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Periodical volume 24. November 1883, Nr. 9

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Interesse für Rittling nicht allzu lebhaft sei. Sie muffen fast 
härter als Ihr Gegner büßen, sagte sie, und ich höre von 
meinem Bruder, daß die größte Schuld nicht auf Ihrer Seite 
liegt. Ich bin überzeugt, daß mancher Andere seine Ueber- 
lcgenheit im Pistolenschießen grausamer ausgebeutet hätte. Ich 
freue mich, daß mein Onkel mir Gelegenheit giebt, Ihnen das 
sagen zu können. 
Georg hätte die Kniee beugen mögen vor dem schönen 
stolzen Mädchen, das in diesem Momente den ganzen Adel 
ihres Herzens zeigte. Ohne Rücksicht auf ihren Verlobten, auf 
das Urtheil des Kriegsgerichts, dessen Vollstrecker ihr eigener 
Onkel war, ohne Furcht, daß man ihre Worte mißdeuten könne, 
ward sie dem gerecht, den ihre Mutter keines Blickes gewürdigt 
und doch war ihre Haltung dabei derart, daß Keiner glauben 
konnte, sic vergebe ihrer Stellung etwas, sie werde von einer 
Schwäche für Georg verleitet, frei und ungezwungen stoffen 
die Worte von ihren Lippen, als thue sie etwas ganz Natür 
liches. 
Sic beschämen mich, gnädigstes Fräulein, antwortete 
Georg. Ich bin zufrieden, wenn mau mich nicht allzu hart 
tadelt. Ihre nachsichtige Beurtheilung macht Ihnen größere 
Ehre als mir. Ich hätte es vielleicht doch vermeiden können, 
gegen die Gesetze zri verstoßen. 
Die Antwort Georgs schien Olga weniger zu gefallen, als 
den Offizieren, welche zur Seite des Arrestanten saßen. Die 
selben nickten wohlgefällig unb machten Miene, von ihrem 
Nachbar, den eine Tochter des Hauses freundlicher Worte ge 
würdigt, mehr Notiz zu nehmen. 
Der junge Manu hat Recht, sagte der Eine von ihnen, 
welcher als Platzmajor in der Festung fungirte, bei ernstem 
Willen lassen sich Duelle vermeiden, sonst würden Seine j 
Majestät die Gesetze nicht verschärft haben. Es ist sehr groß 
herzig von Jhiten, gnädiges Fräulein, daß Sie dem Gegner 
Ihres Verlobten verzeihen. 
Ich habe nichts zu verzeihen, versetzte Olga mit Schärfe. 
Wenn Herr Albert sich selbst anklagt, so ist mein Verlobter 
um so weniger zu entschuldigen. Es ist Ihnen vielleicht nicht 
bekannt, daß Herr Albert durch Geschick, Muth und Geistes 
gegenwart ein großes Unglück verhütete, bei welchem unter 
Anderen auch meine Mutter, Gertrud, Rittling, ich, mein 
Bruder den Tod in den Wellen finden konnten. Das durfte 
Keiner von uns vergessen. Aber ich glaube, Rittling neidete 
Ihnen diese That, Herr Albert. 
Sie ist der Erwähnung nicht werth, ich half nur den 
Fährleuten. 
Herr Albert, nahm jetzt Gertrud das Wort, ohne den 
Blick zu erheben und sichtlich kämpfend, sei es mit der Scherl, 
sich einem Tadel ihrer Mutter auszusetzen oder mit der Furcht, 
ein Gefühl ihres Herzens zu verrathen, aber doch ermuthig, 
drrrch das Austreten ihrer Schrvester — Herr Albert hat einen 
sehr großen Stolz der Bescheidenheit, er hat auch meine Ent 
schuldigung deshalb, daß ich ihm einen Tanz abgeschlagen, 
nicht angenommen. 
Wer Jhnerr das gesagt, gnädiges Fräulein, versetzte Albert, 
der hat mich sehr falsch verstanden, oder nicht verstehen wollen, 
ich habe dem Glück nicht getraut, von Ihnen einer Erklärung 
gewürdigt zu werden. Herr v. Rittling schien mir zu wenig 
freundlich gesonnen, als daß ich hätte glauben mögen, es 
intcressirc ihn, ob mich Ihre Ablehnung gekränkt oder iricht. 
