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Periodical volume 4. November 1882, Nr. 6

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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gründliche neuere Untersuchung nichts davon hat entdecken können. 
Also nicht vom tödtlichen Jungsernküssen empfing die alte Ketten 
brücke, die früher „Spreegassenbrücke" hieß, ihren Namen, 
sondern von den spitzen Zungen mehrerer Berliner Jungfern, 
Namens Blanchct, die an der Spreegassenbrücke wohnten. 
Nahe an der Brücke, die übrigens nicht ganz 200 Jahre alt ist, 
beinahe an der Ecke der Spreegasse, hatte sich unter vielen 
französischen Flüchtlingen auch die Familie Blanchet niedergelassen. 
In dem ganzen Viertel wohnten die rökuZiös, betrieben die Gold- 
schmiederei und anderes Handwerk. Die Blanchets — unter ihnen 
neun Töchter — beschäftigten sich in ihrer bnutiquo (Bude sagt 
der Berliner) mit dem Nähen seiner Wäsche, mit dem Waschen 
und Repariren von Kanten und Spitzen und seidenen Strümpfen, 
und sie hatten hierin den besten Ruf in ganz Berlin. Ihre spitze 
Zunge aber hatte noch größeren Ruf. Hatten unsere Voreltern 
eine feine Arbeit machen zu lassen, die sie gewöhnlichen Wäsche 
rinnen nicht anvertrauen wollten, so hieß es: wir wollen es zu 
den Jungfern an der Brücke schicken; hatte aber die ebronique 
scandaleuse irgend eine Stadtneuigkeit verbreitet, und wollte man 
möglichst viel hiervon hören, so hieß es: laßt uns zu denJung- 
sern an der Brücke gehen. Und so kam es, daß zu einer Zeit, 
da Berlin noch eine kleine Stadt war, neun Berliner Jungfern 
den offiziellen Namen einer Brücke umtaufen konnten. Spreeauf- 
wärts geschah das 100 Jahre später auch mit einer anderen 
Brücke, die man „Puppenbrücke" nannte; diesmal waren es aber 
nicht Jungfern, die den Namen gaben. Die alte Kettenbrücke 
wurde übrigens von Grüneberg konstruirt, der auch die Parochial- 
kirche und das Köllnische Rathhaus gebaut hat. 
Etwas Freimaurerei. Es scheint uns nicht unangemessen, 
auf die freimaurerische Laufbahn des Kronprinzen soweit diese, 
der allgemeinen Geschichte, nicht dem Geheimbunde der Freimau 
rer Brüderschaft, angehört, mit wenigen Worten einzugehen, da 
wir voraussetzen, daß diese Mittheilungen viele von unseren Lesern, 
auch Nicht-Mitglieder des großen Bundes, interessiren werden. 
Friedrich Wilhelm Nikolaus Karl, Kronprinz des Deutschen 
Reiches und von Preußeu, wurde am 5. November 1853, im 
Alter von zweiundzwanzig Jahren, in den Freimaurerbund ausge 
nommen, zu einer Zeit, in welcher die Freimaurerei vielfachen und 
zum Theil unglaublich gehässigen Angriffen ausgesetzt war, die 
besonders auf Hengstenberg und Eckert zurückgingen. Die 
Aufnahme wurde im Palais des damaligen Prinzen von Preußen 
unter Anwesenheit der Großbeamten der drei preußischen Groß 
logen vollzogen, indem der Prinz zum Mitgliede der Großen 
Landesloge von Deutschland aufgenommen und zugleich an einem 
Abend in die drei ersten Grade befördert wurde. Nach vollendeter 
Aufnahme richtete der Vater — unser jetziger Kaiser, seit dem 
Jahre 1840 Freimaurer und seit eben der Zeit Protektor sämmt 
licher Freimaurerlogen in den preußischen Staaten — folgende 
Worte an seinen Sohn: 
„Seit Jahr und Tag hast Du den Wunsch ausgesprochen, in 
den Orden der Freimaurer aufgenommen zu werden. Dein Wunsch 
ist erfüllt worden. Die Aufnahme hat in derselben Weise statt 
gefunden, in welcher ich dem Orden zugeführt wurde und wie ich 
sie für Dich gewünscht habe. Sie wird Dir bewiesen haben, daß 
das Werk des Ordens ein sehr ernstes, daß es ein heiliges und 
erhabenes ist. Es giebt nur einen Ausgangs- und einen Endpunkt 
für das Leben des Menschen, der das Höchste lebhaft und unge 
trübt erkannt hat — zu dem richtigen Verständniß dieses einen 
Nothwendigen wird der Orden Dich führen, wenn es Dein stetes 
Bemühen sein und bleiben wird, die heiligen Lehren in Dich auf 
zunehmen, wenn Du sie zur That und Wahrheit wirst werden 
lassen. Es fehlt nicht an lauten Stimmen, die außerhalb des 
Ordens stehen und sich bemühen, denselben zu verdunkeln und zu 
verdächtigen; wie ich Niemand ein Recht zugestehen kann, über 
den Orden abzusprechen, der ihn nicht kennt, so werde ich auf 
Grund der mir gewordenen Erkenntniß nie solchen Stimmen ein Ge 
hör schenken. Möge auch Deine Zukunft den Beweis geben, daß 
Du mit klarem und ungetrübtem Blick zu sichten und den Orden 
zu vertheidigen wissen wirst. Man greift den Orden an, weil er 
sich in Geheimniffe hüllt und man zu bequem ist, sich davon zu 
überzeugen, daß dies jetzt noch nothwendig ist; wie es in der Art 
derer liegt, welche zertrümmern wollen, daß sie mit Oberflächlichem 
sich begnügen, so dringen auch in diesem Falle die Gegner nicht 
tiefer ein, um eben absichtlich nicht eines Besseren belehrt zu werden. 
