Path:
Volume 19. Januar 1884, Nr. 17

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

232 
sie konnte dieselbe nur durch die Polizei erfahren haben und ! 
diese war seinen Schritten von der Commandantur bis zur 
Wohnung Wiesels gefolgt! 
Ziveiundzwanzigstes Kapitel. 
Wieder betrat Georg das duftige Gemach der reizenden 
Französin. Aber hatte bei dein ersten Besuche, den er dem 
verführerischen Weibe gemacht, ein Zweifel an Gertrud, ja, ! 
ein Groll gegen dieselbe, ihn empfänglicher für den Zauber 
Nanvns gemacht, so panzerte ihn heute dagegen nicht nur 
das selige Gefühl, daß Gertrud seine Neigung nicht zurück- ? 
gewiesen, sondern auch die fast bis zur Gewißheit gesteigerte , 
Ahnung, daß Nanon ein heuchlerisches Spiel mit ihm ge- ! 
trieben, daß sie versucht, ihn in ihr Netz zu locken, um ihn j 
zum Werkzeuge der Intriguen ihres Gatten gegen die Wehlen 
zu machen. Und er zweifelte nicht daran, daß der Vicomte 
d'Alibert im Bunde mit der geheimen Polizei stehe, daß 
Padillon in dessen Auftrag zu Cüstrin den Spion gespielt. 
So hatte er denn das Gefühl, als nahe er sich der Höhle 
einer Tigcrkatze, als er in das duftgeschwängerte Boudoir 
trat, oder in das Gemach einer unheimlichen bösen Fee, die 
ihre Opfer berauscht, um ihnen Gift in den süßen Trank zu 
gießen. 
Nanon war sichtlich überrascht, als der Erwartete in 
eleganter Kleidung eintrat. Die Zofe, die Georg angemeldet, 
hatte ihn zweiinal nach dem Namen gefragt, ob er auch wirk 
lich der Herr sei, den die Vicomtesse zu sich beschieden und 
die ersten Worte NanonL verriethen, daß ihr diese Ueber- 
raschung kaum angenehm. 
Ei, ries sie, man hat mich belogen. Ich hörte von 
Jeniand, der Ihnen begegnet ist uub Sie kaum wieder er 
kannt, Sic wären in Berlin, aber sic sähen ärmlich und hcrab- 
gckommcn aus! Ich ließ Sie zu mir bitten, um Sie aus 
zuschelten, daß Sie mich nicht aufgesucht, mir nicht gestattet, 
Ihnen meine Börse zur Verfügung zu stellen und ich muß 
sehen, daß ein Anderer mir zuvorgekommen. 
Madame, entgegnete Georg in kühlem, gemessenen Tone 
und er vermochte kaum seinen Unmuth über die dreiste Un 
wahrheit zu verbergen, wenn diese gütige Absicht Sie geleitet, 
so bin ich Ihnen sehr dankbar, aber ich bewundere Ihr Ge 
schick, eine unbedeutende Person so rasch in Berlin zu finden. 
Nanon erröthete, sie fühlte es mehr noch aus dem Tone 
Georgs, als aus den Worten selbst, welche Stimmung ihn 
beherrschte. Und der Mann erschien ihr schöner, begehrens- 
werther als je. Sein Antlitz war gebräunt, die Züge waren 
fester, männlicher geworden, der düster ernste Ausdruck verlieh 
ihnen einen eigenen Reiz. Sie bewundern mein Geschick, das 
ist ein seltsam gewählter, fast verletzender Ausdruck, schmollte 
sie. Bin ich nicht Ihre Verwandte! Bin ich Ihnen nicht 
zu Dank verpflichtet? Ist cs nicht natürlich, daß ich ein leb 
haftes Jntcreffc für Sie hege! Warum reichen Sie mir nicht 
die Hand? Ist Ihr Groll gegen Frankreich so groß, daß 
sie den Haß eine Verwandte entgelten laffen, die Ihretwegen 
sehr unruhig gewesen? 
