Path:
Periodical volume 22. December 1883, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 10.1884

176 
den Prinzen an diesem Tage nochmals privatim zu sprechen, 
seine dienstliche Thätigkeit nahm auch seine Zeit und alle 
seine Kräfte in Anspruch. 
In der Frühe des 10. Oktober 1806 strich ein kalter 
Wind von den Hohen des Thüringer Waldes über das breite 
Thal am Ufer der Saale und wo sich die Schlucht bei 
Garnstedt hinschlängelt durch den moosbewachsenen Haag und 
die dunklen Fichten ihre Häupter schüttelten, da wehte er frisch 
durch die welken Blätter und trieb das Laub vor sich her- 
Es raschelte durch das bethaute Moos, leises Rufen tonte 
durch das Dunkel des Waldes, es blitzte hinter den Büschen 
wie funkelnder Stahl — leise kam es näher, immer ver 
nehmlicher ward das unheimliche Geräusch — 7000 Franzosen 
stiegen aus den Schluchten herauf und postirten sich auf der 
waldigen Höhe, entlang der Straße von Coburg nach Saal- 
feld. Dann ward es wieder still, der Wald verbarg die 
Krieger, man hörte nur noch das herbstliche Spiel des Windes 
mit den Blättern und das Murmeln des Baches. 
Bon Schwarza gen Saalseld bewegt sich eine lange 
Colonne, an der Spitze seiner Reiter trabt Prinz Louis 
Ferdinand von Preußen. Schon hatte er die Saale passirt, 
da krachen Schüsse von den Bergen, er sieht sich einer be 
deutenden llebcrmacht gegenüber, die in gesicherter Stellung 
ihm nicht nur trotzen, sondern ihn auch leicht in Flanke und 
Rücken fassen kann, aber er zieht den Säbel, sein Auge 
flammt, er mag nicht weichen vor dem Feinde, er ruft: 
Vorwärts! 
Die Infanterie der prinzlichenRecognoseirungs-Abtheilung 
stürmt vor, aber von allen Seiten krachen Schüsse, kaum im 
Gefecht, sieht sie sich schon von drei Seiten umzingelt. Die 
Umgebung des Prinzen rieth demselben, den Rückzug anzu 
treten, aber Louis Ferdinand erkennt einerseits, daß es doch 
zu spät ist, aus dem ihm gestellten Hinterhalt noch glücklich 
zu entkommen, andererseits fühlt er, welchen niederschlagenden 
moralischen Eindruck es auf die ganze Armee machen muß, 
wenn die Vorhut der Preußen bei der ersten Begegnung mit 
dem Feinde zurückweicht und er will das Unmögliche ertrotzen. 
Er befiehlt der Reiterei, zur Attacke vorzugehen, er schickt 
Georg mit dem Befehle zum rechten Flügel seiner Truppen 
dem Angriff der Cavallerie auf dem Fuße zu folgen, er 
selber, mit seinem Adjutanten schließt sich den attackirenden 
Reitern an. 
Die Cavallerie soll die feindlichen Linien durchbrechen, 
aber ein Kugelregen der Franzosen mäht sie nieder, feindliche 
Husaren stürzen sich auf die wankende Truppe, die preußischen 
Reiter müffen weichen, in wilder Flucht jagen die Roffe und 
der Prinz, der sich den Fliehenden entgegenstellen, sie auf 
halten will, wird von dem fluthenden Strome mit fortge- 
rissen. Wer einmal durchgehende Pferde gesehen, der mag 
sich das Bild ausmalen, wie viele hundert geängstigte Roffe, 
theils verwundet, theils nur erschreckt mit ihren Reitern dahin 
stürmen, gejagt von einer nachfolgenden Reiterschaar. Da 
vertont jedes Signal ungehört, da vermag kein Zügel das 
wilde Roß zu halten, ein Pferd folgt dem airdern in rasenden 
Sprüngen und fort geht es über Gräben und Hecken, über 
stürzende Reiter und Pferde hiilweg. Der Prinz gerieth in 
den verworrene» Knäul einer solchen wilden Jagd, sein Be 
fehl, sein Ruf wird nicht gehört, die erste Hälfte stürmt vorbei, 
dte andere Halste reiszt ihn mit, sein jchuaubeildes Roß setzt 
über einen Gartenzaun, bleibt mit dem Fuße hängen, der 
Prinz stürzt und ehe er sich aufrichten und zur Wehre setzen 
kann, trifft der Hieb eines Franzosen seinen Kopf. 
