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Volume 1. Januar 1884, Nr. 14

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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ehernen Züge, nur tiefer, bitterer Schmerz beugte die lebens 
müden Gestalten: es waren das die Veteranen aus der Zeit 
Friedrichs des Großen. 
Dereinst setzten sie die Welt in Erstaunen, in Ehren 
hatten sie gelebt, jetzt, am Rande des Grabes, häufte ein Ver- 
räther Schinach ans ihre ergrauten Scheitel! 
Niemand sprach mit beut General, selbst der Kapitän 
zeigte jetzt eine andere Haltung. Vor dem Manne, der der 
Versuchung noch nicht erlegen, hatte er das Gewehr präsentircn 
lasten, jetzt, wo der Verrath geschehen, lohnte es sich nicht 
der Mühe, dem Verräthcr seine Verachtung zu verbergen. Er 
übernahm die Kaffen, die Bureaus. Sie beziehen wohl eine 
Wohnung in der Stadt, sagte er zu I., es wird in Ihrem 
Interesse sein, Herrn de Padillon nicht vor aller Welt zu 
empfangen. Er wird die Anerkennung, die Ihnen der Kaiser 
Napoleon schuldet, vermitteln. 
General I. hatte vielleicht schon ein Gefühl der Reue 
gehabt, jetzt ersah er ans dem Tone des Kapitäns, daß man ihn. 
mit Verachtung bezahle, es mochte ihn jetzt erst der Begriff 
von der Erbärmlichkeit seiner Handlungsweise in seiner ganzen 
düsteren Farbe überkommen — er schlich hinaus wie ein ent- 
laffencr Verbrecher. 
Wir haben zu erklären, wie Major Braun dazu veranlaßt 
wurde, Frau v. Wehlen in der Kommandantur aufzusuchen. 
Der Prinz Louis Ferdinand hatte Georg nicht verschwiegen, 
daß ein Brief des alten Majors ihn von der Gefahr in 
Kenntniß gesetzt, in der er geschwebt lind wie sehr Georg auch 
an dein Tage vor dem Gefecht bei Saalseld beschäftigt ge- 
wesen, batte er doch ein Billet an Braun geschrieben, um ihm 
z» danken und ihm mitzutheilen, welche Wendung sein Schicksal ! 
erhalten. Er bat in dem Briefe den Major, falls etwa Frau ! 
v. Wehlen mit ihren Töchtern in Folge der Kriegsunruhen ! 
wieder nach Cüstrin käme, der jüngeren Tochter derselben 
die vertrauliche Mittheilung zu machen, er sei jetzt als Vicomte 
Alibert anerkannt lind könne ihr versichern, daß die Ihrigen 
keine Ursache hätten, Feindseligkeiten von ihm zu befürchten, 
selbst wenn er je besten fähig gewesen wäre, an solche zu 
denken. Vielleicht — so schrieb er, hält diese Mittheilung 
den General v. I. davon ab, den schmählichen Verdacht, den 
er gegen mich heraufbeschworen, noch heimlich, oder gar offen 
weiter zu verfolgen. 
Ter Major hatte diesen Brief noch klirz vor de>n Er 
scheinen der Franzosen vor der Festung erhalten, aber sich an 
fänglich nicht bewogen gefunden, den Wunsch Georgs zu er 
füllen, er hielt denselben für eine thörichte Schwäche des guten 
Herzens seines jungen Freundes, er meinte, es könne Georg ; 
nur zu seiner Rehabilitirung nützlich sein, wenn der General 
sich noch mehr compiomittire. 
Als der General die Vorstädte nicht niederbrennen ließ, 
als man in der Stadt anfing, den General nicht bloß für 
unfähig zu hallen, sondern ihm Schlimmeres zuzutrauen, hörte 
Braun zwar Stimmen, welche bekunden wollten, daß die An 
gehörigen J.'s sehr patriotisch gesinnt seien, aber in seiner Anti 
pathie gegen den General glaubte er solchen Gerüchten nicht 
und als ihir der empörende Verrath der Festung betäubend 
überraschte, da dachte er in seinem Groll, in seiner Wuth eine 
Art Rache zu nehmen, tvenn er jetzt den Angehörigen des 
selben zurief: General I. hat den Verrath geübt, besten er 
aus Privathaß Georg Albert beschuldigte, ich werde ihn brand- 
inarken vor aller Welt. 
