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Volume 11. November 1882, Nr. 7

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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war, welches meldete, daß sich derselbe Abends vorher um halb 
lO Uhr erschossen habe; in dem Zimmer des, Hotels, in dem 
er gewohnt, habe man 'seine Karte mit der Weisung gefunden, 
ihn im Stadtpark an genau bezeichneter Stelle aufzusuchen, 
wo er seinem Leben ein Ende gemacht. Der Verdacht, die 
jungen Leute hätten den gleichzeitigen Selbstmord verabredet, 
bestätigte sich vollkommen, als man in Alicens Kleidern, die 
sic den Abend getragen, einen Zettel fand, der die Worte 
enthielt: „Heute Abend halb 10 Uhr, meine angebetete Alice!" 
Der alte Baron ließ die Leiche Berginanns hierher bringen, 
ihm wenigstens im Tode zu beweisen, daß er ihn zur Familie 
gerechnet haben würde, wenn er die Macht dazu besessen! 
Wir waren plaudernd ein Stück nach dem Hause zu ge 
wandert, als uns der Baron einholte; er war sehr still und 
in Gedanken vertieft! — Hildegard trat nicht erst bei uns ein, 
sondern ging direkt nach Hause. Die Baronin erschien zwar 
bei Tisch, war aber sehr blaß und angegriffen. Hildegard 
und ich fuhren Nachmittag allein aus und der junge Baron 
ritt nach Ebbendors, seinen Besuch zu machen; er kam spät am 
Abend zurück, ich sprach ihn nicht mehr, und als ich an 
meinem Schreibtisch bei der Lampe schreibend saß, rief er mir 
„gute Nacht, Fräulein Alice" vom Garten herauf zu. — 
Die 14 Tage, dje unser Baron bei uns blieb, vergingen 
wie im Fluge, wir hatten die Zeit sehr vergnügt und ge 
müthlich zusammen verlebt, gegen Abend wurde musicirt und 
nach dem Abcndbrod spielten wir Whist. Hildegard war fast 
den ganzen Tag hier, die Sticheleien der Baronin, um ihren 
Sohn zu einer Verlobung mit Hildegard zu bringen, waren 
manchmal unangenehm deutlich, Hildegard that dann be 
schämt, und der Baron ignorirte die betreffende Aeußerung 
gänzlich. — 
In Ebbendorf waren wir in der Zeit auch gewesen, die alte 
Baronin Wolde» war sehr lieb und nett gegen mich und freute 
sich, daß sie mich wieder beim rechten Namen nennen könne; 
sie schenkte mir ein ganz kleines Miniaturbild meiner Mama, 
als dieselbe in meinein Alter war, sie hatte es sehr reich und 
geschmackvoll mit Perlen und kleinen Brillanten fassen lassen 
und hing es mir an goldner Kette um den Hals. — 
Baron Wolden, der beim ersten Diner in Ebbendorf ein 
„j’y pense“ an mich verlor, schickte mir eine prachtvoll geschnitzte 
Staffelei, mit dem Werdenschen Wappen, ich hatte aber schon 
meine Staffelei unb bat Frau v- Erlenroth, das Kunstwerk in 
ihr Zimmer stellen zu dürfen, um darauf zu maleit, sei die 
Schnitzerei int Wege. Baron Conrad war sehr dainit einver 
standen und als ich neben den Schreibtisch der Frau v. Er 
lenroth die Staffelei, umgeben von grünen Pflanzen, aufstellte 
und ein Bild, Baron Conrad als Knabe, barmif stellte, fand 
er die Idee reizend- — 
Hildegard ist in ihrem Wesen so wechselnd gegen mich, 
oft ist sie so abstoßend und wenn ich mir dann voritchme, sie ! 
nach der Ursache ihres kalten Benehmens gegen mich zu 
fragen, ist sic plötzlich so liebevoll, daß mir das Wort aus der 
Lippe erstirbt. — Ich fragte Bertha Felden um Rath. Diese 
meinte, sie wäre eifersüchtig, Baron Erlenroth bevorzuge mich 
sichtlich, das könne sie nicht vertragen! — Ich habe übrigens 
nie bemerkt, daß der Baron gegen mich besonders freundlich 
N'üre, wir sind ja auch ganz alte Bekannte! 
