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Periodical volume 8. December 1883, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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zuschlagen; als Gefangener auf Ehrenwort hatte Georg doppelt 
peinlich sich vor jedem Verdachte zu hüten, er mußte ferner 
sich sagen, daß ein derartiger Emissair als Spion zu be 
trachten sei, der Verkehr mit demselben constatirte also schon 
die Schuld des Angeklagten und es war durch die Unter- 
suchung festgestellt, daß der Herr de Padillon mehrfach in den 
Cascmattengängen, welche zu dein Aufenthaltsorte Georgs 
führten, gesehen worden >var. Ein Unteroffizier und mehrere 
Soldaten wollten diese Angabe eidlich bekräftigen, ein Sergeant, 
welcher vom General v. I. Befehl erhalten, den Verkehr des 
Arrestanten mit dem verdächtigen Fremden zu beobachten, 
wollte sogar wissen, daß der Fremde eines Tages, als er die 
Casematte verlaffen, etwas unter seinem Rocke verborgen, was 
wie eine große Papierrolle ausgesehen. Er hatte dies sofort 
dem General gemeldet. I. hatte darauf die Verhaftung 
Pavillons besohlen, aber derselbe war bereits aus Cüstrin ver 
schwunden, als man ihn suchte. 
Der Major Braun, welchen man ebenfalls verhört, damit 
er Auskunft über die Denkungsweise Georgs gebe, hatte sich 
sehr günstig über Georg geäußert, es war aber dem Auditeur 
nicht entgangen, daß er bei der Frage, was er von dem 
Verkehr Georgs mit einem französischen Einissair, der sich 
heimlich in der Festung aufgehalten, wisse, auffällig erschrak. 
Er mußte zugeben, daß er Georg vor längerer Zeit auf einer 
Reise in Gesellschaft eines Franzosen gesehen, dessen Acußercs 
der Personalbeschreibung des verdächtigen Fremden entsprach. 
Georg Albert hatte bei seiner Vernehmung nicht be 
stritten, daß ein Herr de Padillon ihm einen Brief der Vi- 
comtessc d'Alibert gebracht, er hatte aber erklärt, er stehe zu 
der Vicomteffe nur in Privatbeziehungcn, die er bereits in 
Berlin abgebrochen, er habe Padillon nur einmal gesprochen, 
als dieser ihm den betreffenden Brief gebracht, dessen Vor 
schläge er mit Entrüstung zurückgewiesen. Er habe, so lautete 
seine Aussage weiter, die Sache dem General nicht angezeigt, 
weil er sie durch seine abschlägige Antwort für erledigt ge 
halten, er sei in dem festen Glauben gewesen, daß Padillon 
allein der Bote seiner Schwester, daß derselbe sofort wieder 
abgereist sei, nachdem er seinen Auftrag vollzogen. 
ES schien wenig glaubwürdig, daß Georg Albert die 
Wahrheit sprach, daß er von dem längeren Aufenthalt Pavillons 
nichts gewußt haben sollte. Wollte man auch die Möglich 
keit annehmen, daß Padillon gleich beim ersten Besuche des 
Arrestanten in der Casematte irgend Jemand gefunden, den 
er für seine verrätherischen Absichten sich dienstbar gemacht, 
so war eS ebenso unwahrscheinlich, daß Georg den Franzosen 
nieinals gesehen haben sollte, wenn er die Casemattenräume 
später betreten. Der Umstand, daß Georg dies ableugnen 
wollte, bewies, daß er die verbrecherischen Absichten Padillons 
gekannt. Umsonst berief sich Georg, als man ihm diesen 
Argwohn offenbarte, auf das Zeugniß des Herrn v. Wulffcn 
in Berlin, ja, selbst auf das Zeugniß des Herrn v. Rittling, 
daß er schon in Berlin es zurückgewiesen, mit Herrn de Padillon 
zu verkehren, er sah cS dem Auditeur an, daß man ihm 
nicht glaubte. 
DaS Kriegsgericht war versammelt, über Georg das 
Urtheil zu sprechen, da trat plötzlich eine Ordonanz ein, welche 
den Vorsitzenden sofort zum Commandanten «schied, gleich 
zeitig aber den Befehl brachte, das Gericht solle nicht aus 
einander gehen, sondern die Rückkehr des Vorsitzendcir erwarten. 