So kam er nach der Kounnandantur, da traf er die 
Damen dazu gerüstet, das Haus zu verlassen. Er wollte sie 
schmähen und er hörte Olga rufen, sie wolle lieber in einer 
Fischerhütte an der Oder sich verbergen, als den Verräthcr 
an König und Vaterland wiedersehen. 
Wünschen Sie Obdach bei einem ehrlichen Manne? fragte 
er, fliehen Sie das Haus eines Entehrten, so biete ich Ihnen 
ein Asyl. 
Frau v. Wehlen zögerte — sie hatte zwar schon den 
Ruf gehört: der meineidige General habe die Festung ver 
rathen, aber der Schimpf, den mau ihr ins Antlitz rief, machte 
sie erbeben. Olga jedoch rief: fort. Gertrud zog die Mutter 
mit sich, da tönte es von der Straße: der Verräther kommt 
mit den Franzosen, steinigt den Elenden! 
Der Major führte die Damen, er sah es ihnen an, daß 
sie sich flüchteten vor der Schande, die I. über sie gebracht. 
In seiner Wohnung eingetroffen, brach Frau v. Wehlen zu 
sammen, aber ihre nervöse Natur sollte bald durch eine neue 
gewaltige Erregung entflammt werden. Braun zeigte Gertrud 
den Brief Georgs, triuinphirend im Hochgefühle ihrer Liebe 
wies sie denselben ihrer Mutter, und die Familie mußte jetzt 
von Braun erfahren, welch schmählicher Verleumdung sich I. 
schuldig gemacht, wie der Major jetzt mit vollem Recht arg 
wöhnte. I. habe wahrscheinlich den Verrath der Festung 
schon damals vorbereitet, er habe Verbindungen mit dem 
Feinde angeknüpft, um einen Prozeß vermieden zu sehen, der 
seine Angehörigen bedrohte. Jetzt war es die Furcht, daß 
der Prinz seine falsche Anklage durchschaue, rief der Major, 
die ihn zu so schnödem Verrath getrieben, um sich vor Ver 
antwortung deshalb zu schützen, wirst er sich den Franzosen 
in die Arme. 
Das Auge der alten Dame starrte auf den Brief. WaS 
in ihrer Brust tobte, vermag wohl keine Feder zu schildern. 
Um die äußere Ehre ihres Namens zu wahren, hatte der 
alte Haß in ihrer Brust die Gluth düsterer Leidenschaft ge 
schürt, ihr Stolz hatte den Vergleich zurückgewiesen, den ihr 
I. nahe gelegt, sie hatte ihn gedrängt, ihre Ehre zu schützen, 
den Argwohn zu verfolgen und jetzt hatte sich ihrer Eltern 
Rainen mit größerer Schmach belastet, als das ihrem Feinde 
möglich gewesen wäre und dieser Feind schrieb, er habe keine 
Waffen gegen sie und wolle keine erheben, wenn er solche 
auch hätte! — — 
Das stand geschrieben, das war kein in moinentancr 
Wallung des Gefühls, oder gar in einer Laune oder unter 
dem Einfluß drängender Verhältniffe hingetvvrfenes Wort, es 
war eine Erklärung, welche Georg durch einen Dritten an die 
Familie Wehlen abgegeben! Der Sohn der Verschollenen 
hatte deren letzten Willen erfahren lind die Vicomtesse d'Alibert, 
welche Constanze v. Wehlen für ihre Todfeindin und für eine 
intrigante Rivalin gehalten, bestätigte, daß man in ihrem 
Namen keine Forderung geltend macheii könne. Der unheimliche 
Druck, der seit zwanzig Jahren auf Frau v. Wehlen gelegen, 
die stete Uiiruhe, durch einen skandalösen Prozeß ihren Namen 
an den Pranger gestellt zu sehen, war mit einem Schlage 
gehoben und das durch einen jungen Mann, den sie gehaßt, 
weil er der Sohn feiner Mutter, den sie nach dem Leben ge 
trachtet! Und er sammelte feurige Kohlen auf ihr Haupt,
	        
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