Man sagte mir, Madame, antwortete Georg, daß Sie 
ein Begnadigungsgesuch für mich eingereicht, aber Ihr Jnter- 
esie für meine Person mußte mir schaden, da Ihr Bruder, 
den Sie zum Ueberbringcr Ihres Briefes an mich gewählt, 
sich gleichzeitig der Spionage verdächtig machte und mich — 
absichtlich oder nicht, in beschimpfenden Verdacht brachte. Wenn 
Ihr Jnteresie für meine Person aufrichtig ist, so bitte ich Sie, 
mir zu sagen, wo ich Ihren Herrn Bruder finde. 
Nanon wechselte die Farbe. Ein so schroffes Zurückweisen 
ihres warmen Entgegenkommens verrieth eine geradezu feind 
selige Gesinnung, es empörte sie, daß Georg ihr Interesse in 
Zweifel zog, beinahe den Argwohn andeutete, sie habe gegen 
ihn intriguirt. Sie ahnte nichts von dem Streiche, den 
Padillon Georg gespielt. 
Sic zweifeln an der Aufrichtigkeit meiner Theilnahme, 
rief sie, und ihr Auge flammte, was sollte mich sonst be 
wegen, mich überhaupt um Sie zu bekümmern? Was bilden 
Sie sich ein?! Ich weiß nicht, was Sie meinem Bruder vor 
werfen, aber ich habe Sie davor gewarnt, feindselig gegen 
meine Angehörigen aufzutreten und mit den Feinden Ihrer 
Mutter zu liebäugeln. Was reden Sie von Spionage! Wie 
kann das Treiben meines Bruders Sie compromittiren? 
Georg lächelte bitter. Sollten Sie es wirklich nicht 
wissen, in welchen Verdacht Ihr Bruder mich gebracht? rief 
er und als Nanon ihn befremdet anschaute, schilderte er ihr, 
unter welcher Anklage er gestanden und wie er seine Ehre 
noch nicht völlig von dem Verdachte befreit, der auf ihm 
gelastet. 
Nanon lauschte, Georg sah es ihr an, daß sie Theil 
nahme fühlte, daß diese Schilderung sie erregte. Nanon 
glaubte jetzt die Erklärung dafür zu haben, weshalb ihr 
Zauber ihn heute nicht mehr berauschte. Sie sind ein blinder 
Thor, rief sie, Sic scheinen es nicht sehen zu wollen, daß der 
Mein Bruder verhandelte mit ihm; die Besorgung des Briefes, 
den ich ihm an Sie mitgab, war nur Nebensache, er wäre 
ohnedem auch nach Cüstrin gekoinmen. I. hatte schon längst 
Verbindungen mit deni französischen Hauptquartier angeknüpft, 
er hatte einen Befehl des Kaisers erwirkt, der meinem Gatten 
damals von Berlin entfernte. 
Das Antlitz Georgs klärte sich auf. Wollen Sie mir 
das schriftlich geben, rief er, dann bin ich Ihnen ewig ver 
pflichtet. Ich könnte mit dieser Erklärung einen infamen 
Verdacht zerstreuen, den I. auf mich geworfen. 
Warum nicht! antwortete Nanon, aber, fragte sie, ihn 
mit blitzendem Auge scharf fixirend, was wird die Fainilic 
Wehlen dazu sagen, wenn Sie I. solcher Schurkerei über 
führen? Ich höre. Sie stehen einer Nichte des Generals nahe- 
Georg erröthete unter dem forschenden Blick. Er war zu 
arglos, zu wenig eitel, um in diesem Moment den Gedanken 
hegen zu können, daß die hübsche Frairzösin, die doch das 
Weib eines Anderen war, Gefühle der Eifersucht hegen könne, 
aber es war ihm peinlich und überraschend, von ihr ein Ge 
heimniß berührt zu sehen, das er wie ein Heiligthum in der 
Brust bewahrt und das er nicht von Jedem antasten lassen 
mochte. 
Der General v. I., antwortete er, hat seinen Namen 
entehrt, aber damit ist nicht bewiesen, daß seine Anklage gegen 
mich eine falsche gewesen. Ich begehre weiter nichts, als mich 
von schmählichem Verdacht zu reinigen, damit kann ich Keinem 
zu nahe treten, als dem Verleumder allein. 
Sie weichen mir aus, rief Nanon, deren Antlitz sich 
röthete, als sie seine Verwirrung sah. Ist es wahr, daß Sie 
eine Tochter der Frau v. Wehlen anbeten?
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.