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Periodical volume 22. December 1883, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Atelier aufzusuchen und das Allerheiligste eines berühmten Dichters, 
sein Arbeits- und Studirzimmer, in Augenschein zu nehmen. Des 
halb haben die Ateliergeheimnisse eine solche Anziehungskraft für 
die Laienwelt, und aus diesem Grunde glauben auch wir auf den 
Beifall unserer Leser zu rechnen, wenn wir sie einladen, mit uns 
das Arbeitszimmer Friedrich Spielhagens, des gefeiertsten 
Romanschriftstellers Berlins und eines der genialsten Romanciers 
aller Zeiten, flüchtig zu durchwandern. Zwar ist dieses reizende 
Schriststelleratelier unter den berühmten Sehenswürdigkeiten Berlins 
nicht verzeichnet, aber es ist dennoch ein in vielfacher Hinsicht höchst 
merkwürdiges und eigenartiges Heim eines Poeten, welches eine 
Beschreibung Wohl verdient. Dieses Studirzimmer, in welchem 
thaten hier zuerst Wurzel schlug? Der Verkehr im Spielhagenschen 
Hause ist ein durchaus exklusiver im edelsten Sinne des Wortes. 
Die berühmtesten Meister der bildenden Künste, hohe Würdenträger 
des Staates, Gelehrte, Finanzgrößen, soweit sie von ihren Millionen 
einen Gebrauch machen, der sie zum Umgang mit den Vertretem 
der geistigen Aristokratie berechtigt, vereinigen sich häufig im Hause 
der Hohenzollernstraße 12 in den Räumen, zu welchen das Arbeits 
zimmer gehört, und die überaus liebenswürdige und hochgebildete 
Hausfrau nebst den vier blühenden und unmuthigen Töchtern ver 
stehen es in auserlesenem Grade, die Honneurs dieses Dichterheims 
zu machen. 
Ich habe bereits sehr viele Studirzimmer berühmter Schrift- 
Friedrich Spielhagens Arbeitszimmer. 
Originalzeichnung von Eugen Hilpert. (S. Seite 180.) 
Friedrich Spielhagen bei der Arbeit von seinem Genius heimgesucht 
wird, hat zu anderen Zeiten schon viele berühmte Gäste sowie Be 
wunderer aus erlauchten Schichten der Gesellschaft bei sich aufge 
nommen. Hier hat zu wiederholten Malen der dem Dichter be- 
ireundete Herzog von Coburg-Gotha mit ihm Gedanken und 
Meinungen ausgetauscht; hierher ziehen sich, an den glänzenden Ge- 
sellschastsabcnden, wo die Creme der schöngeistigen Berliner Kreise 
sich zusammenfindet, einzelne Gruppen zurück, um an dem weihe 
vollen Orte, umgeben von Büchern, Statuen und Büsten, Zeich 
nungen und Gemälden, die sämmtlich dem auserlesensten Geschmack 
und dem feinen Kunstgefühl des Gastgebers entsprechen, über wissen- 
schaftliche, ästhetische oder politische Angelegenheiten zu plaudern. 
Wer kann ergründen, wie viele bedeutsame Anregungen bereits 
von hier ausgingen, und wie mancher Keim zu geistigen Groß 
steller und Dichter gesehen, aber ich habe noch keins gefunden, 
welches so gemüthlich wäre, und wo man sich sofort so heimisch 
fühlte, wie im Spielhagenschen Tuskulum. Dieses Behagen wird 
hervorgerufen durch die zweckmäßige Ausnutzung des Raumes; in 
richtiger Anerkennung dessen, daß der Salon einer Wohnung ge 
wöhnlich dazu dient, daß niemand hineingehe und daß zugleich 
der Salon für einen Schriftsteller der überflüssigste Theil des Haus 
wesens ist, hat Friedrich Spielhagen denselben zu seinem Arbeits 
zimmer eingerichtet. An den Wänden steht eine kleine, aber aus 
erlesene Bibliothek in fünf bis sechs Schränken, welche wohlgeordnet 
die hervorragendsten poetischen, ästhetischen und literargeschichtlichen 
Werke der Deutschen, sowie diejenigen der französischen und englischen 
Literatur enthalten. Besonders zahlreich sind die englischen Schriften, 
und man weiß, daß Spielhagen ein genauer Kenner des Englischen ist
        
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