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Periodical volume 8. December 1883, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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zu hören, wo die Kavallerie hält" — aber zum rapportirenden 
Kürassieroffizier sagte er: „Ich gratulire zur gewonnenen Ba 
taille". Auch Schenkendorf, der sich eben einen französischen Dra 
gonerhelm als Trophäe aufgelangt, sah den König: 
„Wie herrlich strahlt dein Angesicht 
Im Sonnenlicht, im Freudenlicht, 
Im Siegesglanze, 
Du Königslanze!" 
Wieder der Heldentod eines Königsbergers: das ostpreußische 
Landwehrbataillon erstürmte das Grimmaische Thor, der Hauptmann 
Motherby fiel von einer Kugel. 
Die kühnen Erwartungen aller glaubensstarken Männer waren 
Lohn erreicht, und Schenkendorf konnte in seinem Tcdeum sagen: 
„Das ganze Deutschland weint und lacht, 
Die Freiheit ist ihm wiederbracht". 
1814 durfte der Feind nicht mehr in Deutschlands Grenzen 
seine Waffen schwingen, in der Neujahrsnacht überschritt ja Blücher 
den Rhein. Schenkendorf war in Leipzig zurückgeblieben, und der 
Freiherr von Stein machte ihn zum Beamten der Verwaltungs- 
kommission: als Agent beim Grotzhcrzog von Baden hatte er jetzt 
die Volksbewaffnung zu organisiren. Durch Kabinetsordre zum 
Volontair-Osfizier ernannt, trug er nunmehr die Uniform, und wie 
ein Jahr vorher sein Dichtcrwort die Königsbergische Landwehr 
gerufen hatte, so in diesem die Badische: 
„Kommt von Durlachs Rebenhügeln, 
Bon des schwarzen Waldes Höh', 
Oder wo sich Alpen spiegeln 
In dem klaren Bodensee." 
Freilich machte böser Wille ihm zu schaffen, wie er in einem 
Briese vom 22. März*) aus Karlsruheschreibt, und es schmerzt ihn, 
nicht mit seinen Waffenbrüdern in Frankreich kämpfen zu können, 
aber ihn erquickten auch in jenem unvergleichlichen Frühlinge Aus 
flüge nach Basel, Zürich, dem Rheinfall, in den Breisgau und in 
den Schwarzwald. Es waren dies die Tage, in denen die Lerche 
ihr Frühlingslied gesungen hat, den unsterblichen „Frühlingsgruß 
an das Vaterland": 
„Wie mir deine Freuden winken 
Nach der Knechtschaft, nach dem Streit, 
Vaterland, ich muß versinken 
Hier in deiner Herrlichkeit". 
In jenem Briese wünscht er seinem Freunde „Kampfeslust und 
Siegesrreude und zu dem allen die innere Ruhe und Seligkeit, 
ohne welche doch alles ein Nichts ist," und schreibt, daß vor dem 
Friedensschlüsse „uns Gott übrigens bewahren wolle." So geschah 
cs auch. 
Im Februar hatte Napoleon unterhandelt, aber die Friedens 
urkunde, statt sie zu unterzeichnen, zerriß er. Am 30. März wurde 
der Montmartre erstürmt, ain 10. April dankte der Imperator ab. 
Hoch schlugen alle Herzen in der Hoffnung auf die Einheit der 
deutschen Nation. „Warum wählt ihr keinen Kaiser?" fragten die 
Völker, und Schenkendorf gab diesem Wunsche dichterischen Aus 
druck: 
„Wollt ihr keinen Kaiser küren, 
Kommt kein Ritter, heimzuführen 
Deutschland, die verlassne Braut?" 
Dieser Gedanke erfüllte seine Seele schon längst, sogar in 
einem Geburtstagsgedicht an seine Gattin dringt er durch: 
„Dann wandern wir Land aus, Land ein 
Dem Guten nach, dem Schönen, 
Und sehen in der Stadt am Main 
Den Deutschen Kaiser krönen!" 
Drei Tage später wendet er sich an den Geist Karls des 
Großen, bewegt von der Erinnerung an dessen tausendjährigen 
Todestag: 
„Steh auf in Herrlichkeit, 
Nimm Schwert und Scepter wieder, 
Dann kommt die bessre Zeit 
Vom Himmel zu uns nieder." 
Als eine Wiederherstellung dieser Macht denkt er sich das 
Kaiserthum; sagt er doch schon im August 1813: 
„Wie wirds euch sein, ihr deutschen Lande, 
Wenn dann das Heer, in Karls Gewände, 
Den Kaiser wieder krönt?" 
Um ihn sitzen die Helden im Himmel; als Scharnhorst ge 
storben, da 
„Aus dem irdischen Getümmel 
Haben Engel in den Himmel 
Seine Seele sanft geführt; 
Zu dem alte» Deutschen Rathe, 
Den im ritterlichen Staate 
Ewig Kaiser Karl regiert." 
Und Karls des Großen Stuhl im Aachener Dome ist ihm die 
mächtigste Erinnerung. Mochte Mancher ihm Schwärmerei zum 
Vorwurf machen — er sagte sich: 
„Es ist kein falsches Wähnen, 
Kein loses Bilderfpiel", 
und gerade in diesem Gedicht hat er weissagend gesprochen: 
„Wie viel auch sind der Stufen 
Am Thron der Ewigkeit, 
Ein Volk ist hoch berufen 
Vor allen weit und breit." 
Ja noch mehr: im „Frllhlingsgruß an das Vaterland" stehen 
Worte, die fast wie ein Orakel klingen: 
„Aber einmal müßt ihr ringen 
Noch in ernster Geisterschlacht 
Und den letzten Feind bezwingen, 
Der im Innern drohend wacht. 
Haß und Argwohn müßt ihr dämpfen, 
Geiz und Neid und böse Lust — 
Dann nach schweren langen Kämpfen 
Kannst du ruhen, Deutsche Brust. 
Jeder ist dann reich an Ehren, 
Reich an Demuth und an Macht; 
So nur kann sich recht verklären 
Unsers Kaisers heilge Pracht." 
Es ist in der That, als ob wir in einem Spiegel ein Bild der 
Wirklichkeit erblicken, wenn wir in jenem Gedichte, welches die 
Festigkeit seines Glaubens gegen den Vorwurf der Schwärmerei 
behauptet, folgendes lesen: 
„Das ist ein Volk der Treue, 
Der Demuth und der Kraft, 
Das ist die Gottesweihe, 
Die Deutschlands Würde schafft. 
Es kann das Herz nur eines, 
Ein einiges nur sein, 
Drum soll sich des Vereines 
Auch jeder Deutsche freun. 
Wenn wieder sich gestalten 
Das alte Deutschland soll, 
So sei es nicht zerspalten, 
Nicht schwach- und wundenvoll. 
Ich weiß, an wen ich glaube, 
Ich kenn ein holdes Bild; 
Dem Teufel nicht zum Raube 
Wird, was mein Herz erfüllt; 
*) vergl. IX S. 321.
        
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