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Periodical volume 5. Januar 1884, Nr. 15

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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slavische Wrictzen über Gielsdorf, Predikow und Haselberg. Un- > 
vcrkennbar wird hier die Absicht gekennzeichnet. So wird es uns 
auch erklärlich, daß die Ortschaften an der Hauptstraße nach Norden 
Werneuchen, Beiersdorf und Hechelbcrg bald größeres Ansehen ge 
wannen und lange Zeit hindurch als Städtchen galten. 
Westlich der großen Straße war die Verbindung mit dem 
alten Barnim schon über Biesenthal gewonnen, einem Orte, der 
allem Anscheine nach nicht von Süden her, sondern von früheren 
Kolonisten des alten Barnim von Zehdenick oder Bötzow aus ge- ! 
gründet worden war. 
Die ganze Anlage im neuen Lande, die gleichmäßige Hufen- J 
verthcilung lehrt uns übrigens ein planmäßiges Vorgehen und 
auch ein friedliches Besitzcrgreisen — gegenüber der Auffassung 
früherer Zeit, die alle slavischen Länder, wie auch den Barnim erst j 
nach hartem Kampfe mit den Wenden gewinnen ließ. 
Sicherlich geben uns die Namen der neugegründeten ! 
Orte Ausschluß über die Herkunft der Ansiedler, die die 
Namen ihrer alten Heimath nach dem neuen Lande übertrugen. 
Eine dahin gehende Betrachtung würde uns aber hier zu weit > 
führen und wir verweilen nur bei einer auffälligen Erscheinung. ! 
Die treuesten Verbündeten der Markgrafen bei der Verbreitung 
deutschen Wesens über die Marken waren von jeher die Erzbischöfe i 
von Magdeburg gewesen, galt es doch die Erweiterung ihres eigenen 
Kirchensprengels. Kein Wunder daher, wenn sie aus ihren eigenen 
Landen die Auswanderung begünstigten. Die Gegend von Halle, 
der spätere Saalkreis, war schon im 10. Jahrhundert der Magde- ! 
burgcr Kirche geschenkt worden, Halle selbst war nicht selten vor- 
übergehend kaiserliche Residenz, wo oft wichtige, die Wendenlande 
betreffende Verhandlungen stattfanden. Die Umgegend der Stadt 
war eine wohlbevölkerte und gab unseren neuen Landen bedeutenden 
Zuzug. Denn kaum ist es wohl Zufall, daß, wie in jener Gegend 
Rosenseide, Landsberg und Beiersdorf liegen, wir dieselben 
Namen nun auch im Barnim wieder treffen, um so weniger, 
als ein adliges Geschlecht, die v. Klepzig, aus derselben Gegend > 
stammte, das schon früh in markgräflicher Begleitung erschien und l 
im neuen Lande Güterbesitz erhielt. Ja, nur eine Erinnerung ! 
wagen wir, daß in Halle selbst die Plätze der große und 
und kleine Berlin liegen und daß die dortige Saalniederung ! 
eine gewisse Aehnlichkeit mit der der Spree hatte, aus welcher 
die Rcichshauptstadt erwachsen sollte. 
Eine Gruppe von Dörfern unseres Verzeichniffes halten wir 
nicht von Berlin aus gegründet; das sind die Ortschaften, die 
die Cistcrzienser von Zinna ganz im Südostcn des neuen Landes 
anlegten, Klosterdorf, Werder, Rüdersdorf und Zinndorf, deren i 
Gerichte und Patronate noch zur Zeit des Landbuchcs den Mönchen 
zustanden. Sic mögen über Köpnick oder Fürstenwaldc eingewandert ! 
sein. Bekanntlich knüpft sich an das in der Gegend jener Dörfer 
liegende Kagel die Sage, daß es von Jakzo von Köpnick gegründet, 
das Muttcrkloster von Zinna gewesen sein soll. Ja neuerdings 
sollen die Fundamente des alten Klostergebäudcs aufgefunden 
worden sein. Wir müffcn die Möglichkeit einer solchen Gründung 
hier im Barnim noch vor der Besitzergreifung durch die Mark 
grafen abweisen, denn einmal hatte Kagel eine ganz geringe ; 
Hufcnzahl, nämlich 26, von denen 2 der Pfarre gehörten, erhalten, j 
und weist damit auf eine viel spätere Zeit der Anlage hin, dann 
aber bedeutet Kagel nichts anderes als Kegel — bekannt in der 
Verbindung Kind und Kegel — ein uneheliches, unechtes Kind, 
hier also eine in trauriger, abseits gelegener Gegend bestehende 
Ortschaft. Wohl schwerlich würden die Mönche ihrer Mutterstätte 
einen so anrüchigen Namen gegeben oder belasten haben. 
