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Periodical volume 22. December 1883, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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zweiter Ehe mit einem Kammerherrn, Excellenz Lindblad, ver- 
hcirathet ist, aus Prohnitz lebt, trotzdem er, der „Uhlenhans," der 
graziösen und edlen Hertha in stiller, aber inniger Liebe zugethan 
ist. Die Verlobung aber führte zu keiner Heirath, denn Baron Gustav, 
der mittlerweile Offizier geworden war, und in Grünewald — sprich: 
Greifswald — bei den Jägern stand, mußte Schulden halber fort. 
Trotzdem der Bruder alles bezahlte, zeigte sich Gustav in hohem Grade 
undankbar. Drei Jahre ließ er nichts von sich hören, er führte ein 
abenteuerndes Leben und zog nach Griechenland, um am helleni 
schen Befreiungskriege theilzunehmen — die Erzählung spielt im 
Jahre 1835 — und der falsche Mann vergaß die Geliebte und 
heirathete eine bildhübsche Griechin: Jsäa Kolokotronis, ein mit 
allen Reizen verschwenderisch ausgestattetes, aber gewissenloses und 
herrschsüchtiges Weib. Nach drei Jahren kehrte Gustav mit Jsäa 
in seine Heimath zurück. Der edle ältere Bruder nahm den mo 
ralisch noch mehr gesunkenen Gustav großmüthig auf und verzieh 
ihm alles; kaum angelangt, spielt Gustav das alte verrätherische 
und doppelzüngige Spiel. Hertha, welche ihm ihre Liebe bewahrt 
hatte, ist von der Entdeckung seiner Treulosigkeit so niederge 
schmettert, daß sie sich mit Hans, der ihr nach langen seelischen 
Kämpfen seine Liebe gesteht, verlobt, nicht aus Liebe zu diesem, 
sondern aus Rache gegen ihren früheren Bräutigam. Statt in 
die gegebene Lage sich zu fügen, beschließt Gustav, Herthas Liebe 
aufs Neue zu gewinnen, indem er im Verein mit vielen junker 
lichen Spießgesellen, unter anderem dem Grafen Axel Grieben, den 
Hertha verschmäht hatte, und dem Kammerherrn Lindblad, der — 
nach Art aller gemeiner Naturen — seinen Wohlthäter den „Uhlen 
hans" haßt, gegen diesen intriguirt, Herthas Eifersucht gegen ihn 
wachruft und das Glück des „Uhlenhans" auf jede nur mögliche 
Weise zu zerstören sucht. Jsäa, welche sich für eine Tochter des 
wegen seiner Freiheitsliebe eingekerkerten Fürsten Theodor Kolo 
kotronis ausgiebt, und zu deren Füßen der ganze Adel des Landes, 
dem Fürsten von Prona — sprich: Putbus — an der Spitze, 
schmachtet, betheiligt sich wesentlich an diesem Kesieltreiben gegen 
den armen „Uhlenhans", der nur das eine Verbrechen begangen, 
daß er in seiner blinden Vertrauensseligkeit, seinem schlichten und 
geraden Sinn und seinem unermeßlichen Glück die Schlange nicht be- 
inerkt, die er an seinem Busen nährt und die vielen Fallen nicht sieht, 
die ihm von allen Seiten gelegt werden. Auch Jsäa haßt Hertha, 
denn sie will herrschen und da sie des verarmten und einflußlosen 
Gustav überdrüssig geworden, möchte sie den „Uhlenhans" in ihrem 
Netze zappeln sehen. Es würde mich zu weit führen, wollte ich 
alle die zahlreichen Verwicklungen und Konflikte, welche der Dichter 
mit großer Meisterschaft uns schildert, hier des Näheren analy- 
siren, oder die mannigfaltigen theils anmuthigen, theils ergreifenden 
Scenen und Gesellschastsbilder, die der Dichter entrollt, auch nur 
andeuten; ich will nur hervorheben, daß „Uhlenhans" in Bezug 
auf Komposition, Charakterschilderung, Realistik der Darstellung 
und erschütternde Tragik zu den besten Romanen Spielhagens 
gehört. Der Pessimismus, der in „Problematischen Naturen," 
in „Durch Nacht zum Licht," „In Reih und Glied," „Hammer 
und Ambos," „Sturmfluth" und vielen andern Romanen so herb 
ausklingt, ist in „Uhlenhans" noch in höherem Grade vorhanden. 
Der Dichter malt grau in grau, und der Menschheit ganzer Jammer 
packt uns an, wenn wir gewahren, daß all die schrillen Disionanzen 
ungelöst bleiben und daß der edelste und beste, wie hier der „Uhlen 
hans," so kläglich zu Grunde geht. Er stirbt nämlich, fast erblindet 
im Kerker, moralisch und physisch gebrochen, unter der Last der 
falschen Beschuldigung, seinen Bruder Gustav erschosien zu haben; — 
aber der Hauch wahrer Poesie, der überall ausgegossen ist, und 
die meisterhafte Darstellungskunst, welche selbst den Abgrund mit 
Rosen bestreut, mildert den Schmerz, den wir darüber empfinden, 
daß hier auf Erden das Ideal, das Erhabene und Schöne gar oft 
von den Dämonen des Bösen und Gemeinen besiegt und mit 
J Füßen getreten wird. Und so ruft uns denn der Roman „Uhlen 
hans" mit seinem furchtbaren Weltschmerz jene Mahnung zu, womit 
der Dichter seinen Roman beschließt: „Seid gut! seid Menschen!" 
