie mir. 
Nanon lachte auf. Sehr gut, rief sie mit bitterem, 
spöttischen Hohn, Sie sind ein Meister in der Heuchelei. Sonst 
prahlen die Männer gern mit ihren Eroberungen, aber Sic 
halten sich den Rückzug frei. Das Geschäft ist also noch nicht 
arrangirt. Sie sind noch nicht handelseinig? 
Georg sprang auf, er flammte in Empörung. Madame, 
rief er, ich treibe keinen Handel und mache keine Geschäfte 
und ich will nicht fragen, wie Sie diese Dinge in Beziehung 
zu einer Herzenssache bringen wollen, die Sie vorher berührten. 
Es ist bester, ich verlasse Sie, denn ich bemerke, daß Sie sich 
völlig in mir täuschen — ich verantworte mich nicht auf den 
Vorwurf der Heuchelei. 
Lust, Jemand zu schützen, der mir mit Hohn für mein Jnter- 
este dankt. 
Madame, antwortete Georg, bewegt von diesen Worten 
und dem Tone ihrer Stimme, besten leidenschaftliche Heftigkeit 
einen schmerzlichen Hauch enthielt, ich habe so wenig Frcunde, 
daß ich jedes Wohltvollen, das man mir schenkt, doppelt hoch 
schätze. Bei Gott, ich bin nicht undankbar, nicht hochmüthig, 
aber kann ich glauben, daß Sie es wohl mit mir meinen, 
wenn Sie mir zeigen, daß Sie mich für einen verächtlichen 
Menschen halten? Sic deuten an, ich wolle meine Freiheit 
zum Gegenstand eines Geschäfts machen, Sic sagten, ich sei 
ein Heuchler. 
That ich Ihnen Unrecht? Ist es kein Geschäft, wenn 
Sie, anstatt meine dargebotene Hand zu nehmen und mir es 
zu überlasten,, einen Vergleich zwischen Ihnen und meinem 
Sie bleiben! herrschte Nanon, als er sich mit diesen 
Worten zur Thüre wandte, sie fühlte das Bedürfniß, ihrem 
Groll, ihrer Bitterkeit Luft zu machen. Ich habe mit Ihnen 
zu reden. Ich habe Ihnen mein Wohlwollen entgegengetragen, 
ich tvar gelaunt, Ihnen Opfer zu bringen, ich hätte mich, um 
Ihnen Ihr Recht zu verschaffen, mit meinem Gatten tödtlich 
entzweit und zum Danke dafür wollen Sie mir den Rücken 
drehen, wie einer zudringlichen lästigen Person? Was bilden 
Tie sich ein? Gut — verschmähen Sie meine Freundschaft, 
so sollen Sie meine Feindschaft kennen lernen. Sie danken 
es mir, daß man Sie noch nicht als Deserteur in Ketten ge 
legt, mein Bruder sucht Zeugen gegen Sie und er findet, was 
er finden will. Anstatt zu meinen Füßen mir zu danken, 
»vollen Sie, blinder Thor, den Hochmüthigen spielen? Gehen 
Sie doch — aber ich sage Ihnen, Sie haben nicht zehn 
Schritte auf der Straße gemacht und Sie sehen das Licht der 
Sonne nicht wieder, bis Sie auf dem Sandhaufen stehen und 
Ihr letztes Gebet sprechen. Gehen Sie, ich habe nicht länger 
Gatten möglich zu machen, sich an die Todfeinde Ihrer ver 
storbenen Eltern »venden und aus F»»rcht, Ihren Prozeß ver 
lieren zu können, eine Verbindung eingehen »vollen mit der 
Tochter einer Frau, die Alles daran gesetzt hat, Ihre Ehre 
zu brandmarken, die Ihnen nach dem Leben getrachtet? Soll 
ich etwa glauben, daß sie sich in ein Bild des Fräuleins 
v. Wehlen verliebt, oder daß Ihre Gefühle nachträglich, nach 
dem Sie dieselbe flüchtig gesehen, auf der Festung erwacht 
sind, tvv der Onkel der Dame Sie, wie Sie mir selbst erklären, 
an Ihrer Ehre beleidigte? 
Georg ergriff die kleine zarte Hand der Französin, er 
fühlte, daß ihre Erregung eine Folge des Jntcrcstes für ihn, 
daß ein großer Irrthum sie verblende. Wollen Sie mich mit 
Ruhe anhören, sagte er, ihr warm in das Auge schauend, so 
»verden Sie mich anders beurtheilen. Ich will es wagen. 
Ihnen mein ganzes Vertrauen zu schenken. Ihr Auge kann 
nicht lügen, ich fühle es, daß ihr Herz mir freundlich ge 
sonnen.
        
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