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Periodical volume 19. Januar 1884, Nr. 17

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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bin. Ich habe diese Dokumente erst erhalten, nachdem ich 
dem Könige von Preußen den Fahneneid geschworen, ich bin 
auf deutschem Boden geboren, als Deutscher erzogen, also 
kein Emigrant, kein Unterthan Ihres Kaisers. 
Die Entscheidung darüber liegt den Gerichten ob, ver 
setzte der Offizier. Ich gebe ihnen den Rath, sich eine so 
einflußreiche Person, wie es der Vicomte Leon d'Alibert ist, 
nicht zum Feinde zu machen. Doch das sage ich Ihnen im 
Vertrauen, die Sache geht mich nichts an. Ich habe den 
Befehl, Sie zu entlassen, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort 
darauf geben, Berlin nicht ohne Erlaubniß der französischen 
Behörden zu verlassen- 
Ich bedaurc, versetzte Georg, nach kurzer Ueberlegung mit 
Festigkeit, dieses Versprechen nicht geben zu können, ich würde 
damit eine Gewalt anerkennen, die mir unrechtmäßig erscheint. 
Ich stehe als Offizier auf Halbsold zur Verfügung des Königs 
von Preußen, stehe unter preußischer Gerichtsbarkeit, ich fühle 
mich schuldlos. Ich füge mich der Gewalt unter Protest, 
aber ich begebe mich nicht freiwillig in Gefangenschaft. 
Der Offizier verließ das Bureau und kehrte nach kurzer 
Abwesenheit zurück. Der General, sagte er, will von der 
Ihnen gestellten Bedingling abstehen, da er Bürgschaft für 
Sie hat, aber Ihr Paß bleibt hier, man wird Sie unter 
Aussicht behalten, verlaßen Sie Berlin, so haben Sie die 
Folgen sich selber zuzuschreiben- 
Es war das Spiel der Katze mit der Maus, welches die 
französische Behörde mit Georg zu beabsichtigen schien; der 
Umstand, daß von maßgebender Seite her zuerst die Ver 
haftung Georgs befohlen worden und daß später der Wunsch 
geäußert worden, man solle ihn unter Aussicht behalten, trotz 
der gegen ihn erhobenen Anklage, ihn schonend behandeln, 
aber eine etwaige Flucht verhindern, veranlaßte cs, daß der 
Adjutant des Commandanten sich fast der Vermittlung seines 
Auftrags schämte. Er inochte cs selbst fühlen, daß man ent 
weder eine schwer zu beweisende Anklage gegen einen braven 
Offizier des Feindes erhoben oder daß derjenige, der den 
selben vorläufig geschont sehen wollte, einen Preis von Georg 
dafür forderte, daß er von seiner Anklage Abstand nahm. Es 
drückte sich diese Stimmung, dieser Argwohn in der Haltung 
des Adjutanten aus. Derselbe empfand Sympathien für einen 
Soldaten, der treu zu seiner Fahne gehalten und ihn gefragt, 
ob er unter gleichen Verhältuiffen nicht ebenso gehandelt haben 
würde, er war ein Mann von Ehrgefühl, den es auch an 
widern mochte, daß die siegreiche Partei den bezwungenen 
Gegner nach dem Friedensschluß noch die Macht und den 
Haß des Gegners empfinden lasien wolle- 
Man fühlt es instinktmäßig, ob uns Jemand demüthigen 
will oder nur gezwungen uns Drohungen mittheilt und so 
entging es denn Georg auch nicht, daß der Offizier mit 
innerem Widerwillen ihm die befremdende Erklärung gegeben. 
Mein Herr, antwortete Georg, ich komme von weiter 
Reise, bin aller Mittel entblößt und tvollte mich in Berlin 
nur aufhalten, um mir Geld zur Weiterreise zu verschaffen, 
gleichzeitig hatte ich aber auch die Absicht, die Vicomtcsse 
d'Alibert aufzusuchen. Es handelt sich für mich darum, Ver 
leumdungen, die von gewisser Seite her gegen meine Ehre 
erhoben worden, nachzuspüren, ich glaube, der Vicomte Alibert 
steht denselben nicht völlig fern, ich lehne daher die Ver- 
günstigung ab, die mir durch seine Bürgschaft werden soll. ! 
