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Volume 12. Januar 1884, Nr. 16

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Der Zahl nach war nun Wohl die Vierzahl der Komiker wie 
der vollzählig, aber nicht, für das Publikum wenigsten nicht, dem 
Gehalte nach. Auch die Dichter der Posse, welche gewohnt waren 
mit dem Hinblick auf die Eigenart ihrer bisherigen Interpreten 
ihres Humors ihre Charaktere zu schaffen und jetzt mit fremden 
Größen zu rechnen hatten, konnten sich nicht sobald in die ver 
änderte Situation finden und ließen eine Pause in ihrem Schaffen 
eintreten. 
Wallner selbst fühlte den Schlag, den ihm sein Concurrent 
versetzt hatte, sehr tief, er verletzte sein Selbstgesühl, schädigte seine 
geschäftlichen Interessen und traf ihn um so schmerzlicher, weil er 
verständig genug war sich zu sagen, daß er ihn verdient habe. 
Seit Neumann und Anna Schramm das Theater ver- 
lasien, erschien es wie in den Bann gethan. Nichts und Niemand 
wollte Anziehung üben; mit Ausnahme zweier Gastspiele von Frie 
drich Haase und von Knaak im April, die eine Oase in der 
geschäftlichen Wüste bildeten, sah Wallner fast während des ganzen 
Jahres 1867 nur leere Häuser. An den gleichmäßig ruhigen, er 
giebigen Geschäftsgang des Theaters in den letzten Jahren ge 
wöhnt, der ihm erlaubt hatte, Monate lang reisen zu können, sah 
er sich nun wieder der nicht mehr gewöhnten Sorge gegenüber, Sorge 
zu ertragen, dazu fühlte er sich nicht mehr fähig; jedenfalls aber 
fühlte er nicht mehr die Schaffensfreudigkeit vergangener Tage 
und da ihm ein gütiges Geschick bisher gewährt hatte, was er in 
solcher Fülle wohl kaum bei seinem Einzuge in Berlin 1855 zu 
hoffen gewagt hatte, Vermögen, ein glänzendes Eigenthum, Titel 
und Orden, er ein Mehr des Glücks in seinen Jahren nicht wohl 
erwarten durste, Anzeichen kommenden körperlichen Leidens sich 
fühlbar machten, gewiffe persönliche Verhältnisse, die als solche hier 
nicht erwähnt werden können, auch die Ueberhebung einzelner, sich 
nun unentbehrlich dünkender Mitglieder, ihm die geschäftliche Sorge 
doppelt schwer und lästig machten, war es wohl erklärlich, wenn 
der Wunsch, entlastet zu werden, in Ruhe sich des Erworbenen 
enreuen zu können, mit jedem Monat geschäfflichen Mißerfolges 
immer lebhafter sich in ihm zu regen begann, und zur Erfüllung 
drängte. In Wal ln er' s Wesen aber lag es — als Ursache 
seiner großen Erfolge — begründet, dem Gedanken schnell den Ent 
schluß und diesem ebenso schnell die Ausführung folgen zu lassen. 
Und so sehen wir ihn nun den Mann suchen, dem er sein schönes 
Theater, vorläufig als Pächter, anvertrauen könne. 
Wohl gab es in Deutschland Bühnenleiter genug, die mit 
tausend Freuden die Leitung und Pacht des Wallner-Theaters 
übernommen hätten, aber das waren nicht die Männer nach dem 
Herzen Wallners. Aus weiter Ferne, von jenseits der deutschen 
Grenze, ries er den Mann herbei, den er sich zum Nachfolger er 
koren hatte, von dessen Fähigkeit zur Leitung eines so großen In 
stituts er überzeugt war, von dem er wußte, daß er seine Schöp 
fung auf der Höhe ihres Rufs erhalten würde. Es war dies 
Theodor Lebrun, der von der Stadt Riga erwählte Director des 
dortigen großen deutschen Stadt-Theaters, ftüher langjähriger Regiffeur 
der Hof-Theater in Wiesbaden, Hannover, Deffau, des Stadt-Theaters 
j in Breslau, ein Mann von academischer Bildung und ein Künstler 
bon Rang und deutschem Ruf. Glücklich wie er es als Leiter seiner 
Bühne gewesen, war es Wallner auch wieder in der Wahl seines 
Nachfolgers, wie glücklich, werden wir später sehen. 
Wir kehren zurück zum Abschluß der Direktionsiührung Wall- 
ner's. Wie schon erwähnt, war das Jahr 1867 in seinem grö- 
st'ren Theil ein geschäftlich sehr ungünstiges und erst gegen den 
Schluß desselben und wie von Wal lner Abschied nehmend, lächelte 
»hm noch einmal die Sonne seines Glücks. Im Dezember erhielt ! 
n von D. Kalisch und A. Weirauch eine neue Poffe: „Die 
^ oltenburger," welche R. Bial musikalisch reich illustrier hatte. 
^‘ e wurde am 23. September zum ersten Male und mit dem glän- 
ßondsten Erwlge aufgerührt und ununterbrochen bis zum Mai 
1868 bei stets vollen Häusern gegeben, Wallner noch zum 
Schluß seiner Laufbahn als Bühnenleiter ein kleines Vermögen 
zu seinem sonstigen, sehr respectablen Besitz in den Schoß legend. 
Mit der 115. Aufführung dieser Zugposse und einem von Heinrich 
Willen, einem Mitgliede der Bühne und talentvollen humoristi 
schen Bühnenschriftsteller gedichteten Epilog beschloß Franz Wall 
ner am 30. April 1868 seine Bühnenleitung. 
