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Volume 17. November 1883, Nr. 8

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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daß Georg Albert, übermüthig durch die Gunst des mißver 
gnügten Prinzen Louis Ferdinand, angesteckt durch liberale 
Ideen, Nittling seine Verachtung der Standcs-Vorzügc haben 
zeigen wollen. 
Man ertheilte dem Kommandanten von Küstrin den Wink, 
den Arrestanten daraufhin zu beobachten, ob er revolutionäre 
Gesinnungen hege, er ward dem Kommandanten also gcwisser- 
maßen als eine gefährliche Persönlichkeit signalisirt und dieser 
Kommandant war der General v. I.! 
Georg war bereits zwei Tage Gefangener in den Case- 
matten der Festung, als der Trommelwirbel der Wachen ihm 
verkündete, daß etwas Besonderes vorgehe. Der neue Kom 
mandant hatte den Befehl über die Festung übernommen und 
betrat bei der Revision auch das Gefängniß Georgs. 
Noch heute ist der Gefangene inehr oder minder der 
Willkür seiner Vorgesetzten überlassen, aber seine Klage über 
Härte und Ungerechtigkeit kann früher oder später zu höheren 
Instanzen gelangen; damals war nicht nur die Strafgewalt 
der Kommandanten eine größere, waren die Strafen nicht nur 
härtere, sondern der Weg der Beschwerde ivar auch fast un 
möglich, der Kommandant war Herr über das Schicksal der 
Gefangenen, er konnte sie barbarisch behandeln lassen, wenn 
er die Laune dazu hatte; die Memoiren des Freiherrn von der 
Trenck, aus einer wenig frühern Periode, und andere Berichte 
constatiren das zur Genüge. 
Noch vor Kurzem hatte Georg dem General gegenüber 
gestanden mit dem Gefühl eines freien Mannes, obwohl er in - 
ihm schon einen hohen Vorgesetzten gesehen, er hätte damals 
lieber die Carrivre verlassen, als sich einer Demüthigung ge 
fügt, heute genügte ein Wink des Generals und man legte 
ihn in Ketten, schmiedete ihn in Eisen. 
So geht es den Vögeln, die zu hoch fliegen wollen, sagte 
I., den Gefangenen musternd, die Protection des Prinzen hat 
Ihm Nichts geholfen. Er wird hier Subordination lernen. 
Schon die Anrede mit „Er" ließ Georg ahnen, daß der 
General ihn seine Macht fühlen lassen wolle. Er schwieg, er 
wollte es vermeiden, den General zu reizen. 
Wo hat Er seine Papiere? fuhr I. fort. Man hat mir 
solche nicht abgeliefert. Hat Er dieselben etwa in Berlin bei 
Seinen guten Freunden gelassen? 
Ich besitze keine Papiere, Herr General. 
Er lügt. Er wird sie schaffen. Schreibe Er danach. 
Herr General, meine Papiere sind entweder noch in den 
Händen meines Vormundes oder wie ich vermuthe in den 
Händen Seiner königlichen Hoheit des Prinzen Louis Ferdinand. 
Non diesem habe ich erfahren, daß ich erst in meinem cinund- 
zwanzigsten Jahre in Besitz derselben gelangen soll. Selbst 
mein Taufzeugniß habe ich nie gesehen. Seine königliche Hoheit 
haben meine Anmeldung beim Regiment selber veranlaßt. 
Wenn aber der Herr General befehlen, schreibe ich deshalb an 
Seine königliche Hoheit. 
Der General schaute finster drein, er war auf diese Ant 
wort nicht gefaßt gewesen. Wann wird er einundzwanzig 
Jahre? fragte er nach einer Pause. 
In acht Monaten, Herr General. 
Diese Antwort stimmte I. besser. Der Gefangene war 
ja zu einem Jahr Arrest verurtheilt, also noch auf der Festung, 
wenn er seine Papiere erhielt. Ich habe es gut mit Ihm 
gemeint, sagte der General, ich wollte Ihn in das Haus meiner 
Schwester führen. Ich werde es auch ferner mit ihm gut 
meinen, wenn Er sich bessert. Der Verkehr mir Tollhäuslern, 
die die Welt verbessern wollen und mit französischen Aben 
teurern hat Ihn auf einen falsche» Weg gebracht. Wenn in 
Ihm wirklich adliges Blut rollt, so müßte Er sich erst recht 
zum Adel halten, das Wohlwollen seiner Standesgenossen zu 
erwerben suchen. 