DerQuartiernieister Qnindet vom 10. französischen Husaren- 
Regiment sieht den Stern auf des Prinzen Brust. Ergebt 
Euch, General! ruft er, aber der Prinz dringt auf ihn ein, 
voir Blut überströmt, betäubt von dem Hiebe, vermag er den 
Stoß des Gegners nicht zu parircn und ein Stich in die Brust 
läßt den Hohenzoller für immer erbleichen. 
Ein Offizier, der vom Flügel der preußischen Linie mit 
einer Abtheilung Infanterie die verunglückte Attacke gesehen, 
eilt herbei. Georg Albert ahnt es, daß der Prinz in Gefahr, 
er hat Alles zusaminengerafft, was folgen kann und will, er 
stürzt sich den französischen Rcitern entgegen, ein wilder 
Schrei — er sieht den Prinzen stürzen, aber er kommt zu 
spät, er kann ihn nur noch rächen. 
Die kleine Truppe ist bald in wüthendem Handgemenge 
mit den Husaren, aber sie vermag nicht einmal die Leiche des 
Prinzen den feindlichen Händen zu entreißen, französische 
Infanterie naht im Sturmschritt, die Soldaten, die Georg 
gefolgt, weichen, sie reißen ihn, als er wie im Wahnsinn 
sich allein auf den Feind stürzen will, obwohl er schon aus 
mehreren Wunden blutet, zurück, sie retten ihren tapferen 
Führer vor Tod oder Gefangenschaft. 
Die Abtheilung des Prinzen ist gesprengt. Preußen verlor 
in diesem Gefecht 1800 Mann und 33 Geschütze, aber schwerer 
als das wog der moralische Eindruck des unglücklichen Tages, 
der als ein böses Omen für den Ausgang des ganzen 
Krieges erschien. Die Armee besaß wenige so entschloffenc 
Männer, als Louis Ferdinand es gewesen, eine unbeschreibliche 
Entmuthigung und Rathlosigkeit bemächtigte sich des Haupt 
quartiers, die düsteren Vorahnungen des Prinzen gingen in 
Erfüllung. 
Die preußische Armee verstand es bei Jena nicht einmal, 
den Vortheil ihrer Stellung auszubeuten, die wichtigsten 
Positionen blieben unbesetzt. Noch ehe der Kampf begann, 
war Hohenlohe bereits abgeschnitten, Napoleon sagte sieges 
gewiß, die Armee könne nur noch fechten, um sich durchzu 
schlagen. 
Die Unfähigkeit und Kopflosigkeit der greisen, durch Hof 
gunst emporgekoinmenen Ober-Generale grub tapferen Truppen 
das Grab. Trotz heldenmüthigen Widerstands einzelner Corps, 
wie z. B. die des General Tauenzien und Graf Holzendorf, 
war die Niederlage unvermeidlich, die Armee Hohenlohes ward 
am 14. Oktober total zersprengt, ebenso erging es der Braun- 
schweigs, obwohl dort Blücher und Wartensleben verzweifelte» 
Widerstand leisteten. 
In Folge der Unfähigkeit der Führer, des völlige» 
Mangels an einheitlicher Leitung ward aus dem Rückzüge 
eine Flucht, und mit der niederschmetternden Kunde von der 
Niederlage eilte die Panik, einem Gespenste gleich, den flüchtige» 
Trüminern des Heeres voraus, man wußte Nieinand, auf de» 
man die Hoffnung setzen konnte, daß er den Staat retten 
könne, der Uebermuth war gebrochen und wo noch Vertrauen 
auf Preußens Kraft gewaltet, sah man die düsteren Ahnungen 
erfüllt, welche Heller Sehende schon längst verkündet- 
Die theils noch auf nrittelalterlichen Pfeilern ruhende 
Monarchie, welche dem Geiste der neuen Zeit getrotzt und 
einer volksthümlichen Armee, geführt von einem selten be-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.