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Periodical volume 24. November 1883, Nr. 9

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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des Publici" befriedigend, in einem Prospect versicherte, als „auf 
merksamer Zuschauer in dem Reiche der Sitten, der Natur, der 
Gelehrsamkeit und überhaupt aus dem großen Schauplatze der Welt 
genugsam Stoss zu finden, um seine Leser mit nützlichen und an 
genehmen Betrachtungen zu unterhalten, ohne sich in einen scheus- 
lichcn Satyr zu verwandeln", scheint ihm doch entweder der 
Stoff, oder die „Neubegierde des Publici" schon nach Jahresfrist 
ausgegangen zu sein. 
Den ersten Theil des aus 52 Stücken oder Wochenhcften be 
stehenden „Zuschauers" widmete der Verfasser dem großen Friedrich 
mit einer Zuschrift, die an Schwülstigkeit des Styls nichts zu wünschen 
übrig läßt. Wir können es uns nicht versagen, den Schluß der 
selben unsern Lesern mitzutheilen. 
.... „Daher entfiel meinem Auge eine frohe Thräne, so oft 
ich in dem vergangenen Winter das für mich unschätzbare Glück 
hatte, den liebenswürdigsten König in dem allcrvollkommensten 
Wohlseyn von kerne zu erblicken. Daher blieben an Allcrhöchst- 
deroselbcn leutseligen, mit Majestät vermischeten Mine (!) meine 
Blicke voll Erstaunen und Bewunderung hangen. Daher ist es 
eine Art von Wollust für mich, wenn ich eine Gelegenheit habe, 
der Welt zu sagen, daß ich meinen König liebe. Aber dieses Eure 
Königlichen Majestät Selbst zu sagen — würde das nicht verwegen 
seyn? Mein Herz spricht: sage es! — O großer Monarch! Gnade 
— für dieses Bekenntniß, wenn es strafbar ist! Mein Herz konnte 
es nicht verschweigen. Und ist es nicht eben so viel, als wenn ich 
gesaget hätte, daß für Euerer Königlichen Majestät allerteuerestes 
Leben ich mit den eifrigesten Seufzern Tag und Nacht zu dem 
Gott der Götter flehen, — daß Allerhöchstdenenselben ich, so lange 
ich noch atheme, lauter heitere, in dem ruhigen Schatten eines 
dreyzehnsachen Lorbeers durchlebete Tage, und den Enkeln 
noch das kostbare Glück wünschen werde, den Scepter Friedrichs 
des Großen zu küsien?" 
Gleichwohl verdient es diese Wochenschrift, aus der historischen 
Rumpelkammer hervorgeholt zu werden; denn sic gewährt uns so 
manchen Einblick in das öffentliche Leben und Treiben des damaligen 
Berlin, und ihre Andeutungen über längst Entschwundenes sind 
intereffant genug, um der Gegenwart in's Gedächtniß zurückgerufen 
zu lverden. 
An der Hand der „srcundschastlichen Muse, der Gesellschafterin 
seiner schwarzen Tage", tritt der Verfaffcr des oben citirten Auf 
satzes seinen Spaziergang an, um „die Schönheiten der prächtigen 
Stadt und die anmuthsvollen Gegenden um selbige, zur Aufmunte 
rung seiner Muse" zu betrachten. 
Wir wollen ihm als Commcntator folgen. 
Bei dem „kostbaren" königlichen Schloß bewundert er die 
Kunst der Menschen, welche ungeachtet ihres schwachen Körpers 
stark genug sind, Säulen von so ungeheurer Größe aufzurichten, 
und aus harten Steinen einen so herrlichen Palast zusammenzu 
setzen. Den preußischen Ländern nur Königinnen wünschend, wie 
die beste und vcrchrungswürdigstc es ist, welche in diesem Schloß 
ihren gewöhnlichen Sitz hat, betritt unser Führer den heutigen 
Lustgarten, welcher damals noch die Gestalt eines, von Fried 
rich Wilhelm l. angelegten und mit Bäumen umpflanzten Exercier- 
platzes hatte. Die Promenade unter diesen Bäumen, längs des 
Kupfergrabens, bildete zu jener Zeit das Rendezvous der Verlieb 
ten, wie dies aus unseres Gewährsmannes köstlicher Schilderung 
hervorgeht. 
„Jene Kastanienbäume, deren Zweige sich in der sanft vorbei- 
fließendcn Spree spiegeln, winken uns, einige Augenblicke in ihrem 
dichten Schatten auszuruhen und über die Dienstsertigkeit des Fluffes 
uns zu freuen, welcher aus seinem geschmeidigen Rücken Bedürfnisse 
und Ueberfluß für uns träget. 