Dcr Süd-West-üanal Serlin-Wannscc. 
(Hierzu die Karte Seite 184/85.) 
Im Auftrage des „Vereins der Westvorstadt" zu Berlin ist 
! von den Herrn Regierungsbaumeistern Havestadt und Eon tag 
j das Projekt eines Schifffahrtskanals von der unteren Schleuse des 
Landwehrkanals bei Charlottenburg bis zum Wannsee bearbeitet, 
und in einer mit zahlreichen Karten versehenen Brochüre*) zu all 
gemeiner Kenntniß gebracht worden. 
Weil das Projekt nicht ohne Zusammenhang mit den früheren, 
für einen Südkanal aufgestellten Projekten betrachtet werden 
kann, geben wir — an der Hand der vorliegenden Brochüre — 
einiges aus der Vorgeschichte des Kanals, dessen Ausführung von 
allen Jntereffenten baldmöglichst in die Hand genommen werden mag. 
Bereits im Jahre 1861 regte Baurath Röder die Idee 
zu einem Kanal an, der von der Oberspree ausgehend, um den 
südlichen Theil Berlins herum, durch die Gemeinden Schöneberg, 
Wilmersdorf und Charlottenburg zur Unterspree geführt werden 
; sollte. Leider fand dieser Gedanke damals verhältnißmäßig nur 
unbedeutenden Anklang. Wenn derselbe, in Anbetracht der damals 
noch wesentlich geringeren Behinderungen der Schifffahrt in Spandau, 
— die Lehrter Eisenbahn existirte noch nicht — auf diesen Punkt 
noch nicht rücksichtigte, so wäre doch seine Ausführung für alle 
Zeiten eine ungemein segensreiche geblieben, da er, abgesehen von 
den Vortheilen für die bauliche Entwickelung im Süden und Süd- 
Westen Berlins, das Mittel geliefert hätte, einen Kanal behufs 
Umgehung von Spandau, leicht anzuschließen. 
Größere Sympathien, bczw. größeres Verständniß, fand um 
mehr als ein volles Jahrzehnt später, das Projekt, welches dcr 
Wirkliche Geheime Ober-Regierungsrath Hartwich in der 
Brochüre „Bemerkungen über die Schifffahrts- und Vor- 
fluthverhältnisse in und bei Berlin mit Anschluß eines 
Projektes zu einem Kanal von der Oberspree nach der 
Havel bei Wannsee"**) entwickelte. Seinem Plane zufolge 
sollte dieser unter dem Titel „Südkanal" bekannt gewordene 
Kanal dicht oberhalb der Abmündung des Landwehrkanals aus 
der Oberspree abzweigen, zunächst parallel dem letzteren bis zum 
Urban, sodann durch die Gneisenau- und Dork-Straßc unter der 
Anhaltischen, Dresdener und Potsdamer Eisenbahn zum südliche» 
Ende des Botanischen Gartens und von hier nördlich von Schöne 
berg zum Wilmersdorser See und schließlich unter Benutzung dcr 
Fenns und Grunewaldseeen zum Wannsee geführt werden. 
Eine in Anlaß dieser, sowie einer, im unmittelbaren Anschluß 
hieran erschienenen Brochüre des Regierungsbaumeisters 
E. Dietrich, in der dasHartwich'sche Projekt bekämpft, und dafür 
ein Ausbau des Landwehrkanals mit einem eventuellen, vom 
; Lützowplatz abzweigenden Wannsee-Kanal empfohlen wurde, 
im Architekten-Verein zu Berlin hervorgerufene Diskussion führte 
dort sodann zur Einsetzung einer Kommission, deren Ansichten in 
einer im Jahre 1875 erschienenen Denkschrift niedergelegt sind. 
Dieselbe sprach sich zustimmend zu dem Hartwich'schen Projekte 
aus und verlangte nur gewisse Aenderungen, welche die gleichzeitige 
Regulirung der Spree in Berlin, sowie eine Kanalabzweigung nach 
*) Der Titel derselben lautet: Südwestkanal Berlin-Wannsec, 
Projekt einer Linie über Wilmersdorf, von Havestadt und Contag, Re- 
gierungsbaumeistern. Mit 6 Tafeln in Lithographie und Holzschnitt. 
Berlin 1883, Verlag von Julius Springer. 
**) Berlin 1874, Verlag von Ernst Korn. Gropius'sche Buch- und 
! Kunst-Handlung.
        
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