Ich habe den Stolz, nicht für inehr gelten zu wollen, als ich 
bin, es ist daher auch nicht Bescheidenheit, wenn ich mich da 
gegen verwahre, keine Schuld an dem Duell zu haben. Eine 
Dame darf Jedem die Schranken bestimmen, in denen sie ihn 
sich gegenüber sehen will, von einem Manne fordere ich, daß 
er mir die Achtung zollt, die ich beanspruche oder mir fern 
bleibt. Ich gebe zu, daß ich in dieser Beziehung Argwohn 
gegen Herrn v. Rittling hegte und daß ich, wenn derselbe 
nicht gerechtfertigt war, wenn ich mich täuschte. Schuld an 
der Reibung trage. 
Olga nickte Georg zu, als wolle sie sagen, daß sie einer 
solchen Denkungsweise beistimme, die beiden Offiziere aber, 
welche jetzt Georg Mittelpunkt der Unterhaltung werden sahen, 
schauten mißvergnügt drein, sie hätten lieber selbst die Conver 
sation mit den Damen geführt. Der Platzmajor machte denn 
auch die Bemerkung, daß eine Erörterung über die Gerechtig 
keit eines von Seiner Majestät bestätigten Urtheils sich für 
Georg nicht zieine und ließ demselben durch diesen Wink 
fühlen, daß er sich in Gegenwart von Vorgesetzten befinde. 
Er brachte dadurch Georg zum Schweigen, aber Olga sowie 
Gertrud fanden sich ebenfalls getroffen, besonders die Erstere, 
welche das Thema angeregt und sie verhielten sich bis zur 
Aushebung der Tafel einsilbig. Erst in dem Moment, wo 
Alles sich zur Wirthin drängte, um ihr gesegnete Mahlzeit zu 
wünschen, benutzte Gertrud einen rinbeachteten Augeirblick und 
sagte hoch erröthend, aber in herzlicher Weise, zu Georg, 
Rittling habe ihn nicht getäuscht, er habe ihm von ihr sagen 
sollen, daß sie die ihm zugefügte Kränkung bedaure. 
Das Antlitz Georgs strahlte, das Herz wollte ihm über 
strömen, ich wollte, flüsterte er mit heißem Athem, ich könnte 
Ihnen einmal beweisen, daß ich für ein freundlich Wort von 
Ihnen mein Leben lasse. 
Purpurgluth bedeckte Gertruds Antlitz, da zrrckte sie zu 
sammen, ihr Blick, der verstohlen nach der Mutter geschaut, 
war dem Auge derselben begegnet. Georgs Auge folgte der 
Richtung, die der Blick Gertruds genommen und aus dem 
Antlitz der alten Dame sprühte ihm das Feuer giftigen Haffes 
entgegen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Die Berliner Gper von heute. 
Von frnn,', (Biltfis. 
1. 
(Mit den Portraits von Anna Sachse-Hofmeister und Albert 
Niemann. S. 125.) 
Aehnlich wie die Werke großer Componisten ihrer Zeit ein 
gewisses musikalisches Gepräge verleihen, so tragen ihrerseits die 
ausübenden Gesangskünstler an einem großen stabilen Theater 
wesentlich dazu bei, wenn auch nicht dem allgemeinen Musikinteresse 
einen ausschließlichen Weg zu weisen, doch durch ihre Leistungen 
den Operncompositionen eine gewisse Färbung zu verleihen, welche 
naturgemäß durch die Individualitäten der betr. Sänger selbst be 
gründet ist. Diese Einwirkung ist, wie wohl allgemein bekannt, 
eine wechselseitige, denn zu allen Zeiten richten die großen Opern- 
componisten (schon Händel und Gluck thaten dies!) sich in ihren 
Tondramen nach den für sie disponiblen bedeutenden Gesangskräf- 
ten: Mozart, Weber, Auber, Meherbeer, ja sogar Richard Wag 
ner schrieben den von ihnen erkorenen Künstlern ihre Rollen —
        
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