„Hier ergötzen sich an kühlen Sommerabenden Jünglinge und 
Greise, erfahrene und unerfahrene Schönen; hier gehet die 
Vertraulichkeit an der Hand der Freundschaft, und erleichtert ihre 
beklemmte Brust durch leise Gespräche. Hier sagt mancher Dämon 
seiner Phyllis, daß sie die Gebieterin über sein Herz sei. Aber 
ach, möchte hier nur nie die Sprache der Unverschämtheit gehört 
werden — möchte hier nur nie ein Wollüstiger auf den Raub der 
Unschuld laueren! 
„Neptun, Du lauschest hier, von keuschen scherzenden Najadcn 
umgeben, unter dem Schleier der Nacht! Erblickest Du künftig einen 
Verwegenen, welcher das Herz hat, diesen Saimnclplatz der Freund 
schaft und Zärtlichkeit durch schmutzige Ausdrücke zu entweihen, 
ein keusches Ohr zu beleidigen oder der Tugend einer aufblühenden 
Schönheit Netze zu stellen, so eile schnell aus dem Flusse hervor, 
erhebe Deinen Dreizack, schwinge ihn zornig über dem Haupte des 
Strafbaren und vertreibe ihn, ohne Ansehung seines Standes, 
aus der Versammelung!" 
Ueber die Schloßbrückc, damalige hölzerne „Hundebrücke", 
welche dann in den Jahren 1822 bis 24 von Schinkel zur schönsten 
der Berliner Brücken umgewandelt tvurde, die sich kühn der hohen 
Königsburg an die Seite stellen kann und daher mit Recht nach 
dieser ihren Namen trägt, schreitet unser Mentor und richtet an 
seine Begleiterin die Frage: 
„Was denkest Du, Muse, von jenem stolzen Gebäudes Ist es 
etwan ein fürstlicher Palast? Nein, es ist ein bloßes Zeug 
haus — ein Behältniß der Werkzeuge des Mars. Hier werden 
die Waffen für die siegreichen Heere des größten Helden, des un 
vergleichlichen Königs aufbehalten; hier ruhen die Schwerter in 
ihren Scheiden, vor denen, wenn sie auf Friedrichs Wink entblößet 
würden, die halbe Welt erzittern muß. O, wünsche, daß dieser 
furchtbare Tempel aus ewig verschlossen bleibe!" 
Wir brauchen uns über die nunmehrige „Ruhmeshalle", 
welche mit ihrer jetzigen Einrichtung als eines der herrlichsten 
europäischen Bauwerke gelten kann, nicht des Weiteren verbreiten, 
sondern richten mit unserm Führer den Blick auf das schon damals 
Krvnprinzliche Palais. 
„Du betrachtest es so aufmerksam? Ja, betrachte es nur, das 
Palais des Prinzen von Preußen. Hier hat ein liebenstvürdiger 
August Wilhelm (seit dem Regierungsantritt Friedrichs des 
Großen) durch huldreiche Blicke manches Auge auf sich gezogen. 
Hier sind zwei große Prinzen und eine große Prinzessin geboren 
worden; ein Friedrich Wilhelm (der Zweite), welcher einst als 
König über uns herrschen wird, ein Friedrich Heinrich Karl, 
dessen viel zu früher Tod dem Lande Thränen auspreffete, und 
eine Friederika Sophia Wilhelmina, in deren Armen jetzt 
ein würdiger Statthalter von Holland glücklich ist. Hier betrauert 
eine Durchlauchtigte Wittwe das Andenken ihres verewigten Ge 
mahls." (Die Wittwe des Prinzen August Wilhelm bewohnte es 
bis zu ihrem, im Jahre 1780 erfolgten Tode.) „O möchte 
dieser Palast stets von Prinzen von Preußen bewohnt werden!" 
Nach diesem prophetischen Ausrufe wurden wir dem Opernhause 
zugeführt, das nach der Versicherung unseres Führers „durch seine 
Ueberschrift die Absicht seines Daseins verräth". 
„Es ist das schöne Opernhaus, welches Friedrich, der Liebling 
des Apollo, errichten ließ", so tönt es begeistert von den Lippen des 
Cicerone. „Er, ein Meister in der Dichtkunst, ein Freund der 
Euterpe, ein zweiter Musengott, wollte die frohen Musen zu 
einem Wetteifer aufmuntern, und hier beeiferten sie sich um die 
Wette, den Beifall ihres Schutzgottes zu verdienen. Der Monarch, 
welcher unter dem Donner des Geschützes und unter dem Schatte» 
des Oelzweiges gleich groß ist, gönnt ihnen zuweilen seine Aus- 
mcrksamkeit und beffert ihren Geschmack. Unter seinein Scepter 
werden sie von Fremden beneidet, und müffen sie nicht stolz sei" 
da ein so großer König sie seines Umganges würdiget?!" 
Der Freund und Genosse Friedrichs des Großen während des 
idyllischen Lebens in Rheinsberg, von Knobelsdorf, hatte den
        
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