Damit war das Gespräch für heute beendet. Georg hütete 
sich, den General durch Widerspruch oder dadurch, daß er sich 
511 vertheidigen suchte, zu reizen, es wäre doch vergebliche 
Mühe gewesen, ihn eines Besseren überzeugen zu wollen. Aber 
er hatte das Gefühl, daß dieser Mann nur ungern, nur wenn 
ihm kein anderes Mittel zur Erreichung seiner Ziele übrig blieb, 
die tyrannische Macht der Willkür gegen ihn üben werde und 
das war in seiner Lage schon ein Trost. 
(Fortsetzung folgt.) 
In drn Räumen des Serliner Gymnasiums „Ml 
grünen Glasier". 
Von fflsfinr Siftmesips. 
(Hierzu die Illustration Seite 109.) 
I. 
Einleitung. — Ktilinng des grauen Möllers. 
Es sind große historische und kulturgeschichtliche Bilder, welche 
wir vor dem Blicke des Lesers entrollen wollen. Theure Jugend- 
erinnerungen haben zu ihrer Komposition die Veranlassung und 
den Antrieb gegeben. Wie sie aus dankbarer Liebe entstanden 
sind, möchten sie Freunde gern werben den ehrwürdigen Räumen 
des grauen Klosters zu Berlin! 
Vergegenwärtigen wir uns zuerst das Bild jener Landschaft, 
welche den Wanderer empfangen haben würde, wenn er um's 
Jahr 1200 zur Stätte Alt-Berlins gekommen wäre! 
Es ist sicherlich dasselbe Bild gewesen, welches auch jetzt noch 
von der märkischen Haide mit ihren bescheidenen, — man könnte fast 
sagen, — melancholischen Reizen dargeboten wird. Dort drüben auf 
der westlichen Seite der Klosterstraße lag einst der alte Hof Berlin, 
— wie wir jetzt wohl mit völliger Gewißheit sagen dürfen, — 
das Gut eines wendischen Edelherrn „in wüster, bracher Gegend." 
Denn dies scheint noch immer die allein berechtigte Deutung des 
Namens Berlin zu sein. Die hohen Rüstern, die niederen Weiden- 
und Haselgebüsche, welche etwa auf Grund und Boden der heutigen 
Stralauer Straße sich hinziehen und den Gutshof nach Osten ab 
schließen, wogen, wallen und rauschen in leisem Winde; — inner 
halb der engeren Umsiiedigung aber stehen einige strohgedeckte 
Hütten, erbaut wie es dieses Volkes Art war, aus einer Mischung 
von Lehm und Stoppeln. Und, — wünscht man eine detaillirtere 
Scenerie und Staffage: Schaufel und Hacke lehnen müßig an der 
Thür des Gutshauses; — vielleicht aber hat der deutsche Pflug 
seine mühsame Aufgabe auch hier schon zu erfüllen begonnen! 
Und nach Südwesten zu, — hinter dem „alten Hofe Berlin," — 
dort erblicken wir den breiten, silberblanken Spiegel der Spree, an 
dessen Rande das Röhricht, — das Schilf und die Rohrkolben- 
büsche, — ihre ewig gleichmäßigen leisen Lieder murmeln. Drüben 
auf dem Grunde des Dorfes Köln aber rauscht noch der Kiefern 
wald; — von drüben her grüßt auch der tiefblaue Rand der 
„Myrika," der großen, um „Kolne" sich hinziehenden, nur sumpfigen 
Boden, — Bruch- und Elsengrund — aufweisenden Haide! Hier 
um den Hof Berlin, der, wie nicht zu zweifeln ist, das Gut eines 
wendischen Edlen gewesen, — eines Szupans, welcher letztere aber
	        
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