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Periodical volume 17. November 1883, Nr. 8

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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ebenso wann der Soldat komplett ist, wann er Parade, Extra, 
Eommiß zu tragen hat, unterscheidet den Gefreiten vom Gemeinen, 
den Reservisten mit gerollten Achselklappen von dem mit Königs 
Urlaub Entlassenen. 
Innigste Verehrung suhlt er für das ganze königliche Haus 
und scheut nicht barhaupt eine kleine Stadtreise zu unternehmen, 
um den flüchtigen Anblick der hohen Herrschaften zu gewinnen. — 
Aehnliche, wenn auch nicht so lebhafte Sympathie, als das 
Militär flößt die Feuerwehr dem Berliner Jungen ein. Er rennt 
athcmlos neben den im vollen Carriere dahin eilenden Wagen, 
drängt sich dazu, sich seiner Meinung nach irgendwo nützlich zu 
machen, und zurückgeschickt, findet er sich alsbald unter einigen ebenso 
überflüssigen, als anzüglichen Redensarten wieder ein. 
Uebcrhaupt ist er immer der Erste „wo was los ist", sei es, 
daß ein unglückliches Droschkenpserd sich einmal der Ruhe bedürf 
tig auf das Pflaster gelegt hat, sei es, daß ein Betrunkener den 
rettenden Armen der heiligen Hermandad entgegen taumelt, eine 
Prügelei entsteht oder „Einer wo rausgeschmissen wird", und läßt 
es der Herr Straßenjunge auch hier an gutem Rathe, an ermun 
ternden Zurufen nicht fehlen, welche besonders in dem Fall, daß 
einige bier- oder branntweinselige Geister auseinanderplatzen sich 
besonders in stehenden Redensarten und geflügelten Worten bewegen, 
unter denen das gefährliche „haut ihm;" die erste Stelle einnimmt. — 
Dagegen treibt bei andern Veranlassungen die eigene Phantasie 
oft wundersame Blüthen der „Schnoddrigkeit". 
Mit „Kutscher, fahren Sie? Ick lose!" wird der schlummernde 
Droschkenlenker geweckt. 
„Haben Sie Neunaugen"? tönt die Frage an den lockigen 
„Häringsbändiger", und auf die bejahende Antwort entfernt sich 
der Kunde rasch mit den Worten: „Na wo sind denn die andern 
sieben; ick seh' ja man zwee"! 
„Aujust, wenn des dein Meester wüßte, daß Du seine besten 
Ziehjarn roochst — au die Keile"! wird ein sonntäglich geputzter 
sehr jugendlicher Handlungsbeflissener gewarnt. 
Letztere Bemerkung ist nicht ganz ftei von Neid, denn der 
„Ziehjarn" ist der Wunsch und das Streben jedes richtigen Jungen, 
und in der Zeit, wo die weichlichen Bonbons ihren Reiz verlieren, 
das fürchterliche Syrupsgebäck „Miaute" in Verruf gethan wird, 
legt man jeden Reichsnickel in Rauchkraut an — der Rest ist 
Schweigen. — 
Freilich bringt die Jahreszeit temporäre Ausgaben mit. — 
Mit Murmeln bildet sich das Karambolagespiel en miniature 
aus, der Ungeschickte muß die Zeche bezahlen. Sind die „Mai- 
kebcr" schlecht gerathen, kostet das Stück oft einen Pfennig und wohl 
habende Jungen lieben es, anstatt ihre Freimarken zu „verkietern", 
dieselben gleich gegen baare Münze zu erstehen, respektive umzusetzen; 
doch ist dies eigentlich incommentmäßig und verpönt; im Herbst 
aber, wenn „uff'n Kreizberg" die Drachen steigen, werden Un 
summen in „Strippe" angelegt, und Nichts gleicht der stolzen Be 
friedigung des Jungen und manchmal auch der Alten, wenn die 
papiernen Ungethüme ruhig in blauer Lust schweben und ohne sich 
zu „verheddern", sich herab ziehen lassen. — 
Alle neue Erfindungen, alle sensationelle Entdeckungen werden 
sofort redensartlich verarbeitet. — Der „Dichter von die Canali- 
sation" ist etwas Altes. „Ludewig mit's Telephon" wird Arbeitern 
nachgeschrien, welche ein unterirdisches Telegraphenkabel aus einem 
kleinen Handwagen führen. Der Straßenjunge ist ein Lichtfteund, 
ichwärmt für elektrische Beleuchtung, „der Jas" brennt ihm „ville 
zu duster". Natürlich interessirt er sich lebhaft dafür, wenn „ge 
buddelt" wird. — 
So frech er gegen Erwachsene, so händelsüchtig gegen seines 
Gleichen, so rücksichtsvoll ist im Allgenreinen der Berliner Straßen- 
junge gegen kleinere Kinder, Krüppel und Greise. — 
Fast nie wüßte ich, was so häßlich berührt, daß Gebrechliche 
verhöhnt worden wären, wie sich überhaupt der Junge wenig um 
das Aeußere der Pasianten kümmert. „Einsegnungsjungen" und 
„Einsegnungsmädchen" erregen ein gewisies Wohlgefallen, Waisen 
kinder in ihrer uniformen Tracht in der Regel Mitleid. — 
Auch ein Thiersreund ist der Berliner Junge. Hunde und 
Pferde neckt er zwar gern, wie überhaupt das Necken seine zweite 
Natur ist; „futtert" jedoch Sperlinge und sonstiges Gasscnviehzeug 
mit der eigenen „Schrippe" und „Stulle" und ahndet jede eigent 
liche Thierquälerei, so weit es i» seiner Macht steht, mit gutge 
meinten „Katzenköpfen". — 
Weh dem, der da „will und kann nicht" wenn er in's Bereich 
des Straßenjungen kommt. Der Sonntagsreiter, der „Lord vom 
Mühlendamm", der „Syrupsengel von die Ecke", die dicke Schläch 
termadame im Atlaskleid, die in eigener Equipage Corso fährt und 
den Gesellen als Bedienten auf den Bock setzt, sie alle bekommen 
ihre oft drastischen Bemerkungen zu hören, denn es steckt im Ber 
liner Nachwuchs die gründlichste Verachtung vor dem „man so 
duhn". 
