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Volume 19. Januar 1884, Nr. 17

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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die eine Ehre verdächtigt und er hoffte das dadurch am 
leichtesten zu bewerkstelligen, wenn er den Herrn de Padillon 
aussuchte und zur Rechenschaft zog, derselbe war ja das Werk 
zeug des Generals v. I. gewesen. 
Max v. Wehlen hatte gleichfalls seine Entlassung ge 
nommen. Bei der Gesinnung, die Georg ihm zu erkennen 
gegeben, lag es in seinem Interesse, Georg zu unterstützen 
und den Feindseligkeiten der französischen Alibcrts zu begegnen. 
Der Weg von Königsberg nach Berlin war damals 
weiter, als heute eine Reise in einen anderen Welttheil. 
Abgesehen davon, daß heilte überall Dampfmaschinen die 
Wagen und Schiffe treiben, war in jenen Tagen nicht einmal 
die Post überall im Gange und wo sie es war, von hohen 
Reisenden, von Staffetten, von Personen, die im Dienste be 
fördert wlirden, in Anspruch genommen. In den Städten 
selbst waren kaum Fuhrwerke zu erhalten, überall fehlte es 
an Pferden- Die Brücken waren größtentheils zerstört, die 
Straßen von Truppeil occupirt, überdem machten französische 
Etappenkoinmandcure den Paffanten sehr häufig Schwierig 
keiten, ließen sie Tage und Wochen warten, bis sie den Paß zur 
Weiterreise mit dem Visum versahen. Sie verfuhren mit be 
sonderer Rücksichtslosigkeit gegen Offiziere außer Dienst, da es 
bekannt geworden, daß ein großer Theil der preußischen Offiziere 
sich ciitschloffeii, in die Kriegsdienste von Ländern zu gehen, die 
wie England lind Spanien dem Welterobcrer noch trotzten. 
So erreichten die beiden Freunde erst im Oktober 1807 
die Nähe der Stadt Berlin, sie hatten zwei Monate gebraucht, 
den Weg zurückzulegen. Noch immer hatte Max keine Nach 
richt von seinen Angehörigen und wußte nicht, ob er dieselben 
in Berlin oder anderswo treffe, die Geldmittel der beiden 
Reisenden waren beinahe völlig erschöpft und ihre äiißere Er 
scheinung nicht mehr derart, daß sie, wenn die Reise länger 
gedauert hätte, unterwegs leicht Credit gefunden hätten. 
Die Freilnde waren bereits vielfach gewarnt worden, j 
durch den Ausdruck patriotischer Gefühle sich den Franzosen 
verdächtig zu machen. Im Königreiche Westfalen und am 
Rhein war bereits das System einer geheimeii französischen 
Polizei zur Ausrottung deutscher Gesinnung vollständig organi- 
sirt, aber es befanden sich auch in den noch preiißisch ge- 
bliebcnen Landen Spione genug, welche die Aufgabe hatten, ! 
mißvergniigte Personen vor Gericht zu bringen. Man war 
dabei in den Mitteln nicht wühlerisch. Die Söldlinge der ! 
Polizei scheuten sich nicht, selber Mißvergnügen zu heucheln, j 
um ihre Opfer zu Auslaffungen zu verleiten, welche als Hoch- 
verrath gegen Napoleon gedeutet werden konnten. Ein Netz 
von Spionen bedeckte ganz Deutschland, der Kaiser wollte 
jeden Keim eines möglichen späteren Aufstandes in der Wurzel 
ersticken. 
So hatte man denn auch den Reisenden erzählt, daß 
die französischen Postbchördcn durch geheime Zeichen auf den 
Püffen sich untereinander über die betreffende Person ver 
ständigten, der Paß mußte aber in jedem Orte, wo sich eine 
Behörde befand, vorgezeigt werden. 
Max, sowohl wie Georg, hatten in ihren Reden überall 
die äußerste Vorsicht beobachtet, als sie sich aber am Thore 
der Residenz meldeten, ließ der französische Beamte, nachdem 
er die Pässe besichtigt, Wehlen passiven, Georg erhielt den 
Befehl, ans der Wache zu bleiben, bis man weitere Be 
stimmungen über ihn eingeholt habe. 
