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Periodical volume 15. December 1883, Nr. 12

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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I. mußte sich fügen, obwohl er innerlich vor Wuth 
knirschte. Wenn Sie sich völlig schuldlos fühlen, sagte er, 
dann muß ich Ihnen beistimmen, aber ich zweifle stark, ob 
Jeder Ihnen das Vertrauen schenken wird, das Sie bean 
spruchen. Wie Sie wollen. Ich werde dann die Akten an 
Ihr Regiment schicken. Ich müßte Sie nun als Arrestanten 
nach Berlin befördern lassen, aber ich will davon abstehen, 
Ihre Zuversicht beweist mir, daß Sie ein besseres Gewisien 
haben, als ich dachte. Ich lasie Ihnen Ihren Willen, machen 
Sie mir keine Vorwürfe, wenn Ihre Hoffnungen Sic täuschen. 
Ich meinte es gut mit Ihnen. Ein Argwohn, selbst wenn 
er nicht gerechtfertigt ist, wirft immer einen Flecken auf die 
Ehre des Betroffenen. 
Damit war Albert entlassen. Ehe er noch Cüstrin ver 
ließ, kam bereits die Nachricht, daß das Regiment Hohenlohe 
mit anderen Truppen bereits in der Gegend von Rudolstadt 
stehe, und Albert nahm an, daß er den Prinzen wohl nicht 
mehr in Berlin treffen werde, er begab sich also auf den 
direkten Weg nach Thüringen. 
Sechzehntes Kapitel. 
Der Kaiser Napoleon erhielt am 7. Oktober zu Bamberg 
das preußische Ultimatum, in welchem die Forderungen Preußens 
notificirt waren, ferner ein Handschreiben Friedrich Wilhelm Hl. 
Der Kaiser beantwortete die Aktenstücke in höhnischem Ueber- 
muth. Man giebt uns, schrieb er an Berthier, ein Rendez 
vous auf den 8. Oktober, ein Franzose läßt nie auf sich 
warten. Man sagt aber, eine schöne Königin wolle Zeuge 
sein bei den Kämpfen, gilt, wir wollen artig sein und ohne 
Aufenthalt nach Sachsen marschiren. Den Brief des Königs 
nannte er ein schlechtes Pamphlet, wie sie das englische 
Ministerium für 500 Pfund jährlich verfertigen lasse. Damit, 
schreibt Häuffer, kündigte er den Ton der Bulletins von 1806 
an. Schon das erste enthielt eine ganze Vlumcnlese von 
Rohheiten und führte auch jenen Federkrieg gegen die Königin 
Louise, dessen sich der letzte französische Soldat hätte schämen 
müssen. Die Königin war als Amazone geschildert, wie sie 
zu Pferde und in Dragoncruniform den Kriegsbrand schürte. 
Der gleiche Ton vermessensten Uebermuthes, aber zugleich ge 
schickt berechnet auf die Stinimungcn der Armee, sprach aus 
der Proklamation, die er in Bamberg an sein Heer erließ. 
Sie wollen, hieß es darin, daß wir beim Anblick ihrer Armee 
Deutschland räumen! Die Unsinnigen!! Soldaten, es ist 
Keiner unter Euch, der auf einem anderen Wege, als dem der 
Ehre, nach Frankreich zurückkehren möchte. Nur unter Triumph 
bogen dürfen wir dahin zurückkommen. Sollen wir darum 
den Jahreszeiten, Meeren, Wüsten getrotzt, das vereinigte 
Europa besiegt, unsern Ruhm von Ost nach West getragen 
haben, um wie die Ueberläufer in unser Vaterland zurück 
zukehren, damit man sagen kann, der französische Adler sei 
bei dem Anblick der preußischen Armee erschreckt entflohen? 
Das war die Stimmung, von der man im preußischen 
Hauptquartier noch bis zum letzten Augenblick eine nachgiebige 
Antwort erwartete! 
Aul Abend des 7. Oktober 1806 hatten sich die Offiziere 
des Hohenlohe'schen Corps und Alles was von Damen in der 
Stadt und Umgegend anwesend war, zum Balle auf dem 
Schlosse von Rudolstadt versammelt. Die Kriegserklärung 
sollte am folgenden Tage abgehen. Ich begreife nicht, sagte 
der alte Herzog von Braunschweig, woher Napoleon geahnt, 
daß unsere Kriegserklärung so nahe bevorstehend; seine Truppen 
erwarten wie wir den Kampf und noch ist das Manifest nicht 
abgesandt. 
