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Periodical volume 17. November 1883, Nr. 8

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Tagen, da auf unserm Boden das ältere deutsche Kaiserthum mit 
den Satzungen und Ordnungen, aber auch mit den Anmaßungen 
der mittelalterlichen Hierarchie in einen furchtbaren Kampf gerieth. 
Die entsetzlichen Einzelheiten desselben sind oft genug geschildert 
worden, — wir meinen, am tiefgehendsten von Willibald Alexis 
im „falschen Woldemar". Was die neuere Forschung erschlossen 
hat, hat der Verfasser dieses Aufsatzes durch die altbrandenbur- 
gische Geschichte „Frankfurt in Acht und Bann" nachzutragen ver 
sucht. Damals zuerst gelangten diese Stätten zu einer noch heute 
nicht genügend hervorgehobenen Wichtigkeit für unser Volk und 
unser Land. 
Denn unerschütterlich fest hielten auch die Berliner 
Franziskaner zu Kaiser und Reich, d. h. zu dem gebannten 
Hause der Wittelsbacher. — 
Die Politik des Rathes von Berlin war leider keine feste, 
keine bestimmt vorgezcichnete. Das hat Klödens „Woldemar" 
schlagend nachgewiesen. Aber die Franziskaner blieben sich 
getreu. Die Glocken schwiegen in dem unseligen Lande, aus 
welchem das Interim lastete! — Hier aber, oben auf dem Thürm- 
lcin hinter dem Westgiebel, — daß wir's genauer sagen, — wo 
man heut noch an der Kirche den Abbruch von Mauerwerk der 
südlichen Wandung bemerken kann, tönte das eherne Zünglein Tag 
und Nacht, — mahnend, vor allem aber tröstend! Denn die Pest 
lag über der Stadt, verflucht war ihr Volk und ihr Fürst! Nur 
die Franziskaner hielten Gottesdienst auf diesen Stätten des Ent 
setzens ab; nur sie gewährten wohl auch -einem Gebannten ein 
Grab in geweihter Erde! 
Und das erklärt uns eine oft angezweifelte Thatsache! Denn 
hier in dem lieben, anheimelnden Hciligthum ruhen, — sind auch die 
Denktafeln längst vermodert, — sind auch die Steine längst zer 
schlagen, zwei edle Fürstenherzen unserer Mark: Ludwig der Römer 
und seine Gemahlin Kunigundis. 
Wir kennen all? die Zweifel an dieser Thatsache; dieselben 
haben uns in dem Glauben an die wirklich erfolgte Bestattung 
Ludwigs hierorts nur bestärkt. Bei der Renovation der Kirche in 
den 40 er Jahren ward der Boden vor dem Altare aufgedeckt; 
man fand leicht zwei Grabkammern vor; allein dieselben waren leer; 
augenscheinlich aber hatten gewaltsame Auswühlungen vorher hier 
stattgefunden. Der märkische Historiker Garcaeus aber versichert 
uns, die Grabinschriften noch selbst gelesen zu haben; er giebt uns 
die oft wiederholten Texte derselben in dem völlig unverdächtigen 
Latein des 14. Jahrhunderts an, und Garcaeus ist ein durchaus 
zuverlässiger Mann und Geschichtsschreiber da, wo er in eigener 
Person etwas sehen und erfahren konnte. 
Im Geiste wiederholen wir uns die schlichten Worte: 
„Anno Christi millesimo treeentesimo quinquagesirno sep- 
tirno obiit inclyta doinina, domina Cunegundis, uxor magnifid 
pnncipis doinini Ludovici, Romani dicli, filia quoque serenissimi 
r rgi8 Cracoviae sub altari bic inserius apud dominum et ma- 
nlum suuni honorifice tradita sepulturae,“ 
b. h. 
«Im Jahre des Erlösers 1357 starb die berühmte und er 
lauchte Frau, Frau Kunigund, Gemahlin des erlauchten Fürsten 
Herrn Ludwigs, den man den Römer nennt, Tochter des gnädigen 
Königs der Polen zu Krakau. Hier bei diesem Altare ist sie, wie 
sich's gebührt, feierlich bei ihrem Eheherrn und Gatten begraben 
f worden." 
Die Grabschrift Ludwigs des Römers, des später Gestorbenen 
i aber lautete: 
„A. C. MCCCLXV obiit illustrissimus princeps et dominus 
Ludovictts Romanus, marchio Brandenburgensis, filius invictis- 
Mni1 pnncipis et domini Ludoviti imperatoris hic inserius sub 
"-uni condigna revert ntia et honore ut par i’uit tuniulatus,“ d. h. 
