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Periodical volume 1. October 1883, Nr. 1

Full text: Der Bär Issue 10.1884

werde ich ihm zugeschickt, anstatt daß er mich holt- Ich bin 
sehr neugierig, meinen Mann kennen zu lernen. 
War das Scherz oder nur Uebertreibung? Sie gab sich 
die Miene einer Dulderin, die ihr allerliebst stand. 
Sic kennen Ihren Herrn Gemahl nicht? fragte Georg, 
der es kaum glauben mochte, daß dieses junge Wesen schon 
vcrheirathet sei, wie ist er denn Ihr Gatte geworden? 
Er ists vor Gott und dem Notar, versetzte sie mit 
komischem Pathos. Ich war Zögling und Züchtling in der 
Pension der Madame Ballier; Sic kennen Frau Ballier 
nicht? 
Nein — 
Dann werden Sie meine Freude schwer begreifen, ihrer 
mütterlichen Liebe zu entrinnen. Mein Vater kam eines Tages 
in die Pension und fragte mich, ob ich eine Vieomteffe werden 
wolle. Ich fragte ihn, ob ich denn die Pension verlassen 
dürfe und als er dies bejahte, versprach ich ihm zu werden, 
was er wünsche. Er stellte mir einen Herrn vor und erzählte 
mir eine lange Geschichte von Onkeln und Tanten des 
Vicomte, die in der Schrcckenszeit geköpft worden, so daß ich 
schon fürchtete, mein Vicomte sei auch ein Todter, der nur 
scheinbar lebendig umherwandle, er ist nämlich noch magerer 
als mein Bruder, er hat ein bleiches Gesicht und eine Grabes 
stimme. Aber ich täuschte mich zum Glück, er ist nicht guillotinirt 
worden und man erzählte mir die schrecklichen Geschichten nur, 
um mir zu erklären, daß er eine Menge von Erbschaften 
hätte machen können, wenn der Convent oder das Directorium 
diese Angelegenheit richtig geordnet hätte. Man hofft jetzt, 
daß der Kaiser Napoleon dies nachholen wird in Anerkennung 
der ausgezeichneten Dienste, die ihm mein Gemahl leistet- Er 
wird so dringend gebraucht, daß er am Abend unseres Hoch 
zeitstages von Paris nach Deutschland abgehen mußte, in 
Berlin scheint man ihn gar nicht entbehren zu können, denn 
anstatt heimzukehren, läßt er mich nach Deutschland trans- 
portiren, aber es ist mir zweifelhaft, ob er bei seinen 
wichtigen Geschäften in Berlin Muße haben wird, meine Vor- 
ziige zu studiren. 
Von den Paffagieren des Postwagens schien außer Georg 
nur noch der alte Herr, der sich vor der Ueberfahrt auf dem 
Stroin so ängstlich gezeigt, die französische Sprache zu ver 
stehen. Aber während die Laune der jungen Frau Georg heiter 
anregte, lauschte der alte Herr mit finsterer Miene, er ivarf, 
ohne daß die Französin es bemerken konnte, denn er saß mit 
ihr in derselben Reihe im Fond der Wagens, derselben Blicke 
des Unmuths und des Argwohns zu. Georg beachtete diese 
Blicke mehrfach, sie wirkten störend auf den Eindruck der 
launigen Schilderung, die ihn unter anderen Umständen leb 
hafter gefcffelt hätte. Das absprechende Urtheil, das der alte 
Herr über die muntere, gesprächige Französin zu fällen schien, 
erinnerte Georg an Alles, was er über die Sitteirverderbniß 
und Frivolität der Pariserinnen gehört, aber dieses Wesen 
war doch zu reizvoll, als daß er es hätte verdammen mögen. 
Die Jugend war aber damals mehr als heute in Ehrfurcht 
vor dem Alter erzogen und die Scheu, sich dem Tadel des 
alten Herrn auszusetzen, ob derselbe die Französin nur richtig 
beurtheilte oder nicht, legte Georg einen Zwang auf, der ihn 
hinderte, auf den Ton der Vieomteffe in der Weise einzugehen, 
wie sie es vielleicht erwartet und gewünscht. 