Das will ich Ihnen sagen, Herr Herzog, versetzte Prinz 
Louis Ferdinand düster, Rußlands Drängen treibt uns jetzt 
zum Kriege, aber seine verheißene Hülfe ist nicht da, und ehe 
sie kommt, will Napoleon uns niederwerfen. Er wird da sein, 
ehe wir es ahnen. Lassen Sie mich morgen eine Recognos- 
cirung machen, ich wette, Saalfeld ist schon besetzt. 
Morgen noch nicht, mischte sich Hohenlohe ins Gespräch. 
Der Krieg ist noch nicht erklärt. Uebermorgen. Gut, über 
morgen also, sagte der Prinz und wendete sich ab. Er schritt 
durch die Menge, welche die Säle füllte, plötzlich fiel sein Auge 
auf einen jungen Offizier, der eben in den Saal getreten 
und wie es schien, ihn gesucht, denn er eilte auf ihn zu, als 
er den Prinzen bemerkte. 
Das Antlitz Louis Ferdinands erheiterte sich, mit dem 
Ausdruck herzlichsten Wohlwollens begrüßte er den jungen 
Mann. Das freut mich, rief er, ich hatte Sie fast vergessen, 
Alibert. General v. I. hat Sie also doch entlassen. 
Georg erröthete, der Prinz nannte ihn Alibert. Er 
schilderte mit kurzen Worten, wie es ihm ergangen, daß er 
darüber heute, bei seinem Eintreffen, seinem Regimenls-Eom- 
mandeur Bericht erstattet, dieser ihm aber erklärt, er müsse 
unter den obwaltenden Umständen die Einsendung der Akten 
abwarten, ehe er sich entschließe, ob er Albert dienstlich ver 
wenden könne. 
Der Prinz lauschte mit sichtlicher Erregung. Haben Sie 
die Gräfin D- schon aufgesucht? fragte er plötzlich. Noch 
nicht. Königliche Hoheit. 
Ich werde Sie zu ihr führen. In vierzehn Tagen sollten 
Sie erst die Ausschlüsse über Ihre Geburt erhalten, da wir 
aber vor einem Kriege stehen, sage ich Ihnen schon jetzt, daß 
Sie ein Vicointe Alibert sind. Es ahnt mir, daß ich fallen 
werde und ich habe der Gräfin Ihre Papiere und die Sorge 
für Ihre Angelegenheiten übergeben. Der Streich, den Ihnen 
der General v. I. mit Hilfe Ihrer Verwandteil gespielt, ver 
anlaßt mich. Ihnen nicht mehr meinen Wunsch, daß Sic sich 
mit den Wehlens gütlich vergleichen, zu wiederholen, ich lasse 
: Ihnen volle Freiheit, handeln Sie wie Sic wollen. Ihrem 
Commandeur werde ich sagen, daß ich Sie zu meinem Ordonnanz 
offizier erwähle, das wird unnützem Gerede ein Ende inachen- 
Folgen Sie mir. 
Es würde schwer fallen, die Gefühle zu schildern, die bei 
diesen Worteir des Prinzen Georgs Brust bis zum Ueber- 
strömen füllten rmd stürmisch durch das Herz wogten. Er 
war ein Vicomte, der Prinz zweifelte nicht an seiner Unschuld, 
er verlieh ihm eine Auszeichnung, um die ihn jeder Offizier 
beneiden mußte, er gab ihm aber auch Gewißheit, daß der 
Onkel Gertruds ihm nach Ehre und Leben getrachtet, daß es 
in feiner Hand liegen werde, sich an der Fainilic Wehlen zu 
rächen oder Schonung zu üben! 
Mit einem einzigen Schlage ward er aus der gedrücktesten, 
verzweifeltsten Stimmung in einen Rarisch der Freude, des 
Triumphes versetzt und das dankte er wieder dem Königlichen 
j Prinzen, der ihm ein zweiter Vater geworden, der ihn aus 
dem Staube emporgehoben. Das düstere Wort des Prinzen 
von dessen Ahnen durchbebte ihn, mit Freuden hätte er sein
        
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