"Im Jahre Christi 1365 starb der erlauchte Fürst und Herr, 
Herr Ludwig der Römer, Markgraf zu Brandenburg, der Sohn 
des unbesiegten Fürsten und Herrn, des Kaisers Ludwig. Hier 
unten ist er mit geziemender Ehre bestattet worden." — 
Wahrscheinlich, — es geht dies aus dem Fehlen des Datums, 
und aus der Erwähnung der Gruft Ludwigs in der Grabschrift seiner 
Gemahlin hervor, — sind diese Tafeln später von Anhängern des 
bairischen Fürstenpaares demselben zu Ehren aufgehängt worden. Heute 
erinnert nichts mehr in der Klosterkirche an die unglücklichen Wittels 
bacher in der Mark. Wie leicht indessen in früheren Jahrhunderten 
Leichcnstcine u. s. w. aus den Gotteshäusern verschwinden konnten, 
dafür nur ein Beispiel: In den alten Rechenschaftsberichten aus dem 
Schlüsse des 16. Jahrhunderts heißt es einmal: „Es hat auch 
Dr. Colerus, Propst zu Berlin, einen schönen Stein aus der Kloster 
kirche nehmen und denselben auf seines Kindes Grab legen lasten." Es 
ist nicht unmöglich, daß dies ein fürstlicher Leichenstein gewesen ist; 
es ist ferner nicht unmöglich, daß die Grabesplatten der beiden Gatten 
sich unter jenen völlig abgetretenen Lcichensteinen befinden, welche 
heut mitten vor die zum Chore hinaufführenden Stufen in den 
Estrich eingefügt sind. Kein Freund vaterländischer Geschichte wird 
daher die Klosterkirche durchwandern können, ohne tief ergriffen 
den Erinnerungen an die schwersten Tage der Mark sich hinzugeben. — 
Von ganz besonderer Bedeutsamkeit aber ist die Geschichte 
dieser Räume während des Jahres 1412. Wir finden aus dem 
selben eine gar räthsclhaste Notiz vor; es heißt nämlich im Ber 
liner Stadtbuchc: 
„Sie haben uns (dem Rathe) 36 Schock Groschen ge 
geben und sind dieselben theils dem Bischöfe gezahlt, 
theils auf geistliche Dinge verwandt worden, weil die 
Gemeinde im Kloster sich durch Eide verschworen hat." 
Eine politische Verschwörung also im grauen Kloster! Nach 
der Lage der Dinge kann ihr Zweck nur der gewesen sein, vielleicht 
mit Hülfe des ersten Hohenzollern, welchem man die Thore be 
dingungslos öffnen wollte, die drückende Herrschaft des Rathes ab 
zuschütteln. — Wir sehen also: es fehlt auch eine geheimnißvolle 
Romantik der Geschichte des grauen Klosters nicht! Verschwörer 
auch in Alt-Berlin, welche durch weltliche Pläne die Würde des 
Ortes entweihten! — 
Doch weiter! Es ist im Octobcr 1412. Da eröffnet sich uns 
ein Bild von großartiger geschichtlicher Bedeutsamkeit, dessen Sce 
nerie wiederum von der Klosterkirche gebildet wird. Man bringt 
drei schlichte Särge in das Gotteshaus und setzt dieselben 
vor den Stufen des hohen Chores nieder. Düster brennen unter 
den Weihrauchwolken die Kerzen! Düster schallt der Todtengesang 
durch die Kirche. Hinter den Särgen aber steht ein glänzendes 
Gefolge; Ritter und Geistliche sind's von hohem Range. An ihrer 
Spitze bemerken wir einen Fürsten; wir kennen diesen Kopf mit 
dem lockigen Haare, mit den seinen, von Geist und Bildung ge 
adelten Zügen: es ist Friedrich von Hohenzollern. Jetzt ist die 
Todtenmesse beendigt; jetzt sind die Särge eingesenkt: Tie Erde 
der Mark hat die sterblichen Reste von drei Männern einpfangen, 
welche dem Gebieter aus dem schönen Frankenlande in die Mark 
gefolgt sind, und hier ihre Treue gegen das Haus Hohenzollern 
mit dem Tode besiegelt haben: Johannes, Graf von Hohen 
lohe, Philipp von Utenhoven und Kraft von Lenters- 
heim sind auf dem Kremmer Damme im Kampfe gegen 
die Pommern gefallen! 
Die drei Männer sind die Ersten, die für den weltgeschicht 
lichen Beruf des Hauses Hohenzollern geblutet haben. Noch heut 
hängt in der Kirche ein merkwürdiges mystisches Bild rechter Hand an 
der Orgel-Empore. Ein bleicher Ritter im Pelzmantel, knieend vor dem 
Heilande in seiner Passion! Es ist Herr Hans von Hohenlohe, der 
junge, bleiche fränkische Gras! Kraft von Lentcrsheim's Grabstein 
liegt vor dem Altare, — eine große Sandsteinplatte mit halbge- 
j schachteln Schilde, auf dem Helme ein Adlersflug. Utenhovens
        
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