Sei und werde Du also dem Orden ein starker Schutz, dann wird 
nicht allein Deine eigene Zukunft eine gesicherte sein, sondern Du 
wirst überhaupt das herrliche Bewußtsein in Dir tragen, dahin 
gestrebt zu haben, das Wahre und Gute um Dich verbreiten zu 
j wollen!" — 
Noch bei der Johannisfeier desselben Jahres übernahm der 
Prinz das Amt des Landesordensmeisters der Großen Landesloge 
der Freimaurer von Deutschland. Und als nach dem Tode 
Friedrich Wilhelms IV.*) unser jetziger Kaiser Wilhelm die Re 
gierung antrat und sich ganz und voll seinen schweren Regierungs 
pflichten widmete, behielt er zwar die Würde des Protektors der 
Freimaurerlogen Preußens bei, übertrug aber, noch im Januar 
des Jahres 1861, seinem Sohne die gewöhnlichen Geschäfte des 
Protektorats sowie den Vorsitz bei den Versammlungen des 
Berliner Großmeister-Vereins. 
Und hatte der König!. Vater, als er die Genehmigung zur 
Uebernahme des Amtes als Ordensmeister ertheilte, geäußert: „Ich 
wünsche, wenn mein Sohn dies Amt annimmt, daß er sich dann 
auch den Obliegenheiten dieses Amtes mit Ernste unterzieht," so 
war, ganz dem entsprechend, der junge Ordensmeistcr von seinem 
Eintritt in's Amt an eifrig bemüht, sich selbst zuerst genau zu 
unterrichten und dann nach seinen besten Kräften die edlen Zwecke 
des Ordens zu fördern und zu heben. So kam das Jahr 1870 
und mit ihm die Jubelfeier der großen Landesloge. Die damals 
von dem Kronprinzen gehaltene Festrede gilt vielen Mitgliedern 
des Frcimaurerbundes weit mehr als eine Rede, sie gilt als eine 
historische That, „mit welcher für die Freimaurerei eine neue Zeit 
beginnt." 
Sein Amt als Ordensmeister der Großen Landesloge legte 
der Kronprinz im Jahre 1874 nieder und behielt als sreimau- 
rerisches Amt nur die Stellvertretung des Protektors der preußi 
schen Freimaurerei bei. 
Am 5. November 1878 waren es fünfundzwanzig Jahre, daß 
der Kronprinz in den Freimaurerbund aufgenommen worden ist. 
Derselbe hatte eine öffentliche Feier des Gedenktages abgelehnt, 
*) Friedrich Wilhelm IV. ist nicht Freimaurer gewesen und hat sich 
oft eines Mißtrauens gegen den Freimaurerorden und seine Zwecke nicht 
erwehren können. Das war besonders zu jenen Zeiten der Fall, als die 
Anfeindungen und Anschwärzungen der immer mächtiger und mächtiger 
ihr Haupt erhebenden klerikalen Partei am Königshofe besonders auch 
dem Freimaurerbunde entgegentraten. Wir ersehen dies aus den Worten, 
die unser Kaiser bei Gelegenheit seines fünfundzwanzigjährigen Maurer- 
Jubiläums an die glückwünschende Deputation richtete. Damals sagte der 
König unter Anderem: „Ich freue mich, daß Sie des heutigen Tages 
in so herzlicher Weise gedacht haben. Ich selbst habe kaum ge 
glaubt, daß seit meinem Eintritte in den Orden schon so lange Zeit ver 
flossen ist. Den Dank, den Sie aussprechen, nehme ich an, da ich mir 
bewußt bin, daß ich den Orden nach allen meinen Kräften gegen seine 
Feinde und Gegner vertheidigt habe, weil ich von dem Ernste und der 
Lauterkeit seiner Zwecke überzeugt bin. Dies war besonders in je 
ner Zeit der Fall, wo es unser» Widersachern gelungen war, 
meinem hochseligen Bruder eine ganz falsche Meinung von 
dem Orden beizubringen. Solchen Ansichten habe ich oft ent 
gegenzutreten." —
        
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