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Periodical volume 1. Januar 1884, Nr. 14

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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auch die meisten Kugeln." Darauf nahm sie das Hauptstück be 
hutsam aus dem Wasser, prüfte es lange, konnte aber kaum ein 
Schlachtfeld oder auch nur einen Helm daraus deuten, da cs un 
gefähr wie ein Berg aussah, mit Schluchten und Wald. Der, 
welcher es gegossen, ging also nicht in den Krieg, und das war 
unser Hausfreund. Berg und Wald stimmten nicht recht für ihn, 
denn er besaß deren nicht und wird wohl auch niemals deren 
besitzen. Aber Großmutter wußte Rath; in ihrer Hand wurde 
Berg und Wald zur Kirche, in welcher der Pastor am Altare stand 
und vor ihm waren zwei winzige Bleiatome, die, wenn man nur 
recht lange hinsah, natürlich Mann und Frau sein konnten. Auch 
wir andern gossen alle unser Blei. Da waren Bücher ausgebreitet, 
da erhoben sich die Zinnen einer Stadt mit stolzen Thürmen, da 
sah man Sattel, Säbel und Helm oder Blumen, die nur Vergiß 
meinnicht sein konnten; aber das Gelungenste war eine Eisbahn, 
gegossen in Blei, wie sie schöner nicht im Thiergarten sein konnte, 
ein wahres Labsal für die Augen der neuen Schlittschuhe, hätten 
sie nur solche gehabt. Wer hat das Bleigießen erfunden und warum 
gießt man Blei? Das war das Thema, um welches sich unser Gespräch 
eine Zeit lang drehte und es hätte können schwer wisienschaftlich 
werden, aber, Gott sei Dank, vermieden wir noch im letzten Augenblick 
die epochemachenden Fragen, ob in alten Hünengräbern oder in dem 
Flußbett unserer treuen Spree bereits gegosienes Sylvesterblei sich 
fände und ob die Jndogermanen vor ihrer Trennung bereits diese 
schöne Sitte gehabt hätten. Unser Referendar, der sich neben seiner 
Strafgesetzpsiege auch viel mit der Erforschung des Alterthums be 
schäftigte, glaubte in dem heiligen Herrn Sylvester, dessen Namen 
der letzte Tag des Jahres trägt, den Schutzheiligen des Bleies zu 
finden und führte auch die Etymologie des lateinischen Namens 
des Bleies „plumbum“ ins Treffen, indem er dieses Wort mit 
unserem schönen „plumpsen" in Verbindung brachte; aber das war 
wohl mehr Scherz und wir begnügten uns aus den Reminiscenzen 
unserer deutschen Mythologiestudien zu konstatiren, daß in den 
zwölf Nächten, deren wir oben Erwähnung gethan, auch das 
Waffer eine Zauberkraft besitzt, welche alles, was man hinein 
wirft, zu einem Wahrzeichen für die Zukunft macht. Deshalb ver 
richtet in bleiarmen Gegenden und Familien auch Wachs oder auch 
das Weiße eines Eies dieselben Dienste am Sylvesterabende. 
Großmntters Wissen aber ging noch weiter. Sie leugnete kurzweg, 
daß die Art des Bleigießens, die wir soeben geübt, im Geister- 
reiche überhaupt Geltung habe; denn das Blei muß nach ihrer 
Erfahrung durch den Erbschlüffel hindurch in das Wasser gegossen 
werden und unter der Maffe selbst muß sich ein Stück befinden, 
welches man aus der Einsaffung eines Kirchenfensters heimlich ge 
nommen hat; erst dann ist der Guß im Sinne der überirdischen 
Mächte gelungen. Die Mädchen waren bei diesem Berichte still 
geworden, als dächten sic über das Schauerliche eines solchen 
Diebstahls nach. Mir aber führte der Gedanke frohe Jugend- 
erinnerungen in den Sinn, wie ich vor vielen vielen Jahren wirklich 
mit meinem Freunde St. zu den Fenstern unseres Heimathkirchleins 
hinauf geklommen bin, um möglicher — oder vielmehr unmöglicher 
Weise ein Stückchen Blei von ihnen zu gewinnen. Ist man ein 
mal mit seinen Gedanken in der Jugend, so geht das Erinnern 
immer weiter fort, besonders am Sylvesterabcnde, und darüber 
ward cs zwölf Uhr und ein frohes „Prosit Neujahr" erscholl 
draußen, erscholl bei uns und in unser aller Herzen. 
Dann saßen wir lange noch ins neue Jahr hinein, bis unser 
Hausfreund zum Aufbruch rüstetete. Da merkte ich erst, daß unsere 
drei Mädchen verschwunden waren. „Die sitzen drüben," sagte 
lächelnd die Großmutter. Ich ging, um sie zu holen. Die Thür 
ihres Zimmers war nur angelehnt, so daß ein Lichtstrahl hindurch 
fiel. Ich blickte durch den Spalt. Was thaten sie? Aber das 
sagt unser Bild. Sie hattm Großmutters Worte beherzigt, denn 
die eine hielt den Erbschlüffel und in dem Blei, welches die andere 
schmelzen ließ, war sicher etwas von einem alten Kirchensenster, 
das Großmutter aus meiner Jugendzeit aufbewahrt hatte. 
