Path:
Periodical volume 12. Januar 1884, Nr. 16

Full text: Der Bär Issue 10.1884

223 
muffe. Die gewöhnliche Ansicht geht dahin, daß Berlin zwischen 
den Jahren 1232 und 1250, um welche Zeit es zu den am meisten 
bevorzugten märkischen Städten gerechnet wird, das Branden- 
burgisch-Spandauer Stadtrecht empfangen habe. Sicherlich gehört 
cs mit seinen 124 Hufen zu den ältesten deutschen Gemeinwesen 
des Barnim, das schon 1244 als Mittelpunkt eines Kirchenkrcises 
erscheint. 
In Bezug auf den Teltow haben wir gezeigt, daß die 
wichtigste Straße von Spandau auslief, aber sicherlich fand die 
Einwanderung auch von Potsdam aus durch die Niederung der 
Tcltcbcke über Teltow selbst statt. Die von Steglitz, die aus der 
Altmark staminten und wahrscheinlich auch hier im Teltow das 
gleichnamige Dorf gründeten, schenkten tut Jahre 1242 das in der 
Nähe gelegene Arnsdorf an Lehnin. Eine alte Gründung ist 
sicherlich auch Tempelhof südlich von Berlin. Allem Anscheine 
nach ist es von den Tempelherren angelegt, aber kaum vor dem 
Jahre 1229, denn in dieser Zeit erscheint der Orden überhaupt 
erst in den mittelmärkischen Gegenden. 
Mittenwalde führte den wendischen Namen Bart, d. h. 
Bienenstock, und ist daher nicht deutschen Ursprunges. Seine ge 
ringe Hufenzahl (34) zeigt, daß es erst spät städtische Rechte erhielt. 
Köpnick, ein alter slavischer Ort, erscheint zum ersten male 
mit Deutschen in Beziehung im Jahre 1209, als Dietrich Mark 
graf der Lausitz hier eine Urkunde ausstellte. Ein bedeutsamer 
Fingerzeig auf die Ansprüche, die später Heinrich der Erlauchte 
auf den Teltow erhob. Köln an der Spree wird im Jahre 1238 
zuerst genannt, aber wenn cs auch schon damals ein Pfarrort ge 
wesen, so deutet seine geringe Husenzahl (44) erst auf die Mitte 
des Jahrhunderts hin, als der Zeit, in der seine Berhältniffe zu 
den übrigen Gemeinwesen geordnet wurden. Ein Gleiches geschah 
mit Köpnick, das die gleiche Husenzahl hatte. 
Es liegt nicht im Plane dieses Aufsatzes, auf das Verhältniß 
der eingewanderten Deutschen zu der vorgefundenen wendischen Be 
völkerung einzugehen. Wir beschränke» uns auf einige Bemerkungen. 
Es ist schon oft der auffälligen Thatsache gedacht, daß sich die 
Kietze nur in gewissen Theilen der Mark finden, während sie 
anderen Gegenden fehlen. Wir finden sie weder in der Altmark 
»och in der Priegnitz, weder in Mecklenburg und Pommern, noch 
in den südlichen zur Lausitz gehörigen Landstrichen, wohl aber im 
Teltow und Barnim, im Lande Lebus, der Uckermark, Neumark 
und im Havcllande. So möchten wir die Entstehung der Kietze 
mit einer gleichzeitigen massenhaften deutschen Einwanderung in 
Verbindung bringen. Eine solche zwang naturgemäß die zurück 
gebliebene wendische Bevölkerung, sich abzusondern, während bei 
einem allmähligcn Zuzug Vieh früher eine Vermischung stattsindcn 
konnte. 
Wenn wir eine ganze Anzahl wahrscheinlich schon 1237 be 
stehender Orte namhaft machen, dann den großen Bebauungsplan 
gleich nach 1250 auch den Barnim berührend annehmen konnten, 
so zeigt sich im Großen und Ganzen noch ein dritter Zeitabschnitt 
'ur die Errichtung von Dörfern. Wir können ihn erst in das 
folgende Jahrhundert setzen. Damals entstand »och eine Anzahl 
Dörfer mit sehr geringer Hufenzahl, aber auch endlich hatten sich 
die Wenden in ihren abgeschlossenen Gemeinwesen allgemach dem 
allgemeinen Ganzen angepaßt, daß auch ihnen, soweit sie nicht 
ausschließlich Fischerdörfer bewohnten, eine geringe Zahl von Acker- 
hufe» gegeben werden konnte. 
