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Periodical volume 15. December 1883, Nr. 12

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Leben für ihn geopfert und der Prinz sprach, als könne er 
einen Wunsch, den derselbe gehegt, nicht heilig halten! 
Der Prinz schritt durch mehrere Gemächer zu einem kleinen 
Salon, der für die große Menge der Gäste nicht geöffnet und 
gewiffermaßen für fürstliche Personen und deren intime Be 
kannte reservirt geblieben, derselbe stieß unmittelbar an die 
Gemächer, welche die Fürstin von Schwarzburg bewohnte. 
In der Mitte des Salons stand ein Flügel. Auf einem 
Divan saßen zwei Damen, welche sich von dem Feste hicher 
zurückgezogen, sie erhoben sich, als der Prinz eintrat, die Jüngere 
verschwand, nachdem sie den Prinzen begrüßt, über das Antlitz 
der Aelteren flog ein Schatten, als sie sah, daß der Prinz 
einen Begleiter hatte, aber ein Schrei froher Ueberraschung 
entglitt ihren Lippen, als sie in demselben Georg Albert 
erkannte. 
Laura Gräfin D- stand nicht mehr in der ersten Blüthe 
der Jugend, ein genauer Beobachter hätte sogar bemerkt, daß 
ihre Züge 
schon die 
eigenthüm- 
lichenKenn- 
zeichen tru 
gen , als 
nahe ihnen 
der Herbst, 
aber in die 
sem Augen 
blick , wo 
ihr Antlitz 
freudig er- 
glühte, wo 
beim An 
blick deS 
Prinzen 
eine sehn 
süchtige Er- 
wartung er 
füllt war, 
woihrAugc 
den Geliebten ihrer Jugend begrüßte, da leuchtete dieses edle 
Antlitz schön wie in der Frische der Jugend, da wogte die Brust, 
da war ihr ganzes Wesen wie verjüngt. Es waren wohl fünf 
zehn und mehr Jahre verflossen, seit sie den Prinzen zum 
ersten Male gesehen, seit ihr Herz sich ihm in schwärmerischer 
Zuneigung hingegeben. Als der Prinz zum ersten Btale aus 
einem Feldzuge zurückgekehrt, hatte sie ihm den Lorbeer 
kranz in die Locken geflochten, jetzt, nach langen Jahren der 
Trennung sah sie ihn wieder und ihre Segenswünsche sollten 
ihn in einen neuen Krieg begleiten. Aber er war ein Anderer 
als damals. Der kecke zuversichtliche Uebermuth der Jugend 
war geschwunden; obwohl der Prinz kaum drei und dreißig 
Jahre zählte, hatte sich seiner eine düstere Schwermuth be 
mächtigt, er hatte das stolze Vertrauen verloren, das ihn ehe 
dem mit Siegeshoffnung erfüllte. Er hatte zu der Gräfin 
gesprochen, wie Jemand, der Abschied nimmt vom Leben, der 
sein Dasein als abgcschloffen ansieht, wie ein Greis, der 
lebensmüde, nicht wie ein Mann in den besten Jahren, der 
zu Großem berufen. Laura hatte sich mit dem Gedanken ge 
tröstet, er habe sie in einer bösen aber vorübergehenden 
Stimmung besticht, sie batte ihn jetzt in der Hoffnung er 
wartet, ihr Ideal eines Helden wieder zu erkennen, aber die 
düsteren Schatten waren nicht von seiner Stirne geschwunden. 
Es machte auf die Gräfin einen tief erschütternden, fast feier 
lichen Eindruck, daß er ihr den jungen Mann zuführte, dem 
sie auf seinen Wunsch eine zweite Mutter geworden, der ein 
Bindeglied zwischen ihr und dem Prinzen auch während der 
Trennung gewesen, es war, als wolle er Georg ihrem Schutze, 
ihrem Wohlwollen empfehlen, wenn er nicht mehr sei. 
Thränen drängten sich in das schöne Auge der Gräfin, 
als der Prinz in dieser Weise sprach, ein Grauen schüttelte 
ihre Glieder, es lag etwas Unheimliches in dem Wesen des 
Prinzen. 
Sie geben Ihrem Schützling ein schlechtes Beispiel, sagte 
sie mit schmerzlichem Vorwurf, Sie gehen traurig in den 
Krieg, einst war es anders! 
Ich bin nicht mehr der Knabe wie damals, antwortete 
er, meine 
Jugend hat 
ihre Hoff 
nung ver 
loren und 
mein Herz 
den Glau 
ben , ich 
grollte, als 
ich Preußen 
von seiner 
Höhe sinken 
sah und 
man ließ 
mich grol 
len , man 
hörte mich 
nicht. Ich 
habe mich 
überlebt. 
Kraft und 
Jugend ist 
dahin, mein Geist krank, mein Auge schwindlig, mein Leib siech 
und krank, ich habe mich selbst gemordet. Das Feuer, das einst 
in meiner Brust gelodert, hätte mich leuchten lassen können 
vor aller Welt und es hat mich schnöde verzehrt, aber Gott 
sei Dank, bald werden die Trompeten blasen, es ruft mich 
zur Schlacht, ich werde sterben auf dem Felde der Ehre. 
Sie werden nicht fallen, rief Laura, Sie werden siegen. 
Reden Sie nicht so düstere Worte, Sie machen mir das 
Herz schwer. 
Grämen Sie sich nicht um mich. Beten Sie, Laura, 
beten Sie, daß, wenn wir fallen, cs mit Ehren geschieht. 
Sie sind krank, Ludwig, ich beschwöre Sie, hängen Sie 
diesen düsteren Gedanken nicht nach. 
Ja, ich bin krank, murmelte er und strich die Locken von 
der heißen Stirn, ein Feiger klagt. 
Er schritt zum Klavier, schlug die Tasten an, als wolle 
er sich gewaltsam zerstreuen, er begann mit einer ivilden 
Phantasie, bald aber ging er zu sanften, milden Accorden 
über, er beachtete es nicht, daß, angelockt von den Klängen 
der Musik, die Fürstin von Schwarzburg und andere Personen 
Oas Zeughaus. (Zum Aufsatz Seite 167.)
        
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