Path:
Periodical volume 15. December 1883, Nr. 12

Full text: Der Bär Issue 10.1884

158 
gelegt hat, den Lieutenant Albert zu verdächtigen, nachdem 
es ihm nicht gelungen, seine Zwecke bei demselben zu erreichen. 
In jedem Falle wäre eine neue Untersuchung nothwendig und 
ich habe kein Recht, »ach dem jetzigen Stande der Dinge, die 
Rückkehr des Lieutenant Albert zu seinem Regimente zu ver 
hindern. 
Der Major stand in steifer militairischcr Haltung vor 
dem General, aber es war ihm kaum möglich, seine Miene 
derart zu beherrschen, daß dieselbe nicht verrieth, wie sehr 
ihn der Stimmungswechsel des Generals überraschte und be 
fremdete. Der General schien vergessen zu haben, welche 
Rücksichten er vorher der Disziplin zu schulden geglaubt, er 
hatte vor tvenig Stunden einen Königlichen Befehl unaus 
geführt lassen wolle», er hatte einen Zweifel an der Schuld 
Alberts für unmöglich erklärt und jetzt wollte er in Folge 
von Nachrichten, die seltsamer Weise im entscheidenden Augen 
blick gekommen, so weit gehen, daß er Albert von der Festung 
entließ, damit also erklärte, daß die neue Untersuchung auch 
anderswo geführt werden könne. 
Herr General, nahm er nicht ohne eine gewisse Scheu, 
daß er zu tvidcrsprechen wage, das Wort, ich erlaube mir 
ganz gehorsamst zu bemerken, daß die Verwahrung, welche 
die Mitglieder des Kriegsgerichts gewagt haben zu Protokoll 
zu geben, in den Akten aufgenommen ist, daß Sie also durch 
die Freilassung des Gefangenen gewissermaßen einen Befehl 
»vidcrrnfen, den Untergebene sich zu bekritteln erlaubt — 
Herr Obcrstwachtmeister, unterbrach I. den Major und 
die Röthc seines Antlitzes verrieth, wie ihm diese Bemerkung 
unangenehm, cs scheint, Sic bekritteln Maßregeln, die ich treffe. 
Der Untergebene hat nichts zu denken oder zu meinen, er hat 
zu gehorche». Lassen Sie den Lieutenant Albert in Freiheit 
setzen und ihm befehlen, daß er sich bei mir persönlich abzu 
melden hat. 
Der Major antwortete, 51t Befehl, Herr General, und 
verließ das Gemach. 
Eine halbe Stunde später und die Garnison, die Beamten, 
die Bewohner der Festung hatten die Ucberraschung, den 
Lieutenant Albert, von dem man sich erzählt, daß er hellte 
wegen Hoch und Landesverrathes abgeurtheilt wcrdcil solle, 
in Uniform, den Degen an der Seite, zur Kommandantur 
gehen zll sehen. Niemand aber >var von dem ebenso plötz 
lichen wie vollständigen Umschwung der Dinge mehr überrascht 
worden, als Georg selbst. Er hatte es bis zum letzten Augen 
blick nicht glauben mögen, daß der General v. I., der ihn 
freundschaftlich in seine Familie eingeführt, ihm feindselig ge 
sonnen, er hatte angenommen, daß unglückliche« Zufälle, 
vielleicht auch die Bosheit Padillvns, ihn verdächtig gemacht, 
erst bei den Berhandlungen des Kriegsgerichts selbst hatte 
ihn der Argwohn beschlichen, daß I. sich seiner entledigen 
wolle. Gewisse Bemerkungen des Aliditeurs bestätigten diesen 
Verdacht, aber er bekämpfte denselben und wir erwähnten 
schon, daß er durch diese Haltung die Richter günstig für sich 
stimmte. Ter Vorsitzende des Kriegsgerichtes hatte sich jedoch 
im Groll über die schroffe Abfertigung, die er von I. er 
halten, die Genugthuung nicht versagen können. Albert, als 
er ihm die Freilaffung zu verkünden hatte, anzudeuten, daß 
derselbe den unerwarteten Stiminungswechsel des Generals 
einer Depesche zu verdanken habe, die von, Prinzen Louis 
vor einer Stunde eingetroffen. Der General, sagte er, hatte 
cs böse mit Ihnen vor; wenn Ihr Gewissen sich rein fühlt, 
so danken Sie Gott für ihre Rettung, fühlen Sie aber sich 
schuldig, so können Sie nur durch doppelte Treue und Eifer 
im Dienste für König und Vaterland Ihrem hohen Gönner, 
dem Prinzen, für die Hülfe danken, die er Ihnen geleistet. 
