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Volume 1. December 1883, Nr. 10

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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MisceUen. 
Citt iiöniflsflfsrfimit. Friedrich Wilhelm I., König von Preußen, 
war bekanntlich ein lebendiger Soldatensreund und fand ganz besonderes 
Vergnügen an Leuten von ganz ausgezeichneter Länge. Als ihn August II., 
König von Polen und Churfürst von Sachsen 1709 in Begleitung Fried 
rich IV. von Dänemark, der von Italien über Dresden gereist kam, be 
suchte, machte er es sich zur größten Freude, beiden Monarchen sein 
Karde-Regiment „langer Grenadiere" zu zeigen, für welches die 
längsten Leute aus allen Regimentern gewählt wurden. König August 
wandte alles Mögliche auf, um sich den Preußenkönig für die nordische 
Allianz mit Rußlaud gegen Schweden geneigt zu machen, benutzte dazu 
unter Anderm auch Friedrichs Liebhaberei an langen Soldaten und ver 
sprach ihm zwölf Grenadiere von seltmer Länge, welches Versprechen denn 
auch bestens angenommen ward. 
Rach König August's Heimkehr aber, den damals Krieg und Geld 
mangel bestürmten, kam die Sache wieder in Vergessenheit. Erst bei 
einem Manöver seiner 6rsnck-LIousqu«tsirs — denn auch August hielt 
auf dergleichen militärische Kabinet-Exemplarc — fielen ihm die nach 
Berlin verheißenen zwölf großen Grenadiere wieder ein und sofort ergingen 
an mehrere Stadträthe Rescripte folgenden Inhalts: 
„Friedrich August, König und Churfürst. Liebe getreue. Wir haben 
an Unsere Generalität die Ordre gestellet, daß aus Unseren Landen 
einige Personen von besonderer Länge ausgesuchet und angeworben werden 
sollen, welche Wir des Königs von Preußen Majestät, als Grenadiere 
zu schenke», allergnädigst entschloßcn, als begehren wir rc. 
Die verschiedenen Behörden boten nun alles auf, um den Wunsch des 
Königs zu erfüllen. Daß Maß eines Angeworbenen mußte mindestens 
8 */ 4 Elle betragen, um zur Annahme der „Berliner Garde-Ehrenstellen" 
zu gelangen. Am besten wirkte das Handgeld; dasselbe wurde je nach 
der Länge des Mannes gezahlt. Es wurden 20, 30, 40, 50 und 60 
Thaler gezahlt. Einer erhielt sogar 68 und noch ein Anderer, Namens 
Martin Woberau, 100 Thaler, dagegen ein gewisser Hans Birken, 
nur 7 Thaler entweder, weil er selbst Lust zum Soldatenstande oder etwa 
„Werg am Rocken" hatte, das ihm das fernere Bleiben im Lande ver 
leidete. Im Ganzen wurden 518 Thaler 16 Groschen Handgeld ausge 
geben. Wo etwa bürgerliche, häusliche oder pekuniäre Schwierigkeiten zu 
beseitigen waren, trat die Generalität gern in's Mittel. So zeigte z. B. 
der General Wustromirsky von Rockitting unterm 4. October 1715 
an, daß ein gewisser Martin Haubold, der vordem schon beim Arn- 
städtischen Kürassier-Regiment gedient, zu Meißen als Maurerlehrling sich 
habe aufdingcn lassen und dessen Bruder, wegen Jnnehaltung der Lehr 
zeit, eine Kaution von 20 Thaler stellen müsse. Da nun der Mann jung, 
schön und maßgerecht war, auch Lust zeigte, sich anwerben zu lassen, wenn 
man jene Kaution wieder erstatte, das Mauergewerk und der Zunftmeister 
sich bereit erklärt haben, wenn man es, doch ohne Konsequenz zu 
Haubold's Lossprechung durch Rescript anweise, so erging deshalb dm 
II. Oktober 1715 ein Rescript an den Stadtrath zu Meißen, in welchem 
gesagt wurde, besagte Kaution zu zahlen. 
Natürlich war ein Dutzend sächsischer Riesen nicht sofort aufzubringen, 
denn nicht jeder lange Mann qualifizirtc sich, amtlicher und häuslicher 
Verhältnisse wegen zum „Berliner Grand-Grenadier". Am 23. Juni 1716 
endlich konnten doch schon zwei und am 15. August desselben Jahres drei 
Mann nach Berlin gesandt werden, welche unter Eskorte eines Ober- und 
Unteroffiziers der Kriegsregimenter über Hayn (Gräsenbeinchen) und Zossen, 
im letzten Orte, einer preußischen Bedeckung übergeben wurden. Jene 
fünf Mann kosteten an Handgeld und Löhnung, vom Tage der Anwer 
bung bis zu dem der Absendung, 226 Thäter 8 Groschen 6 Pfennige. — 
Sämmtliche zwölf Mann aber, mit Einschluß der Montur und Armatur, 
1267 Thaler 21 Groschen 6 Pfennige. Adam Löffler. 
Derkiner Keubaulen. Seit den Gnindcrjahren ist in Berlin nicht so 
viel gebaut worden als in diesem Jahre. Ganze Stadttheile sind im Westen 
in der Gegend des Zoologischen Gartens und im Südwesten nach der 
Hasenhaidc hin entstanden, ohne daß die alten Stadtthcile vernachlässigt 
wären. Denn gerade in diesen hat sich eine große Umbauthätigkeit ent 
faltet. Die Ursachen dieser lebhaften Baulust sind, wie die „Baugcw.-Ztg." 