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Die Zeit wird uns jetzt nichfl' lang, ?vir arbeiten tüchtig 
zu Weihnachten, es wird 20 Kinpcrn hier beschecrt, Hildegard 
hilft fleißig, ist aber nicht mehr so oft hier- — Denke Dir, 
Clärchen, ein Schatten ist auf meine Weihnachtsstimmnng ge 
fallen. — Die Frau Baronin schrieb neulich einen langen Be 
stellzettel nach Breslau, sie ließ noch Allerlei nachschicken, ich 
bat, zu den Fensterstützern, die ich für meine Lieben nach Berlin 
arbeite, mir noch Wolle mitschicken lassen zu dürfe», eine Alte 
Freundin der Frau Baronin, die auch Weihnachten herkommt, 
besorgt das Alles, da sagt Frau v. Erlenroth zu mir: „liebe 
Alice, Sie müssen aber für die Baronin in Ebbendorf noch 
etwas arbeiten." Als ich sie fragend ansehe, fährt sie fort: „ich 
vertrete jetzt Mutterstelle bei Ihnen, mein Kind, und es wäre 
sehr unrecht, wollte ich Sic nicht darauf aufmerksam machen, 
daß man Sie in Ebbendorf sehr lieb hat, die alte Baronin 
würde schon in Rücksicht auf Ihre Mutter, die mit ihrem 
Sohne Alexander verlobt war. Sie gern als Tochter begrüßen, 
und daß der junge Baron Sic sehr gern hat, haben Sie 
wohl längst gemerkt." 
Ich bekannte offen, daß mir diese Auffassung der Freund 
lichkeit der alten Baronin gegen mich noch nie in den Sinn 
gekommen sei, daß ich aber nie und nimmer im jungen 
Baron Hoffnungen erwecken wollte, die ich nie erfüllen könnte. 
Die Baronin sah mich recht böse an und sagte: 
„Fräulein v. Werden, ich will nicht hoffen, daß Sie Ihr 
Glück so von sich weisen wollen, bedenken Sic, Sie sind 
eine arme Waise, die mehr als alle Andern den Verstand zu 
Rathe ziehen muß. Warum haben Sie früher den Baron 
Wolden begünstigt? Sie werden doch nicht andere thörichte 
Gründe haben, eine Hand, die sich Ihnen bietet, zurück zu 
weisen!" — 
Meine alte Heftigkeit brach nun voll aus, ich fing 
bitterlich an zu weinen und rief: „Wenn ich auch eine 
arme Waise bin, so lasse ich mich nicht verkaufen, ich habe 
auch ein Herz, das sein Recht verlangt!" Frau v. Erlenroth 
sah mich erschrocken an und lenste eiligst ein, die Scene mochte 
sie wohl an den letzten Tag erinnern, den sie mit ihrer Alice 
verlebt, als deren Geist noch nicht umnachtet war. Meine 
Weihnachtsfreude war hin, ich dachte immerfort an die unlieb 
same Unterredung. Frau v. Erlenroth erwähnte zwar nie mehr 
mit einer Silbe den Austritt, aber mir schien ihr Ton gegen 
mich weniger herzlich als sonst. — 
Eines Tages kam ich in das große Zimmer neben dem Saal, 
wo wir die fertigen Sachen für die armen Kinder aufbewahrten, 
ich hatte eben ein warmes Kleidchen beendet und legte es zu den 
ander» Kleidungsstücken, die Thür nach der Baronin Zimmer 
war angelehnt, ich hörte Hildegards Stimme: „O glaube nur, 
Tantchen, die ist so schlau; Conrad könnte ihr passen. 
Glaubst Du denn die ganze Fabel, daß sie gegenseitig nicht 
gewußt, wer sie seien? — Der alte Weber ist als Schlaukopf 
bekannt, der hat sich erkundigt, wo er sein Nichlchen am sichersten 
einnisten könnte, dann hat er auskundschaftet, wo der junge 
Baron wohl;u treffen sei, da hat er ihm Alice vorgestellt, 
hätte sie nicht gefallen, iväre das Fräulein auch nie hierher 
gekommen, glaube nur, man hätte dann einen andern Erlaß 
in die Zeitung gerückt- Btau kennt ja diese modernen Hei- 
rathsbüreaus; glaubst Du der alte Weber wäre mit Sack 
und Pack ins Gebirge gegangen, wenn er nicht Absichten dabei 
gehabt? Sein Sohn hat Beziehungen in Breslau, der bat er-
	        
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