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Periodical volume 8. December 1883, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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srrtigung in der Tasche hatte- Der Major konnte freilich auch 
nicht ahnen, in tvelchen Beziehungen der General zu dem 
Arrestanten stand, daß er fürchten müßte, ein Gönner des 
Letztere» könne ihn des Mordes aus Privatinteresse anklagen. 
Hütte dieses Bedenken nicht gewaltet, so hätte I. unbefangener 
mit sich zu Rathe gehen können. So genügte cs ihm schon, 
das Urtheil des Kriegsgerichts dem Könige einzusenden, damit 
der Monarch entscheide. 
Und doch — wenn der König, veranlaßt durch den 
Prinzen Louis Ferdinand — eine neue Untersuchung befahl? 
Wenn man entdeckte, daß der General Padillon gesprochen 
und daß er diesen Umstand dem Kriegsgericht verschwiegen? 
War Georg erschossen, so batte er nicht zu fürchten, daß bei 
einer späteren Untersuchung vielleicht gar Padillon erschien 
und gegen ihn zeugte, dann konnte Georg niemand mehr 
durch Verheißungen gewinnen — blieb er am Leben, wurde 
eine neue Untersuchung besohlen, so war Alles möglich. 
Es verging eine Stunde nach der anderen, die Sitzung 
dauerte lange. Immer neue Gespenster tauchten vor der er 
regten Phantasie des ungeduldig Harrenden aus. Wenn es 
Georg gelang, die Richter milde zu stimmen, ihnen Zweifel 
an seiner Schuld einzuflößen! Vor einigen Stunden hätte 
der General solche Bedenken belächelt, der Auditeur hatte ja 
erklärt, nach Lage der Akten müsse die Vernrtheilung er 
folgen und die Richter ivaren Offiziere, die es nicht wagen 
durften, i» solcher Sache Entschuldigungen gelten zu lassen. 
Doch >vas ist das! Schon wieder das Signal eines 
Posthorns, das einen Courier meldet. 
Der General tvird bleich vor Erregung. Es überkommt 
ihn wie ein Ahnen, daß der Courier nichts Gutes bringt. 
Und er täuscht sich nicht- Das Siegel des Prinzen Louis 
Ferdinand genügt schon, I. erzittern zu machen. 
General v. I., so lautet die Depesche, sollte dem Lieutenant 
Georg Albert, den der Befehl Sr. Majestät zu seinem Regi 
ment beordert und für dessen Loyalität und Ehrenhaftigkeit 
ich mich verbürge, irgendwie behindert tverden, bis morgen 
in Berlin einzutreffen, so werde ich die strengste Untersuchung 
desbalb beantragen; es liegt in Ihrem Interesse, etwaige 
Hindernisse zu beseitigen, sollte ihm ein Unglück zustoßen, so 
würde der Schatten auf Sie fallen, daß Sie Jemand nicht 
geschützt, in dessen Hand es liegt, die Ehre ihres verstorbenen 
Schwagers zu brandmarken, das Vermögen Ihrer Frau 
Schwester zu fordern und dessen Rechte und Ansprüche ich 
rücksichtslos zur Geltung bringen würde, wenn er das nicht 
mehr vermöchte; im Falle seines Ablebens würde ich seine 
Papiere der Ocffentlichkeit, seine Ansprüche zur Verfolgung 
dem Königlichen Waisenhausc als Erben zustellen und über 
wachen. Louis Ferdinand. 
Der General ließ das Blatt mit der zitternden Hand 
sinken, sein Antlitz wird aschfahl, er sah, daß der Prinz 
seine Intrigue durchschaut. Er durfte Albert nicht verlassen. 
Er hätte der Schwester fluchen mögen, die ihn verleitet, ein 
Werkzeug ihres Hasses zu werden. Aber wie sollte er jetzt 
das Geschehene rückgängig machen, ohne sich aufs Acußerste 
bloszustcllen! Was sollten seine llntergebcncn denken, wenn 
er jetzt plötzlich die Sache niederzuschlagen versuchte, was der 
Prinz, wenn er hörte, wie weit er es getrieben! Er tvar 
als Schuldiger an den Pranger gestellt, wenn er zeigte, wie 
diese Drohung ihn erschreckt und noch schlimnicr war cs. 
wenn er ihr trotzte! Der Vorsitzende des Kriegsgerichts ward 
gemeldet. I. hätte viel dann» gegeben, wenn man ihm die 
Freisprechung Georgs gemeldet, aber das war nicht zn er- 
warten. Dennoch schöpfte der General Hoffnung, das Antlitz 
des Majors war ernst, düster, es verkündete nicht, daß der 
Spruch so ausgefallen, wie I. es anfänglich gewünscht. 
