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Periodical volume 10. November 1883, Nr. 7

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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lich und schön waren. . . . Haben auch Ihre Kursürstliche 
Gnaden nicht genug an einer Prozession, daß Ihr nur einmal 
umhergehet, klinget und singet, so gehet siebenmal mit herum, 
wie Josua mit den Kindern von Israel um Jericho ging, . . . 
und hat Euer Herr, der Markgraf, ja Lust dazu, so mögen Ihre 
Kursürstliche Gnaden vorher springen und tanzen mit Harfen, 
Pauken, Cymbeln und Schellen, wie David vor der Lade das 
that, da sie in die Stadt Jerusalem gebracht ward. . . Bin da 
mit sehr Wohl zufrieden; denn solche Stücke, wenn nur abusus 
davon bleibt, geben oder nehmen dem Evangelio gar nichts. . . 
und wenn mich der Papst ließe frei gehen und predigen und 
hieße mich mit Verlaub! — eine Bruch (Hose) umhängen: ich 
wollt's ihm zu Gefallen tragen! Was aber anbetrifft die Erhe 
bung des Sakramentes in der Messe: weil solche Cärimonie 
auch frei ist und dem christlichen Glauben hieraus keine Gefahr 
entstehen kann, so möget Jhr's in Gottes Namen aufheben, wie 
lange man's haben will! Daß wir aber das Aufheben allhier zu 
Wittenberg abgethan, haben wir Ursache genug gehabt, die vielleicht 
Ihr zu Berlin nicht habt. . . . Gottes Gebot ist allein nöthig! — 
alles Andere ist frei! Weiteren Bericht werden Euch die Gesandten 
Eures Herrn wohl sagen. — Gott und der Vater unsers Herrn 
Jesu Christi, dessen Amt Ihr treibt, der wolle Euch treulich 
durch seinen Geist beistehcn und Helsen, daß sein Name geheiligt 
werde, sei» Reich zukomme und sein Wille geschehe. Darum 
bitte ich täglich in meinem Pater Noster! Amen." — 
Wie Luther angerathen hatte, blieb's! Anderswo hatte die Re 
formation die Kultussormen fast zerstört oder doch wenigstens sehr 
nüchtern gemacht: in der Mark, — namentlich aber in dem präch 
tigen, leider untergegangenen Dome zu Kölln an der Spree herrschte 
bis 1614 beides: reine Predigt des Wortes und herrliche Pracht 
des Gottesdienstes! 
Miscellen. 
Der reformirtc Sofprcdiger Stoläiius und der taufende Schneider. 
Der 3t) jährige Krieg hatte bekanntlich auch der geordneten Versorgung 
der Mark mit geistlicher Speise ein Ende gemacht; wie zu den Zeiten der 
Reformation mußten wieder in vielen kleinen und ärmeren Gemeinden 
Handwerker angenommen werden, welche, wie die Geschäfte des Schul 
lehrers, so auch die des Pfarrers nothdürftig versahen. Im Jahre 1648 
aber ging der große Kurfürst daran, dem Unwesen ein Ende zu inachen. 
Er sandte seinen Hofprediger Stosch durchs Land, damit derselbe die vor 
gekommenen Ungehörigkeiten zu späterer Beseitigung ihm, dem Landes 
herr» unterbreitete. 