Im Monat April hatte Wallner bereits mit Theodor 
! Lebrun einen Pachtvertrag auf vorläufig 5 Jahre abgeschlossen, 
der ihm eine Jahresrente von 54,000 Mark aus seinem Theater 
sicherte. Im Besitz dieser Rente und eines bedeutenden Baarver 
mögens, von Sr. Majestät dem Könige mit dem Titel „Geheimer 
Commissionsrath" bei seinem Austritt aus der Leitung des Thea 
ters ausgezeichnet, verließ Franz Wallner nun nach 13 Jahren 
Berlin und siedelte sich, der im Herzen immer ein guter Oesterreicher 
geblieben war, in seinem Heimathslande Oesterreich, in Graz. an. 
(Fortsetzung folgt.) 
MisreUcn. 
Elektrische Deleucktung in Merlin. Die Versuche mit der elek 
trischen Beleuchtung im unteren Theile der Leipziger Straße 
sind nunmehr, wie die „Berl. Ztg." hört, wohl als ausgegeben zu be 
trachten. Der Magistrat soll sich bereits schlüssig geworden sein, das mit 
der Finna Siemens u. Halske vorläufig bis zum 1. September d. I. 
eingegangene Vertragsverhältniß nicht sortzusetzen. Es sollen dafür zwar 
auch die wiederholt eingetretenen Betriebsstörungen in Betracht kommen, 
doch lagen dieselben, wie genanntes Blatt weiter ausführt, in der Ratur 
der Sache, indem die ausführende Firma diese erste elektrische Straßen 
beleuchtung in Berlin zunächst nur eben als eine Probe zur «Gewinnung 
von Erfahrungen ausgegeben hatte. Entscheidend aber für den magistrat- 
lichen Entschluß seien die Kosten der Anlage und des Betriebes derselben 
die, zumal im Hinblick auf eine Ausführung in einem größeren Theile 
der Stadt, vor Allem zu der eingerichteten Gasbeleuchtung in keinem an 
gemessenen Verhällniß stehen würden; es sei dies selbst gegenüber den 
Friedrich Siemens'schen Regenerativbrennern der Fall, die sich im oberen 
Theile der Leipziger Straße bewährt hätten. Auch über den Kostenpunkt 
habe die Firma Siemens und Halske kein Hehl gemacht, indeni sie erklärte, 
daß selbst, nachdem in den provisorischen Maschinenhause aus deni Grund 
stück der verlängerten Zimmerstraße statt der treibenden Gasmotoren Damps- 
maschinentrieb eingeführt worden, die Betriebskosten doch noch so erheb 
lich wären, daß diese Straßenbeleuchtung mit elektrischen Brennern nach 
der Veranschlagung des bisherigen Vertragsverhältnisses nur mit eigenen- 
Verlust würde fortgesetzt werden können. Hierzu veröffentlicht die Firma 
Siemens & Halske das Nachstehende: „Die von uns angeblich abgegebene 
Erklärung über den Betrieb mit Schaden ist eine reine Erfindung. Selbst 
verständlich ist die elektrische Beleuchtung kostspieliger wie eine gewöhn 
liche Gasbeleuchtung, es ist aber unzweifelhaft, daß die elektrische Be 
leuchtung der Leipziger Straße selbst bei der jetzigen provisorischen Be 
leuchtungs-Einrichtung schon erheblich billiger ist, wie eine gleich 
starke Gasbeleuchtung irgend welcher Art. Siemens L Halske." 
Schloß Dellevue. (Mit einer Ansicht des Schlosses nebst Umgebung 
vom Jahre 1787.) Das von uns reproducirte Blatt enthält im Originale 
den Vermerk „Nach der Natur von C. A. Schwarz 1787", ist a son 
Altesse Royale Madame la Rrincesse Ferdinand de Prusse gewidmet und 
erschien bei Jean Merino & Comp, in Berlin „marehands d’Estampes 
de laeademie royale“. Das Blatt entstand also um ebendieselbe Zeit, 
da der Prinz Ferdinand, der Bruder Friedrichs des Großen, das Schloß, 
welchem er den Namen „Belle Vue" gab, neben den alten seit 40 Jah 
ren bestebenden Knobelsdorfschen Gebäuden hatte errichten lassen. In 
demselben Jahre schrieb Friedrich Nikolai, daß der Prinz dies Grund 
stück, von dem aus dem Potsdamer Thore eine große breite Allee führte, 
1784 von dem Staatsminister von der Horst gekauft habe, der 
1773 das größere Gebäude an der Spree „als ein Lusthaus" neben 
den kleineren Knobelsdorfschen Gebäuden aufführen ließ. 
In diesen 'Notizen steckt die ganze Baugeschichte der prächtigen Be 
sitzung, welche — heute dem Kaiser gehörend — dem Prinzen Wilhelm 
von Preußen zugewiesen ist. Aus dem Hause des Gärtner Müller ent 
stand die Knobelsdorf'sche Meierei, daneben die Horst'sche Villegiatur, dar 
aus das Prinzlicke Sommerschloß, wie unser Bild uns dasselbe zeigt. 
Im Jahre 1802 übernahm der Sohn des Prinzen, Prinz Louis Fer 
dinand, die Besitzung, in der am 8. Mai 1804 Friedrich Schiller, als 
Gatt des geistreichen Fürsten, gespeist hat. 
Nach dem Tode Louis Ferdinands übernahm dessen Bruder, Prinz August 
von Preußen, Bellevue und sowohl die heute noch im Schloßhose aufgepflanzte 
Kanone, „le drole" genannt, wie die in der oberen Etage befindliche Ein 
richtung erinnert an den sogenannten „Organisator der Preußischen Ar 
tillerie". Von seiner Tochter, der Gräfin von Waldenburg ist ihm im 
Schloßpark« ein Denkmal gesetzt. 
Von den Erben des Prinzen August kaufte König Friedrich
	        
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