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Volume 11. November 1882, Nr. 7

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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übrigen Zimmern waren Decken, Fußböden und Balken durch den 
von allen Seiten frei einströmenden Regen verfault, kurz das Schloß 
war der Hauptsache nach Ruine und bedurfte, wenn nicht eines 
'Reubaues, so doch einer sehr umfassenden Hauptreparatur. Obgleich 
dieser Befund den v. Hake'schen Erben mitgetheilt wurde, machten 
dieselben doch immer noch Weiterungen, bis endlich im Jahre 1660 der 
Kurfürst am 28. Februar der Amtskammer befahl, denselben zu er 
öffnen, daß, wenn sie ihre übertriebenen Ansprüche nicht aufgäben, 
man sie verklagen und im Wege Rechtens die Entschädigungsan 
sprüche geltend machen würde. Nunmehr wurden die Widerspen 
stigen gefügig, es kam zum Vergleich und im Sommer 1660 ge 
langten Schloß und Amt Potsdam nebst Zubehör in den Besitz 
des Kurfürsten, welcher befahl, das Schloß für alle Folgezeit gänz 
lich von den Amtsgütern zu trennen, und lediglich zur Residenz 
für den Landesherrn und seine Familie einzurichten. Zuvörderst 
wurde durch nothdürstige Reparaturen das alte Schloß so weit 
wieder hergestellt, daß wenigstens ein vorläufiges Wohnen darin 
möglich war und somit der große Kurfürst seiner Vorliebe für 
Potsdam folgen und hier seine zeitweise Residenz nehmen konnte. 
Mit welchem Jntereffe der Kurfürst unter allen Verhältnissen und 
in jeder Lage seines Lebens für Potsdam sorgte, und wie er 
mitten im Feldlager und unter den Aufregungen einer Be 
lagerung Pläne entwarf für das Gedeihen und die Verschöne 
rung seines Potsdams, ist bekannt, aber auch nach jedem glück 
lichen Ereignisse sehen wir den trefflichen Herrn hierher zurück 
denken: 1657, als der Wehlauer Friede ihn zum Souverain von 
Preußen gemacht hat, kauft er Bornim und Nedlitz, 1660, nach 
dem Frieden von Oliva werden Grube, Eiche und Golm erworben 
und am 1. November 1664, nachdem er die Erbhuldigung in 
Preußen angenommen, erkaufte er, unter großmüthiger Hinzufügung 
von Geschenken an die Besitzerin, Wittwe v. d. Groben, Dorn 
stedt*) und Gallin, so daß er nunmehr Grundherr der ganzen Insel 
war und seinem Lieblingsplane nachhängen konnte, daraus ein or 
ganisches Ganzes zu bilden, so daß die auf dem Eilande zerstreuten 
Kurfürstlichen Schlösser und Parks, durch schöne Alleen mit ein 
ander verbunden, oder innerhalb der schönen Havelufer zu Wasser 
mit den zum Theil sehr prunkvollen Luftschiffen erreichbar, eine 
Kette von Schönheiten bildeten. So richtete sich das Auge des 
Kurfürsten auch auf Glineke und die Umgebung des Baberow-Ber- 
ges, an dessen Fuß er ein Lustschloß aufführen ließ, und fast möchte 
man meinen, daß ein prophetisches Ahnen ihn gerade diese Punkte 
aufsuchen ließ, daß seinem hellen Blicke, welcher des Landes Be 
dürfnisse so genau erkannte und dessen künftige Größe sicher grün 
dete, indem er diesen Bedürfnissen Genüge leistete, es vorgeschwebt 
habe, wie seines Hauses Heldensproß dereinst die Höhen des Ba- 
berow zu einem Paradiese umgestalten und dort die Lieblingsstätte 
seiner Erholung finden werde, wie der kunstsinnigste von Hohen- 
zollerns Söhnen Glineke zu einem Kunsttempel inmitten duftiger 
und das Auge entzückender Anlagen umschaffen werde, und wie end 
lich, an beiden Orten, des sagen- und glaubensreichen Thüringens 
edelste Töchter für Millionen das Beispiel geben würden, daß der 
höchste irdische Glanz Königlicher Kronen noch verdunkelt werden 
könne durch den Glanz hoher Frauenschönheit, der erhabensten weib 
lichen Tugenden, des segenreichsten Wirkens. — 
(Fortsetzung folgt.) 
Voltaires Gedenktafel. 
