Path:
Periodical volume 1. December 1883, Nr. 10

Full text: Der Bär Issue 10.1884

132 
als Tobsüchtiger in der Heilanstalt. Hätte ich nicht beobachtet, ' 
daß Gewissensbisie meinen Gatten quälten, so würde das Aus 
tauchen anderer Aliberts, welche Ansprüche erheben, mich völlig 
ruhig lasten. Ich fürchte daher auch jenen Vicomte nicht, 
der in Berlin die Archive zu durchstöbern wünschte, in der 
Geldangelegenheit hat der König entschieden, aber ich argwöhne, 
daß Wehlen in anderer Beziehung mich, den König und jenes 
Weib getäuscht. Was er aber gethan, darüber richtet ein 
Höherer mit ihm, ich bin schuldlos, aber ich weiß es, daß 
jenes Weib mich gehaßt, wie ich sie; ihr verdanke ich die 
bittersten Stunden meines Daseins, zerstörte Hoffnungen meines 
Herzens, eine hingeopfcrte verkaufte Jugend. Und ich sollte 
ihrem Sohne, besten Antlitz mir ihre verhaßte Fratze vor die 
Seele führt unb der jedenfalls als ihr Rächer auftreten wird, 
gestatten, begehrend nach meinem Kinde zu schauen, von ihm 
Schonung der Ehre meines verstorbenen Gatten erkaufen?! 
Niemals! Ich haste ihn, weil er ihres Blutes, weil er ihre 
Züge trägt. Jetzt weiß er, wie Du sagst, noch nicht, welche 
Waffen er gegen mich erheben kann, die Schlangennatur wird 
zum Vorschein kommen, wenn er die Papiere seiner Mutter 
erhalten, wenn ihr Gift durch seine Adern strömen wird. 
Und der Prinz Louis begünstigt ihn! Merkst Du nicht, wes 
halb? Mir scheint, als ob Wehlen bei einer zornigen Laune 
des Königs das Werkzeug gewesen, er soll jetzt der Sünden 
bock werden, ich soll mich mit dem Sohne der Französin ver 
gleichen, oder man wird dem Menschen gestatten, die Schuld 
des Königs an mir und meinen Kindern zu rächen. Die 
Nothwehr gebietet mir, die Schlange zu zertreten, ehe sie nach 
mir stechen kann. 
Der General hatte der langen Erzählung schweigend aber 
aufmerksam gelauscht, schüttelte den Kopf. Constanze, sagte 
er, ich begreife sehr wohl, daß Du den Sohn Deiner Rivalin 
lieber unter der Erde sehen, als Deine Gefühle bekämpfen 
möchtest, aber Deine Schilderung bestätigt das Urtheil, das 
ich von Anfang an gefällt — das Beste wäre. Du zeigtest 
Dich einer Verbindung des jungen Mannes mit Gertrud ge 
neigt. Laste mich ausrede», fuhr er fort, als Frau v. Wehlen 
ihn durch einen Ausruf der Empörung unterbrach, ich weiß, 
was Du sagen willst, ich habe ja Deine Erklärung gehört, 
aber in schwierigen Situationen kann man den Verhältnissen 
sehr gut Rechnung tragen, ohne deshalb seine Ziele aufzu 
geben. Eine Annäherung zweier jungen Leute begünstigen, 
heißt noch nicht sie für einander bestimmen, oft steigert man 
die Neigung eines Mädchens zu ihrem Geliebten durch das 
Verbot, ihn nicht zu sehen, aber man kann ihre Illusionen 
enttäuschen, weil» man scheinbar unparteiisch bleibt. Es ist 
ferner viel weniger bedenklich, einen Feind zu verderben, den 
man vor der Welt protegirt, als Jemand, dem man offenen 
Haß gezeigt. Ich bin Dein Bruder, ich biete Dir lieber meine 
Hilfe, als daß ich zusehe, wie Du Dich compromittirst, aber 
ich möchte nicht Ehre und Stellung daran setzen. Deinem 
Haste ein blindes Werkzeug zu sein. Die Zeiten sind leider 
vorüber, wo hochgestellte Personen vor dergleichen Abenteurern 
geschützt waren, wo man sich unbequemer Objekte entledigen 
konnte; dieser junge Mann hat aber überdem mächtige Pro- 