Fünfzehntes Kapitel. 
General v. I. war, ehe die erste Staffelte gekommen, 
in der Stimmung eines Mannes gewesen, der sich am Ziele 
eines lange vorbereiteten Planes sieht und ungeduldig das 
Gelingen desselben erwartet. Er hatte, wie wir oben erwähnt, 
durch seine Beschwerde beim Kaiser Napoleon über den Vi 
comte d'Alibert die Abberufung desselben von Berlin durch 
gesetzt, gleichzeitig aber auch eine Verbindung angeknüpft, 
welche von Seiten des Generals Berthier rege erhalten wurde. 
Der General Berthier nahm das Interesse, welches er für 
die Prozeßangelegenheit kundgegeben, zum Vorwände, eine 
Correspondenz anzuknüpfen, in der er es immer deutlicher dem 
General I. zu verstehen gab, wie sein,Kaiser den König von 
Preußen besser berathen wünsche, wie derselbe es hoch an 
erkennen werde, wenn ein verdienstvoller General dahin wirke, 
daß Preußen sich Frankreich anschließe und aus Patriotismus 
dahin wirke, daß ein Krieg zwischen beiden Brächten vermieden 
werde. Berthier gal' Notizen über die Kampfmittel Frankreichs, 
er war neugierig, Aehnliches über die Bereitschaft der preußischen 
Arinee zu erfahren und deutete an, daß, wenn Preußen sein 
Interesse mit denen des Kaisers vereine, Napoleon einen Mann 
wie I. ganz anders zu verwenden wissen werde, als das jetzt 
der Fall sei und daß alsdann kein unbedeutender Vicomte 
es wagen werde, ihn niit alten Händeln zu belästigen. General 
I. hatte sich durch diese Correspondenz geschmeichelt gefühlt, 
er war der Versuchung erlegen, Notizen an Berthier zu senden, 
die jenem höchst willkommene Einblicke in die preußischen 
Rüstungen gestatteten. Noch war Friede, noch glaubte I., 
der jetzt ein Bewunderer des napoleonischen Genies geworden, 
Preußen werde sich dem Willen des Kaisers beugen, da erhielt 
er plötzlich die vertrauliche Nachricht, daß dem Kaiser Napoleon 
die Geduld gerissen, er sei der Verhandlungen müde, er werde 
Preußen zum Kriege reizen, wenn es sich nicht sofort unter 
werfe. Gleichzeitig ward ihm mitgetheilt, in Cüstrin befinde 
sich der wirkliche Erbe der Aliberts als Festungsgefangencr, 
er solle sich vorsehen, die Gemahlin des Vicomte Alibert wolle 
mit demselben einen Vergleich abschließen, gelinge ihr das, 
wende der junge Mann sich an den Kaiser, so könne derselbe 
eine Revision des Prozesses befehlen. Der anonyme Brief 
steller avertirte den General davon, daß der Bote der Vi- 
comtesse Alibert ein Mann sei, der Bestechungen zugänglich. 
Der Leser wird jetzt das Weitere errathen. General v. I. 
fand Padillon, den er heimlich zu sich kommen ließ, nur zu 
geneigt, ihm als Werkzeug zur Vernichtung Alberts zu dienen, 
wir werden später sehen, daß er auch andere Verabredungen 
j mit ihm traf. 
Der Plan J's. schien gelungen. Das Kriegsgericht 
mußte das Todesurtheil sprechen, I. konnte es vollstrecken 
lassen, seine Schwester war von dem Sohne und Rächer ihrer 
Todfeindin befreit. 
Da brachte ein Courier den Befehl, Georg Albert zu 
beurlauben, ihn in Freiheit zu setzen. Nach dem Reglement 
stand Georg Albert von dem Augenblicke an, wo der König 
diesen Befehl gegeben, unter Gerichtsbarkeit seines Regiments, 
I. konnte ihn als Arrestanten demselben zuschicken, aber es 
j mußte dort über ihn das Kriegsgericht gehalten werden, in 
keinem Falle durste I. das Urtheil des Kriegsgerichts der 
Festung vollstrecken lassen. Der General ward roth und blaß 
! vor Wuth. Wäre der Courier einige Stunden später ge-
        
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