Unter jenen zuletzt errichteten deutschen Dörfern nennen wir 
Rixdorf, dessen Stiftungsurkunde vom Jahre 1360 uns aufbewahrt 
blieb. Es erhielt nur 25 Hufen. Von wendischen Dörfern inachen 
wir Wusterhausen namhaft, einst eine Grenzfeste wie der Name 
besagt, — man vergleiche das polnische Ostrog, ein mit Pallisaden 
befestigter Ort — und im vorigen Jahrhundert als Königliches 
Jagdschloß berühmt. Es erhielt nur 11 Husen. 
Von alten wendischen Dörfern aber, die schon ftüh genannt 
werden, aber nie Acker bekamen, lernen wir Drewitz 1228, Stralow 
1244 und endlich im Jahre 1242 Slatdori kennen, ein nun längst 
eingegangenes Fischcrörtchcn am Schlachtensee. 
Eine Frage drängt sich uns zum Schluffe noch aus: Geschah die 
Einwanderung der Deutschen schon vor der Zeit, da die Markgrafen 
rechtlich den Besitz des Landes antraten, also vor der Zeit zwischen 
1225 und 1232? Für den Teltow ist dies gewiß nur für die Orte 
Teltow selbst und Grüben anzunehmen. Des bequemen Zuganges zu 
ersterem von Potsdam aus haben wir gedacht, von Grüben aber 
nannte sich ein adliges Geschlecht von der Groeben, das schon zu 
Ende des 12. Jahrhunderts in Begleitung der Markgrafen erschien. 
Der Haupttheil des Landes ward zu Anfang des 13. Jahr 
hunderts von Meißen in Anspruch genommen, aber kein Anzeichen 
ist uns geworden, daß die Meißner Markgrafen das Land zu kolo- 
nisiren suchten. 
Auch für den Barnim möchten wir die Frage bejahen. All 
mählig mögen von Spandau aus die Einwanderer das wenig be 
völkerte Land besetzt haben. Setzt doch die Urkunde von 1237 
eine ganze Anzahl von wohlorganisirten Wohnstätten voraus, die 
kaum in der kurzen Zeit von 12 Jahren entstanden sein konnten 
und scheint doch das Land, das die Einwanderer hier gewannen, 
fast wie herrenloses Gut zu betrachten gewesen. Daß natürlich 
auch der Brennpunkt der Kolonisation des Barnim, Berlin, vor der 
markgräflichen Zeit bestand, unterliegt keiner Frage rmd der Petrus 
de Berlin, dessen in einer Meißner Urkunde vom Jahre 1200 ge 
dacht wird, mag wohl i» Verbindung stehen mit der Lausitz 
meißnischen Oberherrschaft über den Teltow, mit Ansprüchen darauf 
wenigstens, die erst durch einen Krieg zwischen Brandenburg und 
Meißen ein Ende fanden. 
Daß Berlin aber ursprünglich keine deutsche Gründung 
gewesen, beweisen die Ueberlieferungen des Berliner Stadt- 
buches. Die Nachricht: je deine Krank sint 17 Woningc di 
Wortyns geben — kann sich nur auf eine ringförmige den Wenden 
eigenthümliche älteste Anlage beziehen: Kräng ist slavisch und be 
deutet Ring und Wortzins konnte sich ursprünglich nur aus Steuern 
beziehen, die Wenden zu geben hatten. 
Das Ergebniß, unserer hauptsächlich unter Führung des Land 
buches angestellten Untersuchung dürste sich in Folgendem zusammen 
fassen lasten: 
1. Die oft gleichen Hufenzahlcn der Ortschaften weisen auf 
eine planmäßige Anlage durch die, in gewissen, bald aus einander 
folgenden Zeiten einwandernden Deutschen hin, die, ohne Widerstand 
zu finden, Besitz ergriffen und das Land rodeten. 
2. Man suchte zuerst die wichtigsten Hauptstraßen mit Ort 
schaften zu besetzen. 
3. Die Kolonisation ging von Spandau, für de» Barnim 
über Berlin, für den Teltow aber auch von Potsdam auö. 
4. Der Teltow wurde später in Angriff genommen, weil die 
meißnischen Ansprüche erst beseitigt werden mußte». 
5. Berlin verdankt sein erstes schnelles Wachsthum seiner Lage 
als Ausstrahlungspunkt der Einwanderung nach Norden. — 
Die Geschichte des Wullner-Theaters 
von i. it. 8. (Fortsetzung.) 
Hierzu die Illustrationen Seite 221. 
Nach dem so glücklich verlaufenen Sommer siedelte Walln er 
im Spätherbst wieder nach dem theilweise rcstaurirtcn Winter- 
Theater über. Auch hier füllten wieder die fortgesetzten Auffüh 
rungen des „Actienbudikers" das Theater, bis Kalisch am 
10. Februar 1857 mit seiner» „Doetor Peschke" und am 
12. April mit „Otto Bellmann" erschien, mit zwei Possen,
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.