Lombard und Lurcheslni. 
Von (ßrorg fllülTtr — frnurnfirin. 
Wer Willibald Alexis' vaterländische Romane, diese trefflichen 
Vorläufer der Freytagschen „Ahnen", gelesen und von des falschen 
Woldemar wildbewegten Zeiten bis zu den Freiheitskriegen die 
Hauptpersonen der brandenburgisch-preußischen Geschichte in farben 
prächtigen Bildern an sich hat vorüberziehen sehen, der weiß, daß 
nirgend eine dunklere Beleuchtung vorherrscht, als auf dem Cyklus, 
welchen die Ueberschrist: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" charak- 
terisirt. Und noch in dem letzten Bande „Jsegrimm," der mit 
der Märzrcvolution schließt, zittert die Entrüstung nach, bricht hie 
und da der patriotische Schmerz durch bei der Erinnerung an die Zei 
ten, wo ein „lüderlicher schlesischer Edelmann, ein florcntinischcr 
Ränkemacher, eines hergelaufenen Perrückenmachers Sohn aus Pa 
ris das Mark deK Landes zum Vergeuden aussaugten." Aber 
nicht nur die Stimme des Volkes, die uns hier entgegentönt aus 
den Worten eines seiner beredtesten Söhne, sondern die noch heute 
geltende Meinung der Geschichte ist es, welche für die Unglücks 
jahre der preußischen Politik von dem Baseler Frieden 1795 bis 
zu dem von Tilsit 1807 die „drei Jntriguanten Haugwitz, Lucche- 
sini und Lombard" in erster Linie verantwortlich macht. Neuer 
dings hat sich nun insofern eine leise Veränderung eingestellt, als 
die Person des Königs Friedrich Wilhelm Hl. selbst mehr aus 
dem Schatten heraustritt, der sie bisher verhüllte. Man findet, 
daß dieser wohlwollende, von den besten Absichten beseelte Mo 
narch doch nicht so willenlos sich von den bösen Nathgebern hat 
umgarnen lassen. 
Die im Grunde unwürdigere Rolle des Fürsten, der sich be 
herrschen läßt von Einflüssen, welche er nicht durchschaut, wird mehr 
und mehr ihm abgesprochen, und an die Stelle tritt der König, 
welcher in den Traditionen einer älteren Schule aufgewachsen, von 
gewandten, aber nicht genialen Rathgebern umgeben, selbst in er 
ster Linie die Politik seines Landes bestimmt, dabei aber, da ihm 
seines Großoheims Friedrich Klarheit und Kraft abgeht, der über 
wältigenden Persönlichkeit eines Napoleon erliegt. 
Ueber dreiviertel Jahrhundert ist verflossen seit dem Unglücks 
tage von Jena und Auerstädt; die Geschichtsforschung, so weit sic 
nicht abhängig ist, durchbricht nach und nach die Schranken, die 
ein seiner Zeit wohl gerechtfertigter loyaler Sinn aufgeführt hat, 
und man verfährt heute, wenn man von jenen Zeiten spricht, nicht 
mehr nach dem Grundsätze: Alles, was gelang, ist dem Könige, 
was mißglückte, seinen Rathgebern zuzuschreiben. Wenn sich treue 
Diener mit der Anerkennung ihrer Herrscher allein genügen lassen, 
so hat die Geschichte nur der Wahrheit zur Geltung zu verhelfen, 
und in unserem Falle ist schon manches Aktenstück ans Licht ge 
kommen, ivelches die schlimmen Vorwürfe des Verraths und der- 
i gleichen, mit denen jene drei in der Zeit patriotischen Hasses über 
häuft worden, entkräftet. Unwidersprochen bleibt, darüber haben 
die Ereignisse selbst das Verdikt gefällt, daß ihr Einfluß Unglück 
gebracht hat über den König und das Reich, daß ihnen ein schwer 
wiegender Antheil an der Katastrophe zukommt; ihr Name wird 
stets nicht nur von Preußen, sondern von allen Deutschen mit 
Trauer genannt werden — aber es ist nicht Art unseres Volkes, 
„Bazaine" zu rufen und einem Sündenbock Mögliches und Un 
mögliches aufzuhalsen, nur um uns selbst wieder ruhig schlafen 
legen zu können. 
So ist es mir wohl gestattet, zwei neue, nicht im Buchhandel 
erschienene Veröffentlichungen über den vielgeschmähtcn Geheimen 
Kabinetsrath Lombard und den ebenso beleumundeten preußischen 
Gesandten in Paris Lucchesini allgemeiner bekannt zu machen, zu
        
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