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Periodical volume 11. November 1882, Nr. 7

Full text: Der Bär Issue 9.1883

Überraschung erreichte aber den höchsten Grad, als sie er 
fuhren, daß wir eigentlich alte Bekannte seien, seit einer Stunde 
aber erst unsere Namen wüßten. Der Baron sagte seiner 
Mutter auch, daß ich eigentlich Alice heiße, und daß mir Bri 
gitte ganz unberechtigt einen andern Namen aufgedrungen habe, 
zwar habe sie es gut gemeint, aber es sei doch unrecht ge 
wesen; ich trat somit meinen alten Namen wieder an! — 
Hildegard war mit der Ankunft des Barons wie 
umgewandelt; ihr übermüthiges, zuweilen etwas burschikoses 
Wesen hatte sie ganz abgelegt, sie war still und beschei 
den in Allem, was sie that. Wir hatten Abends zusammen 
musicirt, Hildegard sang nur wenig, dagegen der junge Baron 
viel und mit herrlicher Stimme, auch ein Duett habe ich mit 
ihm gesungen! — Als nach dem Abendbrod Hildegard sich 
empfahl, und Frau v. Erlenroth ihren Sohn veranlassen 
wollte, sie zu begleiten, sagte dieser sehr entschieden, August 
müßte schon seine Stelle vertreten, er sei sehr müde von der 
Reise. Ich sagte gleichzeitig mit Hildegard „gute Nacht", um 
Mutter und Sohn allein zu lassen, und begleitete Hildegard 
bis an die Gartenthür; sie reichte mir ziemlich kühl die Hand 
und zischte mir förmlich entgegen: „Also Comödie spielen kann 
man auch? warte nur, wir wollen in der Kunst auch nicht 
nachstehen!" 
Was meinte sie nur? ich hatte ja den Abend über 
gar nicht gemerkt, daß sie mir böse sei, ich. zerbrach mir 
lauge den Kopf, inwiefern ich Comödie gespielt haben sollte, 
ich fand keinen Anhaltspunkt und beschloß, morgen Hildegard 
zu fragen und sie, wenn ich sie verletzt hätte, um Verzeihung 
zu bitten. Ich sah nachher noch die schöne, kräftige Gestalt 
des jungen Barons durch den Garten in den Park wandern, 
er besuchte die Gräber seiner Lieben! 
Am nächsten Morgen, als ich zum Kaffeekochen ins 
Frühstückszimmer trat, war Brigitte schon da. Sie fuhr mich 
beinahe an: „die Frau Baronin habe die ganze Nacht kein 
Auge zugethan, das wäre sehr natürlich, der Naine „Alice" 
habe sie so aufgeregt, heute wäre auch noch der Todestag; 
wenn ich durchaus meinen eigentlichen Vornamen hätte wieder 
annehmen wollen, damit die Baronin in Ebbendorf ihr Pathchen 
wiederhabe, hätte ich mich nicht hinter den jungen Baron 
stecken brauchen, Comtesse Hildegard hätte es schon allmählich 
der gnädigen Frau beigebracht; es wäre auch ganz unpassend, 
daß ich gleich mit dem jungen Herrn so vertraut wäre!" Ich 
wußte nicht, was ich antworten sollte, erst hatte ich das Ge 
fühl, mich zu vertheidigen, indem ich der alten Dienerin des 
Hauses den Sachverhalt erzählte, besann mich aber noch recht 
zeitig, und sagte stolzer als ich beabsichtigt, ich wäre nicht 
gewohnt, mich von Untergebenen zur Rede stellen zu lasten, 
und hielte es unter meiner Würde, mich ihr gegenüber zu 
rechtfertigen. Es war gut, daß in diesem Augenblick der junge 
Baron zum Frühstück kam, die aufgeregte alte Person hätte 
noch mehr Lärm gemacht. 
Der Baron reichte mir die Hand, und fand, ich sähe 
blaß aus, dann tranken wir zusammen Kaffee, ich mußte 
ihm die Brödchen mit Butter und Honig streichen. Als 
dann die Baronin immer noch nicht erschien, befahl er 
Brigitte, nachher seiner Mutter den Kaffee zu besorgen, 
und bat mich, mit ihm nach dem Erbbegräbniß 51t kom 
men, um die Gräber zu schmücken, Frauenhände verstünden 
das bester, und seine Mutter schiene heute zu leidend zu sein. 
um diesen Liebesdienst selbst 311 übernehmen. Sv holte ich 