Von rinpift flroiiiiijinsfu 
Zu den erfreulichsten Seiten der Jetztzeit gehört das Bestreben, 
das Recht der Vergangenheit sicher zu stellen, sie auch in ihren 
*) Vergleiche den Artikel „Bornstedt" in Bär Nr. 52 des vorigen 
Jahrgangs. 
kleinen und kleinsten Kreisen zu erforschen, Lust und Liebe zu solcher 
Arbeit zu erwecken und verdienten Männern den schuldigen Tribut 
in Schrift und Kunstwerk zu zollen. Auf derselben Tendenz, der 
„der Bär" Entstehen und Bestehen verdankt, beruht es zweifellos, 
wenn man damit umgeht, das Haus Taubenstraße Nr. 20, in 
welchem Voltaire gewohnt, mit einer Gedenktafel zu versehen. 
Ob aber Voltaire in der That unseren Mitbürgern die Pflicht 
auferlegt hat, sein Andenken zu bewahren und damit auch zu 
ehren, ist mindestens zweifelhaft, wenn es sonst richtig ist, daß 
nur verdienten, und nicht blos viel besprochenen Personen 
eine solche Ehre zu Theil werden darf, die ja gleichzeitig das 
Bekenntniß der Dankbarkeit enthält, im vorliegenden Falle noch 
dazu der Dankbarkeit deutscher Männer gegen einen Franzosen, 
über den so große Deutsche, wie Friedrich der Große und Lessing 
zu Gericht gesessen haben. 
Lessing widmete ihm jene bekannte Grabschrift: 
Hier liegt, wenn man euch glauben wollte, 
Ihr frommen Herrn! — der längst hier liegen sollte. 
Der liebe Gott verzeih ans Gnade 
Ihm seine Henriade, 
Und seine Trauerspiele, 
Und seiner Berschen viele: 
Denn, was er sonst ans Licht gebracht, 
Das hat er ziemlich gut gemacht. 
So Lessing über Voltaire den Dichter. Ueber Voltaire den 
Menschen aber lautet der Spruch des großen Königs nicht minder 
vernichtend. Die seiner Kritik zu Grunde liegenden Thatsachen 
sind im Gedächtnisse aller Gebildeten; minder bekannt dagegen 
dürsten die Briefe sein, in denen der große König sein Urtheil 
niedergelegt hat. Diese auch dem Wortlaute nach bekannter zu 
machen ist mit ein Zweck des vorliegenden Aufsatzes. 
Die Achtung, und, man kann sagen, grenzenlose Verehrung 
des Königs für den Dichter minderte sich schon bei dem ersten 
Besuche Voltaire's in Potsdam; schon damals schrieb Friedrich 
an Jordan (28. November 1740): 
„Dein Geizhals soll die Neige seiner unersättlichen Habgier 
trinken und noch 1300 Thaler erhalten" u. s. w. 
und unter dem 12. September 1749 an Algarotti: 
„Es ist recht schade, daß eine so nichtswürdige Seele mit 
einem so herrlichen Genie verbunden ist. Ich werde mir indessen 
Nichts merken lassen, denn ich bedarf seiner zum Studium der 
ftanzösischen Sprache; man kann schöne Sachen auch von einem 
Bösewichte lernen" u. s. w. 
Die Ereignisse des Jahres 1752 aber — hauptsächlich der 
Rechtshandel mit dem Juden Hirsch und die Veröffentlichung der 
Diatribe des vr. Akakia, jener Schmähschrift gegen Maupertuis 
— schlugen, wie man zu sagen Pflegt, dem Fasse den Boden aus. 
Der König verfehlte denn auch nicht, sich sowohl Voltaire, 
als seinen Freunden gegenüber unumwunden auszusprechen: 
(An Voltaire, Potsdam, 24. Februar 1752): „Ich nahm 
Sie mit Vergnügen bei mir auf; ich schätzte Ihren Geist, Ihre 
Talente, Ihre Kenntnisse und mußte glauben, ein Mann von 
Ihrem Alter sei müde, mit den Schriftstellern Federkriege zu 
führen und sich dem Ungewitter auszusetzen; er komme also hierher, 
um, wie in einem sicheren Hafen, eine Zuflucht zu suchen. Aber 
gleich anfangs verlangten Sie auf eine ziemlich sonderbare Art von 
mir, ich möchte Freron*) nicht zu meinem literarischen Correspondenten 
Wählen. Ich war so schwach, oder so gefällig, es Ihnen zu be 
willigen, obgleich es nicht Ihre Sache war, zu bestimmen, wen 
ich in meine Dienste nehmen sollte. 
d’Arnaud hat ungerecht gegen Sie gehandelt. Aber ein 
*) Anmerkung. Ein Schriftsteller, der Voltaire durch tadelnde 
Kritik verletzt hatte.
	        
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