Wir hatten unsere Dorsrcihe mit 66 Husen abgeschloffen. Es 
sind die ältesten deutschen Ansiedelungen, die gleich nach der Be 
sitzergreifung mit Hufen begabt wurden; mögen auch einige davon 
einer späteren Zeit als 1237 angehören, schwerlich sind sie aber ; 
nach -1250 entstanden. Wir geben hier die Gründe dieser Be 
hauptung. 
Wohlbrück in seiner schätzcnswerthcn Geschichte des Bisthums 
Lcbus hat auf das Schlagendste nachgewiesen, daß die Orte von 
64, 54 und 44 Hufen, von denen je 4 der Kirche oder Pfarre 
zuertheilt waren, nach einem gemeinsamen Plane angelegt sind 
und zwar kurz nach der Zeit, in welcher das Land Lebus in die Ge 
walt der Markgrafen gelangt war. Auch Dörfer von noch geringerer 
Landbegabung zählte er mit Recht dahin, insofern sie nur die 
4 Pfarrhufcn besaßen. Nun erwarben die Markgrafen das Land 
Lebus im Jahre 1250. Da nun auch der Barnim, wie das Land 
Lebus, gruppenweise zusammenliegend eine ganze Anzahl solcher 
Orte mit 64, 54 und 44 Hufen aufzuweisen hat, da ferner die 
Ortsnamen häufig sowohl im Barnim wie im Lande Lebus die 
selben sind, so läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch für den 
ersteren dieselbe Zeit der Anlage jener Orte feststellen. 'Noch ein 
drittes Land kam damals hinzu, das Uckerland, das in Bezug auf 
diese Orte sich ähnlich wie das Land Lebus und der Barnim ver 
hält. Da aber dort die pommerschen Herzoge schon vorher viele 
Kolonisten herbeigezogen hatten, und der Barnim, wie wir gesehen 
haben, schon mit einer ganzen Anzahl von Ortschaften besetzt war, 
so konnte jene planmäßige Anlage von Dörfern mit 64, 54 und 
44 Hufen am ausgeprägtesten nur im Lande Lebus geschehen, das 
auch schon damals noch viel weniger wendische Bewohner besessen 
zu haben scheint als der benachbarte Barnim. Immerhin giebt 
es aber auch in diesem viele solcher Ortschaften, sie bilden sogar 
die Hauptmaste, und bei ihrer Anlage fiel denn auch in beträcht 
licher Ausdehnung der alte Wald und das Land nahm mehr und 
mehr den heutigen Charakter an. 
(Schluß folgt.) 
Die Berliner Oper von heute. 
Von Franz ffiilTris. (Schluß.) 
V. 
Nachdem wir die hervorragendsten Künstler und Künstlerinnen 
unseres derzeitigen Opernpersonal-Bestandes in eingehenderen Skizzen 
besprochen, sei es uns gestattet, auch der anderen hervorragenden 
Mitglieder der Berliner Oper flüchtig zu gedenken, welche ja selbst 
verständlich — jeder an seinem Platze — durch ihre Mitwirkung 
das Ensemble ermöglichen und verschönen, die aber dennoch nicht 
an allererster Stelle stehen: es kann eben keine Armee von lauter 
Generalen geben*), dieselbe bedarf auch der übrigen Offiziere. 
Von Damen nennen wir an dieser Stelle die Frls Beeth, 
Driese, Horina und Pollack, sowie Frau Lammert; von 
Herren die Herren Müller, Oberhäuser, Schmidt, Salomon 
Rothmüh l und Lieb an. Fräulein Horina und Frau Lammert 
sind schon seit längerer Zeit — erstere seit 1865, letztere seit 1873 
Mitglieder der König!. Oper. Fräulein Horina, welche kein aus 
gesprochenes Fach besitzt, ist durch ihre bedeutende Verwendbarkeit 
dem Institut von großem Nutzen und sind cs inbesondere komische 
Partien, („Pamella" re.) die ihr glücken; früher war die Künst 
lerin in den verschiedensten Rollen — man denke sich „Pamina," 
„Azucena," „Bertha" „Page" („Hugenotten") — thätig und da 
durch für das Repertoir eine Perle, um so mehr, als sie zugleich 
das ganze Soubrettenfach inne hatte. — Frau Lammert machte, 
wenn wir nicht irren, direct vom Leipziger Eonservatorium aus 
ihre ersten theatralischen Versuche auf der König!. Opernbühne und 
war dazu durch eine prachtwolle, sammetweiche Altstimme berechtigt. 
Bald fand sich's jedoch, daß die Fähigkeiten der trefflichen Künst- 
*) In Süd-Amerika soll dies in einigen Staaten dennoch fast buch 
stäblich der Fall sein.
        
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