mir denn Hut und Tuch, der Baron wartete schon im Garten, 
ein junger Bursche trug einen ganzen Korb voll Kränze und 
Herbstblumen, und wir schritten, am Teich vorbei, nach dem 
Mausoleum. Als der Baron die Thür ausschließen wollte, 
war diese nur angelehnt, und als wir verwundert eintraten, 
wehte uns frischer Blumenduft entgegen, und eine schwarze 
Gestalt kniete am Boden. Wir mußten uns, aus der Helle 
kommend, erst an die Dunkelheit gewöhnen, ehe wir Hildegard 
erkannten. 
Sie erhob sich nach einer Weile, und reichte, vor Schmerz 
keines Wortes mächtig, dem Baron stumm die Hand, 
die dieser warm drückte, und „ich danke Ihnen, Hildegard," 
mit Thränen erstickter Stimme hervorstieß. — 
Hildegard hatte Alicens Grabmal reich mit Blumen ge 
schmückt, und auch des alten Barons Gedenkstein war mit Kränzen 
behängen. — Ich hatte, während der Sohn und Bruder mit 
inniger Wehmuth die Namen der Entschlafenen betrachtete und 
nach Fassung rang, dem Gärtnerburscheu unsere Blumen abge 
nommen, und sie zuin größten Theil auf deu Platz gelegt, der 
Alicens irdische Hülle barg. Ich konnte einem Gefühl, das mich 
gewaltig nach dem einfachen Namen des jungen Arztes zog, nicht 
widerstehen, und ich schmückte auch desten Gedenktafel reich mit 
Blumen; als ich dabei aufschaute, begegnete mir des Barons 
Blick, ich hielt, wie um Entschuldigung bittend, die Hände z 
gefaltet, und sagte: „Er war ja ihr Liebstes aus der Welt!" 
Der junge Baron reichte mir die Hand, und nickte mir bei- ! 
stimmend zu! Als er die Thränen gewahrte, die mir in die j 
Augen gestiegen waren, sagte er: „Solch treue Liebe übers j 
Grab hinaus, gibt cs selten; Sie kennen die Geschichte meiner 
| armen Schwester?" Ich nickte unter Thränen, und trat hinaus - 
: zu Hildegard, um den Verwandten allein mit seinem Gott \ 
und seinen Todten zu lassen! Hildegard war sehr weich ge 
stimmt, und hatte nichts mehr von dem gestrigen, schroffen j 
I Tone. „Ach, Alice, Du glaubst nicht, wie tief das Leid, das ! 
dadrinnen nun schlummert, mir stets in die Seele schneidet, 1 
wenn ich hierherkomme, ich könnte mich noch heute todtweinen! I 
j Es war furchtbar, als mau mich an jenem Abende, als meine I 
Herzensfreundin in den Fluthen den Tod gepicht hatte, zur § 
Baronin rief; Alice lag wie in Wachs gegoffen auf ihre,» | 
Lager, der alte Baron rang die zitternden, halb gelähmte» <1 
Hände, er hatte seinen Rollstuhl dicht an das Lager seines » 
Lieblings rücken lassen, die Baronin weinte und schrie, sic j 
wollte Alles zugeben, der junge Bergmann sollte telegraphisch > 
herbeordert werden, die Liebenden sollten vereint werden, nur 1 
solle Alice, ihr Herzenskind, nicht von ihr gehen! Der alle I 
August mußte in Bergmanns Wohnung seinen Aufenthalt zu > 
erfahren suchen, und sollte gleich tclegraphiren; es geschah. > 
Alice schlrig die Augen nicht auf bis zum nächsten Morgc», Z 
zwei Aerzte hatten die flacht über vergebens verflicht, Leben 8 
in die schöne Hülle zurück zu rufen! — Am nächsten Morgen I 
schlug Alice die Augen auf, sah ihre Umgebung fremd an, I 
und flüsterte „Max". Schon damals hatten beide Aerzte I 
gleich gefürchtet, daß der Verstand auf immer dahin sei, es I 
wurde aber sehr bald zur Gewißheit; Alice sprang auf, wollte I 
tanzen, lvollte singen, lind konnte nur mit Gewalt bewältigt > 
und in eine nahe gelegene Irrenanstalt gebracht werden. Fast f 
gleichzeitig als der Parvxismus bei Alice ausbrach, kam ein ; 
Telegramm aus S—, wohin Bergmann Tags vorher gereist
        
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