teklionen. Warten wir wenigstens eine günstige Gelegenheit 
ab, handeln wir mit Vorsicht. Ich glaube, daß in nächster 
Zeit sich große Ereigniffe vollziehen werden. Preußen ist fast 
das einzige Land Europas, das sich bisher dem Kampfe mit 
dem Sohne der Revolution entzogen, aber der Geist, der die 
französische Revolution wachgerufen, spukt im Lande. Schlagen 
unsere Truppen, wie ich hoffe, den Kaiser Napoleon, so bricht 
nicht nur besten Reich zusammen, dann wird auch jener Geist 
ausgerottet, der die alte Ordnung der Dinge erschüttert, der 
mit der Parole Freiheit, Menschenrecht u. s. w. jedem Bauern 
gleiches Recht wie dem Adel geben möchte, der das Volk auf- 
sessig macht, dann regieren wir wieder und machen mit den 
französischen Abenteurern kurzen Prozeß. Sollte es aber anders 
kommen, sollte Napoleon das Glück haben, auch uns zu schlagen 
wie die Oesterreicher, dann wird Dir jener Vicomte Alibert, 
der in Berlin nach Documenten sucht, ein furchtbarer Gegner, 
dem allein dieser Georg Albert die Spitze bieten kann. Ich 
rathe Dir daher, lasse Dich nicht von der Leidenschaft zu 
Dingen hinreißen, die schwere Folgen haben können. Wenn 
Georg Albert stirbt, ist jener Alibert der Erbe seiner Ansprüche. 
Das war auch die Ansicht Rittlings, mit dem ich die 
Sache besprochen, versetzte Constanze, dennoch aber wüthete 
er mir nicht zu, dem Menschen ein freundliches Gesicht zu 
heucheln. 
Der General lächelte eigen. Auch ich hatte mit ihm ge 
sprochen, sagte er und er schien meine Ansicht zu adoptiren. Du 
hast also wohl größeren Einfluß auf ihn gehabt und Du 
wirst jetzt einsehen müssen, daß Du Dir die Lage der Dinge 
ungünstiger gestaltet hast. Georg Albert hat Freunde, be 
gegnet ihm etwas Ungewöhnliches, so wird der Argwohn, 
daß der Angriff von Dir herrührt, sehr bestimmt auftreten. 
Constanze schien einzusehen, daß die Warnung ihres 
Bruders wohlbegründet. Ich werde versuchen, mich zu ver 
stellen, erwiderte sie, die Hoffnung auf desto sicherere Rache 
wird mir die Kraft dazu geben. 
Damit erhob sie sich und verließ das Gemach. Der 
General schaute ihr sinnend nach. Es ist so, wie mir ahnte, 
murmelte er, Wehlen hat das Geld gestohlen, so haßt das 
böse Gewisten den Rächer, den es fürchtet. Dein Stolz will 
lieber ein neues Verbrechen begehen, als vor dem Sohne der 
Rivalin erröthen. Du zitterst auch vielleicht vor dem Gedanken, 
daß Georg Albert, wenn er Alles erfährt, davor zurückbebt, 
die Tochter des Mannes zu lieben, der seine Eltern betrogen 
und verfolgt. Du hast Recht, der Name meines Schwagers 
darf nicht gebrandmarkt werden. Aber der Alibert in Berlin 
ist gefährlicher als dieser Mensch, den ich in den Casematten 
habe. Ihn gilt es zu vernichten oder zum Schweigen zu 
bringen. 
Der General versank in Betrachtungen, es mußten sich 
ihm sehr düstere Gedanken aufdringen, Gedanken, die seinem 
Herzen wie der Dämon der Versuchung nahten, er murmelte 
seltsame Worte, Worte, vor deren Klang er erbebte, als sie 
über seine Lippen sich drängten. 
Würden wir geschlagen, murmelte er unter Anderem, wer 
weiß ob Dir dann eine Pension gezahlt würde! Ahnte cs 
Constanze, daß Du ihr Vermögen angetastet! Die Aliberts 
würden sich an Dich halten. Die Schande träfe Dich wie 
sie. 
(Fortsetzung folgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.