Die Ahnung Alberts war bestätigt, was er zu denke» 
sich fast geschämt, war bittere Wahrheit und er sollte jetzt 
dem Manne gegenüber treten, der ihn durch erheucheltes Wohl 
wollen getäuscht und ihn zu verderben getrachtet, und das 
allein um elenden Geldes willen! Der Mensch schließt gern 
von sich selber auf Andere, und eine solche Falschheit und 
Erbärmlichkeit war der Natur Alberts so fremd, so unfaßbar, 
daß er trotz der Ueberzeugung, die er gewonnen, den Wunsch 
hegte, eines Irrthums überführt zu werden. 
General I. empfing Albert in seinem Cabinet. Ich bringe 
meinem Pflichtgefühl ein Opfer, sagte er. Es ist sonst mein 
Grundsatz, mit äußerster Strenge jede nothwendig gewordene 
Untersuchung durchzuführen, bis sich die Thatsachen klar und 
zweifellos herausstellen und dem Gesetze unerbittlich Geltung 
zu verschaffen, vornehmlich, wenn es Personen betrifft, denen 
ich Vertrauen und Wohlwollen geschenkt. Der Prinz Louis 
leistet für Sie Bürgschaft, ich gebe nur ungern diesem Wunsche 
nach, aber Sie werden hoffentlich in der ersten Schlacht eine 
gute Gesinnung bewähren. Vor dem Feinde können Sie jede 
Schuld sühnen, falls eine solche Sie belastet. Ich werde die 
Untersuchungsakten gegen Sie in Verwahrung behalten, bis 
nach Beendigung des Krieges, da ich Sie einmal freigebe, 
will ich Ihrem Renomme im Offizier-Corps nicht schaden. 
Höre ich Gutes von Ihnen, so lasse ich die Akten vernichten. 
Das Blut stieg Albert bei diesen Worten des Generals 
ins Gesicht. Die Heuchelei des Generals lag jetzt klar am 
Tage. I. sagte mit anderen Worten, er wolle die Ehre und 
Freiheit Alberts in seinen Händen behalten, um, wenn er 
wolle, je nach seiner Laune, ihn wieder vor Gericht fordern 
zu können oder nicht. Herr General, erwiderte er, ich fühle 
mich schuldlos, ich möchte kein Geheünniß bergen, als scheute 
ich mich vor neuer Untersuchung, ich werde meinem Com 
mandeur melden, in welchem Verdacht ich hier gestanden. 
Das Antlitz des Generals färbte sich kirschroth vor Zorn 
und Wuth. Sie raisonniren? donnerte er. Wissen Sic midi, 
daß, wenn ich die Sache nicht aus Schonung für Sie ge 
heim halte, ich Sie nur als Arrestanten zu Ihrem Regiment 
senden darf? Weisen Sie mein Vertrauen zurück, so bleiben 
Sie Arrestant vielleicht während der ganzen Dauer des Krieges, 
denn jetzt hat mau keine Zeit, Untersuchungen zu führen. 
Albert erbleichte. Das war eine Drohung, die ihn er 
beben machte, er sollte in Gefangenschaft sitzen, während die 
Armee vor dem Feinde stand. Dennoch aber blieb er fest. 
Mir ist meine Ehre heiliger, versetzte er, als der sehnlichste 
Wunsch meines Herzens, für das Vaterland zu fechten. Ich 
würde Jedem das Recht geben, mich für einen schurkischen 
Verräther zu halten, wenn ich mich scheute, dem Verdacht 
Trotz zu bieten, der mich unschuldig getroffen. 
Der General war auf diese Antwort nicht gefaßt ge 
wesen, er hatte geglaubt, es werde Albert willkommen sein, 
wenn das Geheimniß bewahrt bliebe. Albert habe durch den 
ersten Widerspruch nur die sofortige Vernichtung der Akten 
ertrotzen wollen, in seiner Erregung dachte er nicht daran, daß 
Albert nicht ahnen könne, wie er gezwungen sei, ihn frei zu lassen-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.