Nach Ihrer Schilderung, versetzte er, muffen Sie dem 
Kaiser Napoleon mehr zürnen als Ihrem Gatten. Der letztere 
ist also wohl Mitglied der französischen Gesandtschaft? 
Er sagte mir vor seiner Abreise, er habe eine besondere 
Mission. Ich hätte mir nie geträumt, daß ich in das Land 
der Deutschen verschlagen werden würde. Es scheint kein 
Ende zu haben. Die Sümpfe und Wälder, von denen man 
mir erzählt, die kommen wohl noch? 
Es giebt deren überall, aber sie sind nicht schlimmer als 
in Frankreich. Gefällt es Ihnen bei uns nicht? 
Das Brod ist schwarz und schlecht, der Wein sauer und 
theuer, die Sprache der Menschen ist schrecklich, aber die Ge 
bildeten verstehen französisch, sie haben kälteres Blut, sind 
ruhiger und bedächtiger als die Franzosen, aber ich glaube, 
es sind gute Menschen, man kann ihnen trauen, wenn sie aber 
singen, möchte man weinen. Die Menschen sind hier nicht recht 
lustig, wenn sie getrunken haben, dann toben sie, aber das 
macht wohl die Knechtschaft. Ich habe gesehen, daß man die 
Bauern und auch die Soldaten noch schrecklich prügelt. Die 
Deutschen haben sich die Freiheit noch nicht erobert. 
Davor bewahre uns Gott, mischte sich der alte Herr 
plötzlich ins Gespräch. Bei uns herrscht noch Gottesfurcht 
und Respekt vor der Obrigkeit, Zucht und Sitte und das sollen 
uns die Franzosen nicht verderben. 
Die junge Dame ließ sich durch diesen unerwarteten Aus 
fall nicht einschüchtern. Es blitzte aus ihren dunklen Augen, 
als fühle sic den Angriff gegen sich gerichtet. Ich habe gehört, 
versetzte sie mit Schärfe, daß der große König von Preußen 
sich seine Lehrmeister aus Frankreich geholt. 
Seine Lehrmeister wohl nicht, antwortete der alte Herr, 
denn er hat bei Roßbach die Franzosen zusammen getrieben, 
aber er hatte leider die Franzosen gern und das hat uns 
keinen Segen gebracht. 
Wir armen Franzosen! seufzte die Vieomteffe, mit komischer 
Koketterie Betrübniß heuchelnd, man haßt uns hier im deut 
schen Lande. 
Die Preußen haben die Knechte des Königthums bei 
Roßbach geschlagen, rief der Begleiter der Vieomteffe, dem 
alten Herrn einen Blick leidenschaftlichen Zornes zuschlcudernd, 
aber die Söhne des freien Frankreich hat noch Keiner besiegt, 
in Italien und Egypten, in Holland und am Rhein sind sie 
die Sieger und sie werden auch Deutschland bezwingen. 
Der alte Herr zuckte die Achseln, als würdige er eine 
solche Prahlerei keiner Antwort, der Blick der schönen Französin, 
der ihren Seufzer begleitet, hatte aber das Blut Georgs ent 
flammt. Sein Auge rief es ihr zu, daß der Haß nicht über 
all gleich und noch weniger unbezwingbar sei. Das schöne 
Weib lächelte befriedigt. Sie brach das Thema welches 
die Einmischung des alten Herrn veranlaßt, plötzlich ab und 
plauderte über gleichgültige Dinge. Ihr Zauber umstrickte 
Georg, der als ihr vi8-ä-vi8 im Postwagen auch keine andere 
Beschäftigung hatte, als die, zu welcher ihn die Koketterie der 
Dame verleitete. 
Hüten Sie sich vor der Französin, junger Mann, flüsterte 
der alte Herr Georg zu, als man in einer Station längere 
Rast machte und die Reisenden den Wagen verließen. Das 
Land wimmelt von Spionen und Emissairen des korsischen 
Abenteurers. 
Damit entfernte sich der alte Herr, ohne eine Antwort 
abzuwarten. Georg sah, wie derselbe mit seiner Frau, anstatt
        
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