Umsonst fragte Georg, weshalb man ihn für verdächtig 
halte, er erhielt die barsche Antwort, er habe zu schweige». 
Max versprach ihm, sich sofort für ihn zu verwenden, aber 
nachdem Georg eine Stunde auf der Wache zugebracht, kam 
der Befehl, ihn nach der Commandantur zu escortiren. 
Ein Adjutant des General Hulin eröffnete Georg, daß 
er auf der Liste der Deserteure stehe, welche unter Bruch des 
Ehrenwortes sich durch die Flucht der Kriegsgefangenschaft 
entzogen. Er verdanke es allein der Verwendung des Vicomte 
Leon d'Alibert, wenn man ihn nicht sofort als Arrestanten 
auf eine Festung schicke und dort vor das Kriegsgericht stelle, 
der Vicomte habe sich für ihn verbürgt; wenn er sich auf 
Ehrenwort verpflichte, nicht abermals die Flucht zu ergreifen, 
so könne er bis aus Weiteres Wohnung im Hause seines Ver 
wandten nehmen. Georg wies dieses Ansinnen mit Empörung 
zurück. Wenn man mir zutraut, mein Ehrenwort einmal ge 
brochen zu haben, versetzte er, so ist es ein Widerspruch, mir 
auf ein anderes Ehrenwort zu vertrauen, lieber will ich mich 
vor dem Kriegsgericht verantworten, als zugeben, daß ich 
meine Ehre geschändet. 
Sie wurden bei Saalfeld verwundet, entgegnete der 
Offizier, dem dieser Widerspruch sehr ungelegen zu kommen 
schien, nach dem Befehle des Kaisers sollten auch die ver 
wundeten Offiziere in Kriegsgefangenschaft abgeführt werden, 
Sie haben sich aber geflüchtet und in diesem Kriege abermals 
gegen uns gefochten. 
Es hat mir Niemand das Ehrenwort abgefordert, mich 
nach meiner Genesung zu stellen, entgegnete Georg, die Be 
fehle Ihres Kaisers waren aber für mich nicht bindend, hätte 
ich auch davon Kenntniß erhalten. 
Wenn Sie beweisen können, daß Ihnen der Befehl nicht 
bekannt geworden, so würde das die Sache ändern, dann 
wäre die Person, welche Sie aufgenommen und Sie ver 
borgen oder doch nicht angemeldet, statt Ihrer strafbar. Nennen 
Sie dieselbe. 
Es widerstrebte Georg, den Pfarrer, der ihm ein Asyl 
gegeben, zu verrathen. Sie können keinen Akt der Undank 
barkeit von mir fordern, entgegnete er, ich bin überzeugt, jeder 
französische Offizier hätte in meiner Lage gehandelt wie ich 
und jeder patriotische Franzose, wie mein Wirth. 
Der Adjutant lächelte. Ich bestreite das nicht, sagte er, 
aber Beide hätten dann auch die Folgen ihrer Handlungs 
weise zu tragen. Gegen Sie kommt aber noch ein anderes 
Gesetz zur Geltung, welches alle geborenen Franzosen mit der 
Todesstrafe bedroht, wenn sie mit den Waffen in der Hand 
gegen Frankreich kämpfend ergriffen werden. Der Vicomte 
d'Alibert behauptet nun zwar. Sie führten seinen Namen init 
Unrecht oder in Folge eines Irrthums, Ihr Vater sei kein 
Franzose gewesen, aber das müßten Sie ebenfalls beweisen, 
um sich vor jenem Gesetz zu schützen. 
Die Ursache, weshalb der Vicomte Alibert sich für ihn 
verwendet, war Georg jetzt erklärt. Alibert hatte jedenfalls 
seine Verhaftung vorbereitet unb ließ ihn jetzt durch einen 
Dritten darauf Hinweisen, daß er wohlthue, seinen Taufschein 
zu vernichten. 
Georg lächelte bitter. Es mag im Interesse meines Für 
sprechers liegen, sagte er, daß ich auf die Ehre verzichte, sein 
rechtmäßiger Vetter zu sein, aber ich besitze zum Glück un 
anfechtbare Dokumente dafür, daß ich ein Vicomte d'Alibert
	        
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