ausführt, aus das Schrcckbild der neuen Bauordnung, welche Anfang 
nächsten Jahres das Licht der Welt erblicken soll, und auf die Verbilligung 
des Geldes zurückzuführen. Die künftige Bauordnung hat zunächst vor 
ihrer Geburt die Wirkung gehabt, daß noch jetzt möglichst viele alte Grund 
stücke unter dem Schutz der jetzigen Baugesetze umgebaut, ausgebaut und 
erhöbt worden sind, Veränderungen, welche später nicht mehr in annähernd 
dem Umfange möglich sein dürften. Die Verbilligung des Geldes treibt 
die Kapitalistm zur Anlage ihrer Gelder in Grundstücken. Man begnügt 
sich heute eben mit einem sehr viel geringeren Miethsertag als früher. 
5 Procent ist schon ein guter Ertrag, wobei man gern die mühevolle 
Hausverwaltung mit übernimmt. Dieser lebhaften Bauthätigkcit, bemerkt 
die „Baugew.-Ztg.", könnte sich das Herz des Fachmannes wohl unge 
trübt freuen, wenn nur nicht die große Ueberproduktion an Häusern eine 
neue Caiainität für den Grundbesitz in ziemlich sichere Aussicht stellte und 
wenn andrerseits nicht bei so vielen Bauten so sehr viel Geld verloren 
ginge. Leider verstummen aber nicht die Klagen der Handwerker, welche 
nach vollständiger Fertigstellung auf ihr Geld so lange warten müssen, 
bis sie sich auf „billige" Vergleiche eiulaffen. Sie sagen sich: „bester 
etwas als möglicherweise nichts". 
Die Planirungsarbeiten auf den Tcmpelhoser Bergen 
schaffe» allgemach aus dem bisherigen Chaos ein wohlgeordnetes Bau 
terrain. Gänzlich verschwunden sind die Berge schon an der Ostseite, wo 
sich bereits eine breite zukünftige Straße markirt. Ebenso beginnt sich der 
bisherige wüste Weg an der Bockbrauerei entlang in eine normale Straße 
zu verwandeln. Bei der Baulust, welche im Süden von Berlin herrscht, 
lvird sich das Terrain wohl schon im Frühjahr mit Häusern bedecken. In 
der gegenüber gelegenen Wilhelmshöhe ist soeben wieder ein Prachtbau 
in der Vollendung begriffen. 
Die Umgestaltung der alten Stadttheilc Merlins. Dem im Ber 
liner Architektenverein gehaltenen Vortrage des Stadtbaurath Blanken 
stein über die Entwickelung Alt-Berlins entnehmen wir nach dem 
Wochenblatte für Architektur und Ingenieure Nachfolgendes: 
Redner wies im Eingänge des Vortrages auf die weitläufigen be 
züglichen Mittheilungen in „Berlin und seine Bauten" hin, führte 
dann kurz an, welche Umstände die Entwickelung der Stadt im Allge 
meinen begünstigt und welche dieselben benachtheiligt haben (Lage in dem 
sumpfigen Spreekessel, Fehden zwischen Bürgerschaft und Regenten, Un 
selbstständigkeit der Stadtgemeinde, ungünstige Stimmung gegen die Stadt 
bei Regierung und Volksvertretung). 
Die Stadt entwickelte sich ursprünglich in einer nordöstlichen und 
einer nordwestlichen Hälfte, worin erst eine Aenderung nach Umgebung 
derselben mit Mauern unter Friedrich Wilhelm I. eintrat. Bevorzugt 
war alsdann die Westvorstadt, die nach dem Thiergarten hin sich aus 
dehnte und für welche früh schon Bebauungspläne aufgestellt wurden, 
während der Norden sich selbst überlassen blieb. 
In dem eigentlichen alten Berlin fehlten hauptsächlich durchgehende 
Verkehrsadern zwischen den einzelnen Stadttheilen; so ist zu bedauern, 
daß Sch litte r's Idee einer Verlängerung der Königstraße über den 
südlichen Theil des Schloßplatzes nach der Jägerstraßc und dem Thier 
garten unausgeführt blieb, da selbst die Kaiser Wilhelm-Straße eine 
ähnlich wirksame Entlastung der Königstraße nicht herbeiführen kann. 