Der hochgelehrte Stosch fand unter Anderen in einem kleinen Dörf- 
lein eine» Schneider, welcher das Pfarramt vertrat, an den Sonntagen 
den Leuten aus der Postille eine Predigt vorlas und selbst die Sacra- 
mente reichte. Da war der Herr Stoschius doch gewaltig betroffen; er 
setzte den Schneider natürlich auf der Stelle ab. Indeß, der für seinm 
guten Willen so hart Betroffene war nicht faul; er suchte sofort bei der 
Kurfürstlichen Durchlaucht nach, daß Hochdieselbe „ihm in seinem, ihm von 
der Gemeinde aufgetragenen und frei und gutwillig übergebenen Amte 
geschützt rmd befestigt zu werden, gnädiglichst gestatten wolle, auch wenn 
er denen Studiis nicht obgelegen. Der Kurfürst ließ den Herrn Sto 
schius holen und verhörte die Beiden in seinem Kabinet. Natürlich blieb 
Stoschius dabei stehen, daß der Schneider die Formalitäten bei der Ver 
waltung der Sacramente nicht verstände, also auch nicht beobachten könnte; 
er sragtc ihn gleichwohl, wie er sie denn praktizirte. „Wie es in der 
Kirch' bei uns gebräuchlich und die Verordnung eingesetzet ist!" lautete 
die kecke Antwort. „So weiset mir denn, fuhr der Stoschius fort, „wie 
Ihr ein Kind taufen tvollet!" „Dazu muß ich ein Kind haben!" meinte 
der Schneider. Jetzt legte der Herr Stoschius sein Genfer Käpplein, die 
Kopsbekleidung der reformirten Geistlichen, aus den Tisch und sagte: „Nun, 
wir wollen uns einbilden, dies Käpplein fei ein Kind!" — „Ja, soll ich 
die Crrmonien recht beobachten, wandte der Schneider weiter ein, „so muß 
ich auch Wasser haben!" — Auf den Befehl des Kurfürsten wurde ihm 
auch solches geholt. Da machte der Schneider eine tiefe Reverenz gegen 
de» Kurfürsten und sagte: „Auf Befehl ineines gnädigsten Kurftirsten und 
Herrn, und weil es der Herr Stoschius also haben will", — dabei goß 
er eine Hand voll Waper auf das Käpplein, — „taufe ich Dich Käpplein, 
daß Du Käpplein sollst heißen und Käpplein bleiben, so lang als ein 
Stück a» Dir ist!" — Der Kurfürst lachte, zog den Stoschius an die Seite 
und sprack zu ihm: „Lastet den Kerl unvexiret; — er ist gescheidter denn 
Ihr!" — 
Die Anekdote ist einer zu Dresden im Jahre 1705 erschienenen ano 
nymen Samnilung entnommen. Ist sie „wahr" und gewähren die Visi 
tations-Akten des Jahres 1648 vielleicht einen Anhalt für sie? — Jeden 
falls ist das in diesen Urkunden ruhende, noch nicht gesammelte Material 
für die Sittengeschichte der Mark von höchstem Werthe! 
Me Rennbahn des Mnion-Elub. Die Angabe, daß die Rennbahn 
des Union-Club nach dem Grunewald verlegt werden solle — wir hatten 
dies übrigens auch durchaus nicht als sicher hingestellt — wird als un 
richtig bezeichnet. Der Charlottenburger Bau-Verein gab sich die erdenk 
lichste Mühe, die Rennbahn nach dem Grunewald in die Nähe seiner Ter 
rains zu verlegen, es scheiterte dies jedoch an dem Widerspruch einer 
sehr hohen Persönlichkeit, die nicht zugeben wollte, daß ein so großes 
Areal des Grunewaldes abgeholzt werde, mit dem Bemerken, der „Grune- 
wald solle unverkürzt den Berlinern erhalten werden, zumal der Thier 
garten ja ohnehin schon ganz umbaut ist." Auf Grund unserer Informa 
tionen können wir nunmehr Folgendes niittheilen. Das Terrain für die 
neue Rennbahn ist laut Pachtvertrag vom 22. vorigen Monats erworben 
und zwar für die Dauer von fünf Jahren. Das zur Rennbahn bestimmte 
Terrain liegt an der Spandauer Chaustee zwischen Schloß Ruhwald bis 
zum Spandaner Bock und bildet ein zusammenhängendes Areal von un 
gefähr 300 Morgen. Mit den verschiedenen Adjacenten, denen das Terrain 
gehört, hat der Rittmeister Herr Schmidt-Pauli — den man als von dem 
Union-Club vorgeschoben hält — die Contracte abgeschlossen. Erstere 
erhalten für's erste Jahr eine Pacht von 18 Mark, die sich im Laufe der 
fünf Jahre successive bis zu 60 Mark steigert, Nach fünf Jahren 
hat der Pächter das Recht, den Morgen für 3000 Thaler zu erwerben. 
Dieser Preis ist insofern ein sehr hoher, als der Grund und Boden in 
höchstem Grade unfruchtbar ist und bisher nicht den geringsten Ertrag 
lieferte. Die Mauerungsarbeiten des Rennplatzes haben bereits begonnen 
und wird Alles — da die Betriebsmittel reichlich vorhanden sind — 
mit solcher Energie betrieben, daß bereits Anfangs April des kommenden 
Jahres das erste große Rennen stattfinden kann. 
Berl. Börs. Cour. 