Selbstverständlich steckt der Berliner Junge voll Loealpatrio- 
tismus, sieht mit Verachtung auf den Fremden, den er „Potsdamer" 
oder „klener Sächser" schimpft; sein Kunst- und historischer Sinn 
nährt sich an den Monumenten der Hauptstadt, vom „ollen Fritzen" 
bis zu „Humboldten," Schillern us'n „Schandarmenmarcht" und 
„Göten in'n Thierjarten" — seine ethnographischen Kenntnisse erwei 
tert er, außerhalb der Schule natürlich, an den verschiedenen frem 
den Typen der Residenz, dem „Ratzenfallen-Schlawaken", und Gips- 
figuren- oder Drehorgel-Italiener! Neuerdings kommen die 
Mitglieder der Gcsandschast des himmlischen Reichs, die Chinesen 
„mit'n Zopp" dazu. 
Es giebt beglaubigte, historische Zeugnisse, daß die Straßen 
jungen schon unter Friedrich dem Großen und früher existirt haben. 
Hingen sie sich doch an den Schweif von Friedrichs des Großen 
Pferd, wenn dieser in den Straßen Berlins spazieren ritt, und rie 
fen sie doch dem großen Preußenkönig, wenn er mit „Jungens 
wollt ihr mal in Schule"! sie von sich scheuchen wollte, zu: „Ach 
Jott, der olle Fritz weeß nicht mal, deß Mittwoch Nachmittag 
keene Schule ist!" — Sollte wider Erwarten ihr Geschlecht aus 
sterben, so möge dies dazu dienen, einige ihrer Besonderheiten der 
Nachwelt zu erhalten, doch hoffen wir das Beste, — cs sind ge 
sunde Jungen. 
MisreUrn. 
Woher die Hranitschake im Lustgarten stammt. (Mit den beiden 
Illustrationen S7 165 und 112.) Der gewaltige Granitblock, aus 
welchem im Jahre 1826 auf Befehl König Friedrich Wilhelms Hl. durch 
den Bauinspektor Cantian die vor dem Museum aufgestellte kolossale 
Schale gefertigt wurde, stammt bekanntlich aus den in der Nähe Fürsten- 
walde's gelegenen Rauen'schen Bergen. 
Die Hälfte des „Markgrafensteins" bestndet sich noch heute am alten 
Fundorte, die andere mußte das Material zu der bekannten Schale her 
geben. Das Sprengen des Gesteins und den Transport der roh 
gearbeiteten Schale zeigen unsere Illustrationen. Fast 2 Jahre hin 
durch hatten Steinmetze und Tagelöhner ihren hinreichenden Erwerb durch 
die mühsame Steinmetzarbeit gehabt; und erst im September 1827 war 
die kolossale Schale bis zur Schleifung vollendet. Sie faßte bequem 
44 Personen, hatte 22 Fuß im Durchmesser und ein Gewicht von mehr 
denn 1560 Eentnern. Mit großen Schwierigkeiten verbunden war ihr 
Fortschaffen von der Rauenschen Waldhöhe hinab nach dem dreiviertel 
Meilen entfernten Spreefluß. Es mußte ein eigener Weg dazu gebahnt 
und dieser stellenweise bis zu 15 Fuß tief abgegraben werden. Sechs 
lange Wochen dauerte der Landtransport, dann aber wurde die Schale 
auf einen zum Lasttragen besonders eingerichteten Spreekahn gehoben, nach 
Berlin geführt uud hier geschliffen. 
Die beiden „Markgrasensteine" genannten Felsblöcke bestehen aus 
einem und demselben sehr markirten Granit von Heller Farbe und grob 
körnigen Gemengtheilen. Vom großen Markgrafenstein erzählt die Sage, 
daß der Teufel ihn einst auf diese Berge geschleppt und eine Königs 
tochter darin eingeschlossen habe, deren Jammergeschrei man noch in stillen 
i Nächten vernehmen könne. Die Kunst hat den Zauber gebrochen. Die
        
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