Außer der auf dieser Linie liegenden Langen Brücke gab es als Spree 
übergang bis zum XVII, Jahrhundert nur noch den Müh len dämm, 
der jetzt erst seine wahre Bedeutung erhalten wird, wenn er nach Vollen 
dung des neuen Polizei-Präsidiums verbreitert und wenn gleichzeitig der 
Dampserverkehr bis hierhin geleitet werden kann. Durchführbare Ver 
längerungen nach Westen liegen leider noch nicht vor, auch ist es früher 
versäumt worden, die Fortsetzung nach Osten über den Spittclmarkt mit 
der Lindenstraße zu suchen. Die späteren Uebergänge der Jannowitz 
brücke und der Waisenbrücke haben, als in durchgehenden Linien be 
findlich, heute starken Verkehr. Die Frequenz der Friedrichsbrücke ist 
so bedeutend und die Vertheilung von dort aus so ungünstig, daß die 
neue Brücke der Kaiser Wilhelm-Straße sehr nöthig sein wird. 
Dieses Projekt, sowie dasjenige der Zuschüttung des Königsgrabens 
ist unter Ungunst der Verhältnisse nach 1870 mehrere Jahre liegen ge 
blieben, doch jetzt ist beides gelöst und zwar letzteres durch die Stadt 
bahn, welche dem Osten der Stadt von großem Nutzen ist. Dir Durch 
legung der Kaiser Wilhelm-Straße hat eine längere Geschichte durch 
umfangreiche Verhandlungen zwischen den betheiligten Behörden, zu deren 
Abschluß behufs der Durchbrüche und Baufluchten mehrere Kabinetsordres 
erlassen werden mußten. Eine südliche, früher von Orth projektirte Ab 
zweigung der Kaiser Wilhelm-Straße nach dem Alexandcrplatz war wegen 
diagonaler Kreuzung der Bauquartiere nach unseren ungünstigen Expro 
priationsbestimmungen nicht durchführbar, der jetzige Abschluß event. Ab 
zweigung ist noch nicht festgelegt, was aber im Interesse einer Verkehrs- 
erleichtcrung der Königstraße wünschenswertst ist. Andere Linien wie 
Rochstraße, dann Verbindung vom Alexanderplatz südlich nach 
der Neuen Friedrichstraße (event, bis Klosterstraße) sind theile- 
ausgeführt, theils vorgeschlagen. Die wichtigst« Straße bleibt der Durch 
bruch vom Lustgarten bis zum Viktoria-Theater. Die Straße wird, nach 
dem die Schloß-Apotheke bis zum zweiten Giebel gefallen oder vielmehr 
nach dem Wasser zu neu aufgerichtet ist, am Eingang nebst Brücke ani 
Lustgarten 26 m breit, nachher 22 m (wie die Leipzigerstraßc) und an 
einzelnen Stellen etwa 30 m breit. Mit ihr hängen zusammen der Marien- 
Platz (als Denkmalsplatz), die Markthalle (Fläche — 11000 qm, 
ebenerdig, zum Theil mit zweitem Geschoß 6 m über Terrain in Höhe 
der Stadtbahn), Panorama u. s. w., endlich das neue Polizei-Prä 
sidium am Alexanderplatz mit einer Front von 200 m an der Alexander- 
Straße. Es ist also zur Hebung des Verkehrs und der äußeren Erschei 
nung schon Vieles geschehen und noch Vieles im Werden, worin bei zu 
nehmender Selbstständigkeit der Stadt noch größere Leistungen erwartet 
werden dürfen. 
Märkische Moli im Jahre 1638. Wenn im dreißigjährigen Kriege 
ein kommandirender Offizier, ein Kreis- und Marsch-Commistar rc. einen 
Bericht durch die Post gehörig besorgt haben wollte, drohte er aus dem 
Couvert« mit Leibes- und Lebensstrafe, malte dazu einen Staubbesen 
und Galgen und schrieb daneben sechs cito und ein citissime. So sind 
z. B. „Berichte vom Generalmajor Tauben undt den Commissaricn in 
der Mark Brandenburg" d. d. 7. May 1638", mit folgender freundlicher 
Empfehlung begleitet: 
„Inliegend Unterthänigster Bericht, daran sehr hoch undt viel gelegen, 
soll also baldtcr of Verordneter Post voit hier of Potsdam nach Berlin 
gebracht, in die Chursürstliche Brandcnburgische Geheimbte Canzley da 
sechsten Ueberantwortet uns hieran Jedes Ordtcs so Tags so Nachts bei 
leib und Lebens straff nichts verabsäumet werde». Signatum undt 
abgangen d. 7. May 1638". Daneben war Staubbesen und Galgen 
mit der Feder gezeichnet. Manche Behörden scheinen sogar Slampillen für
	        
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