(Fortsetzung folgt.) 
In den Räumen des Berliner Gymnasiums „;um 
grauen Kloster". 
Von ffisüar StfmitM. 
(Schluß. Hierzu die Illustration S. 153.) 
Mit schnellem Schritte nahen wir uns der neuesten Zeit. Von 
den malerischen Kunstwerken des Hörsaales erwähnen wir nunmehr 
die Numern 49 bis 56. Dieselben stellen dar: 
49. den Direktor Joachim Christoph Bodcnburg (1743 bis 
1759). Das Gemälde ist ein Geschenk des Holzverwalters 
Schräder, wie ich den eigenhändigen Aufzeichnungen Jo 
hann Friedrich Bellermanns entnehme, 
50. Portait des Direktors Wippe! (1759—1765). Ein Ge 
schenk seines Sohnes, weiland Professors am Cadettencorps. 
5k. Direktor Anton Friedrich Büsching (1766 — 1793), der 
große und vielumsassende Gelehrte! 
52. Direktor Friedrich Gedicke (1793—1803). Dies Bild 
ist auf Kosten der Streitischen Stiftung gemalt. 
53. Direktor Johann Joachim Bellermann (1804—1828), ein 
Geschenk von dessen Familie. 
54. Direktor Gustav Samuel Köpke (1828—1837), ebenfalls 
von der Familie gestiftet. 
55. Direktor August Ferdinand Ribbeck (1838 —1847), ein 
Geschenk von dessen Wittwe Frau dl. dl., geb. Hainchelin. 
56. Prorektor Johann Friedrich Seidel, Geschenk des Ge 
heimen Postraths Seidel. 
Noch muß bemerkt werden, daß zu allen diesen Bestandtheilen 
der Gemäldesammlung des grauen Klosters im Lause der Zeiten 
noch zwei andere hinzugekommen sind. Es sind dies: 
die Portraits zweier Wohlthäter, des Kaufmanns Philipp 
Adler, welcher im Jahre 1814 dem grauen Kloster die Hälfte seiner 
sehr bedeutenden Münzsammlung verinachte, sowie das Bildniß 
des Geheimen Rathes Christoph von Tieffenbach, eines Mannes 
aus altberlinischem Geschlechte, welcher grade hundert Jahre vor- 
i her in Gemeinschaft mit dem Berliner Bürgermeister Schlüter.1714 
die große und höchst werthvolle Gymnasial-Bibliothek begründet 
hatte. Er ist ein pietätvoller Nachkomme der alten Blankenfelde 
gewesen! Das Bild zeigt ihn als Kind; ein Hündlein springt an 
ihm hinauf. 
Den weitern Zugang zur Streitischen Gemälde-Sammlung 
bildete im Jahre 1830 der v. Regemannsche Nachlaß. Am 5. Juni 
, d. I. starb der Negierungsrath Heinrich Detlow Helmuth von Re- 
gemann. Er vermachte der Anstalt etwa 12 000 Thaler und seine 
Gemälde-Sammlung, Bildnisse und Landschaften neuerer Meister, 
etwa achtzehn Stücke. Ja, Wohl ist das graue Kloster, wie wir 
schon aus diesen wenigen Angaben ersehen, außerordentlich reich von 
Wohlthätern bedacht worden! Aber die Anstalt hat, — das ist 
ihr großer und ihr bleibender Ruhm, — auch nimmer des Dankes 
für die reiche Theilnahme vergessen, die ihr geworden ist! Wir 
sagen nicht zuviel — ja, diese beiden letzten Jahrhunderte, 1683 
bis 1883, sind eine Zeit beständiger Blüthe gewesen. Im Jahre 
1766, bei dem Amtsantritte des Rektors Büsching, wurde dann 
auch noch das Köllnische Gymnasium, welches sich in einem Zustande 
j völligen Zerfalls befand, mit dem grauen Kloster vereinigt. Bis
        
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