I»rin;esstn Mctoria von Preußen (mit dem Portrait S. 80). Zei 
tungsnachrichten zufolge soll an dem diesmaligen Geburtstage des deutschen 
Kronprinzen auf Schloß Weinburg am Bodensee die Verlobung der 
Prinzessin Victoria (zweiten Tochter unseres Kronprinzenpaares) mit 
dem Erbprinzen von Anhalt stattgefunden haben. Die Nachricht ist 
später dementirt worden. Wir bringen das Portrait der Prinzessin, welche 
am 12. April 1866 geboren, mithin jetzt siebzehn und ein halbes Jahr 
alt ist. Die Prinzessin ist eine zarte, schlanke und überaus angenehme 
Erscheinung. 
Aaphaek's Madonna di San Sisto. Soeben erschien ein Festge 
schenk von hervorragendstem Kunstwerthe im Verlage der Kunsthandlung 
von Amsler & Ruthard, das wir allen unsern Lesern auf das wärmste 
empfehlen können — Wandels Madonna di San Sisto. 
Als vor Jahren die Nachricht durch die Blätter ging, daß Professor 
Mandel vor dem Original in Dresden eine Zeichnung fertige nach 
des großen Urbinaten hoheitsvoller Schöpfung, rief dieselbe in den weitesten 
Kreisen »»getheilte Freude und die berechtigten Hoffnungen wach. Seit 
dem verging kein Monat, in welchem nicht Nachfrage geschah, wie weit 
des Meisters Werk gediehen, wann dessen Erscheinen gu erwarte» sei, eine 
Nachfrage, welche von Jahr zu Jahr lebhafter und ungeduldiger wurde, 
je weniger selbst auch die der Kupferstecherkunst näher Stehenden in der 
Lage waren, die großen Schwierigkeiten zu ermessen, welche die Wieder 
gabe eines Gemäldes von so ergreifender, seelischer Tiefe bieten mußte. 
Unmittelbar vor dem Vollgenusse seiner Schöpfung stehend, raubte der un 
erbittliche Tod dein Meister diese Freude und Genugthuung. Mit liebe 
voller Sorgfalt im Druck gefördert, liegt heute das herrliche Werk vor 
und kein Zweifel kann sein, daß hiermit der Meister das Höchste in seiner 
Kunst geleistet und alle seine früheren Arbeiten noch übertroffen hat. 
Am nächsten nach Feststellung dieser Thatsache liegt uns die Ver 
gleichung mit dem, was Andere vor ihm in Wiedergabe desselben Bildes 
geleistet haben. Den unbestrittenen ersten Platz unter diesen nimmt Fried 
rich Müllers Meisterwerk ein, leider nach der sehr ungenügenden Zeichnng 
der Madame Seidelmann gestochen, deren Mängel nur die glänzende 
Technik des Stichs vergessen läßt. Sehen wir diese gewiß vorzügliche 
Arbeit neben der Mandelas, so fällt uns vor Allem zu Gunsten Letzterer 
der unvergleichlich tiefe, ergreifende Ausdruck der Madonna und des Christus 
kindes auf, nicht minder aber die warme, dem Original gleiche Harmonie 
des ganzen Bildes, welche in Müller's Arbeit durch übermäßige Contraste 
von Licht und Schatten gestört wird. Auch den Einzelheiten folgend, 
empfinden wir lebhaft die Ueberlegenheit von Mandel's Grabstichel. Man 
vergleiche die Köpfe des Sixtus und der Barbara und die Hände des 
Ersteren, sowie die beiden Engel am Fuße, und man wird zugestehen 
müssen, daß dieselben unübertroffen, ja wohl unübertrefflich gearbeitet sind. 
Der Malweise Raphaelas folgend, hat Mandel hier zuin ersten Male eine 
sichere, doch nicht störend hervortretende Conturirung angewendet, welche 
den Figuren eine eminent plastische Wirkung verleiht, ohne sie, wie bei 
Müller, aus der Gesammtwirkung herausfallen zu machen. 
Betrachten wir nun noch die Arbeiten von Keller und Steinla — 
Nordheim als Copie nach Müller ünberücksichtigt lassend — so erschrecken 
wir über die Verblasenheit, Unklarheit und Schwäche der Technik des Erste 
ren, wie über die Nüchternheit und Leere in den Köpfen bei Letzterem. 
Nach Allem glauben wir nicht zu viel zu sagen, wenn wir das Er-
        
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