Eine beschränkte Freiheit kann mir nichts nützen und es ist 
mir lieber, gleich hier in Haft zu bleiben, als mich wie ein 
Verbrecher vor den Thoren Berlins ergreifen zu lassen. 
Der Adjutant lächelte verlegen, einen Moment schien er 
unschlüssig, plötzlich aber schien er entschlossen, Georg sein Ver 
fallen zu schenken. Herr Kaincrad, sagte er, ich gebe Ihnen 
mein Wort, daß ich Ihren Entschluß verstehe und mit vollster 
Sympathie Ihnen beistimme, aber ich habe Befehl, keinen 
Widerspruch anzllnehmen. Mein Name ist Viktor Gardien, 
ich halte Sie für einen Ehrenmann, deil mail gehässig ver 
folgt ulid wenn ich Jhilcn ohne Verletzuilg ineincr Dienst 
pflicht irgendwie helfen kann, so wird mich das freuen. Im 
Vertrauen theile ich Ihnen mit, daß wir leider genöthigt 
sind, den Anweisungen der politischen Polizei blinde Folge 
zu geben. Danach sollen wir Ihren Paß behalten, Sie frei- 
laffen lind Ihnen sagen, daß Sie Berlin nicht verlassen dürfen. 
Der General Hulin kann das nicht ändern, eine Vorstellung 
wäre fruchtlos, verargen Sie also nicht mir, weiln ich Sie 
bitte, sich deni Befehle zu fügen. 
Ich danke Ihnen für dieses tröstende Wort, versetzte 
Georg, ich ersehe daraus, daß ich recht ahne, wenn ich in 
meinem Ankläger einen alten Feind wittere. Aber bei wem 
kann ich Beschwerde führen, a>r wen soll ich mich wenden? 
Der Offizier zuckte die Achseln. Die hohe Polizei hat 
linumschränkte Vollmachten, sagte er, sic besitzt das Vertrauen 
des Kaisers. 
Dann bitte ich Sie um eines, nahm Georg nach klirzcr 
Pause das Wort, sollte mir ein Unglück zustoßen, sollte ich 
verhaftet werden, ehe ich ineine Freunde davon beilachrichtigen 
kann, so geben Sie der Gräfin D. in Rudolstadt und dem 
Herrn Max v. Wehlen, der mit mir hellte in Berlin einge 
troffen, Kenntniß von meinem Schicksal lind der Veranlaffliug 
dazu. Ich werde Jhilen dafür dankbar sein. 
Viktor Gardien gab das Versprechen und Georg verließ 
die Coiilmandantur. Er hatte mit Wehlen weder verabredet, 
wo sie iil Berlin absteigen wollten, die Freunde hatten ja 
nicht gedacht, so rasch getrennt werden zu können und hatten 
es dem Zufall überlassen wollen, wo sie ein Quartier fanden, 
noch hatte er mit Max ein Rendezvous besprochen, er mußte 
es also dem Schicksal überlassen, ob er dem Freunde zufällig 
begegnete oder nicht. Er begab sich nach einem Gasthofe, 
aber seine reducirte Erscheinung verlockte den Wirth nicht, 
ihn in einer Zeit aufzunehmen, wo bei der starken Einquartieruug 
nur wenige Räume frei waren, aus deren Besetzung durch 
Gäste er seine Einnahmen schöpfen mußte; da beschloß Georg, 
sich sogleich an Wiesel zu wenden, den er später aufzusuchen 
gedacht, um ein Darlehn zu erbitten. 
Wiesel empfing den Günstling des auf dein Schlachtselde 
gebliebenen Prinzen mit offenen Armen, er zeigte sich ihm, als 
Freund in der Roth, zu jeder Hülse bereit. Er sorgte dafür, 
daß Georg seiner äußeren Erscheinung ein besseres Ansehen 
geben konnte und versprach sofort seine einflußrcicheil Ver 
bindungen auszunutzen, uin den Schutz der preußischen Re 
gierung für Georg anzurufen. 
Viktor Gardien hatte Georg angedeutet, daß man ihn 
überwachen werde und Georg sollte bald erfahren, daß er 
sich vor dem Auge der französischen Polizei bewege, er erhielt 
noch an demselben Tage ein Billet, welches ihn zur Vicoin- 
tcffe d'Alibert beschied. Diese wußte also schon seine Adresse,
        
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