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Periodical volume 4. November 1882, Nr. 6

Full text: Der Bär Issue 9.1883

in die Kirche und dort drei Mal um den Altar herumgetragen 
werde. Für diesen Dienst habe sie dem Schäfer 3 Tonnen Goldes 
versprochen, die sie ihm in den tiefer gelegenen Kellern gezeigt. 
Der Schäfer habe auch das Wagestück unternommen und die weiße 
Frau glücklich bis in die Kirche gebracht. Unterwegs aber sei sie 
immer schwerer und schwerer geworden, und als er sie zum dritten 
Male um den Altar getragen, sei er der Last nicht mehr gewachsen 
gewesen und habe sie fallen lassen, worauf die weiße Frau unter 
Donner, Flammen und Sturm wehklagend verschwunden sei. 
Im Sommer 1850 entstand nun plötzlich das Gerücht in 
Biesenthal, eine Hebeamme, — ich würde ihren Namen nennen, 
wenn ich nicht annehmen müßte, daß sie selber oder ihre Nach 
kommen noch lebten — 
besuche zur Nachtzeit 
den Schloßberg, wo 
ihr um Mitternacht die 
weiße Frau erscheine. 
Daß die, übrigens vcr- 
heirathete, kränkliche 
und sonst im besten 
Rufe stehende Frau 
Nachts aufden Schloß 
berg ging, wurde bald 
festgestellt. Sie selber 
machte auch aus der 
Sache kein 
Hehl und 
erzählte je 
dem der es 
hören woll 
te, daß ihr 
allnächtlich 
die weiße 
Frau er 
scheine, die 
noch wei 
tere hun 
dert Jahre 
verzaubert 
im Berge 
schlafen 
müßte, 
wenn sie 
nicht in der 
Johannis 
nacht um 
12 Uhr er 
löst würde. 
Drei Mal 
müsse sie 
zu diesem 
Zwecke um den Altar der Kirche getragen werden. Gelänge dies 
aber, so würden Tonnen Goldes, die im Berge von der weißen 
Frau gehütet würden, der Lohn sein. Sie, die Hebeamme, habe 
versprochen, das Werk zu vollbringen. Natürlich erregte die Sache 
das größte Aufsehen im Städtchen. Die Johannisnacht kam heran 
und die Hebeamme machte sich auf den Weg. Allein, sie hätte 
früher schweigen sollen. Denn eine Anzahl wüster Gesellen von 
nah und fern hatten sich in die Gebüsche des Berges postirt, — 
hinauf waren sie nicht gegangen — und verübten einen solchen 
Unfug, daß aus dem Erlösungswerke nichts wurde. Damit hatten 
die jedenfalls krankhaften Visionen der Frau, der jeder Schwindel 
fern lag, ihr Ende. 
Die weiße Frau der Quitzow's, oder besser gesagt der Holtzen- 
dors's oder Uchtenhagens, wird sich daher bis zu Johanni 1950 
gedulden müssen. Wünschen wir ihr dann mehr Glück. 
Was dem Verfasser des vorerwähnten Artikels über den fa 
mosen Schustergesellen und dessen Erlebnisie berichtet wurde, von 
allen dem habe ich nie das Geringste vernommen, obgleich ich es 
doch hätte hören müssen. 
Dagegen hatte 1851 oder 1852 eine den besseren Ständen 
angehörende junge Dame, — keine Biesenthalerin, wie ich zur Be 
ruhigung der dortigen Damenwelt bemerken kann — von Amors 
mißgewandten Pfeilen getroffen, einem Schustergesellen zur Abend 
zeit auf dem Schloßberge Stelldicheins bewilligt und damit der 
guten Stadt Biesenthal Stoff zu einer sehr gründlichen Klatscherei 
geliefert. Dieser ver 
liebte Schustergeselle 
ist also ohne sein Ver 
dienst in die Sage 
hineingerathen, die 
noch heute im Volks 
mund lebt. Und noch 
heute möchte so Man 
cher den Schloßberg 
nicht umMitternacht be 
treten, wie gern er ihn 
auch bei Tage aufsucht. 
Zum Schluffe 
möchte ich 
den freund 
lichen Leser 
einladen, 
einmal die 
Aussicht 
vom 
Schloßber 
ge zu ge 
nießen. 
Dieselbe ge 
hört zu den 
lohnendsten 
der Mark. 
Dunkle 
Wälder, 
grüner 
Wiesentep 
pich und 
die präch 
tig blauen 
Spiegel 
zahlreicher 
Seen be 
lohnen die 
kurze Reise. 
Iagdtiitder aus drr Mark. 2. Von Ludwig Beckmann. 
M i s 1111 e n. 
Die Zungfernörücke. (Hierzu die Illustration S. 69.) Diese 
alte Brücke erhielt nicht von der „eisernen Jungfrau" mit beweg 
lichen Armen und Schwertern, die einst in den Gewölben des 
Berliner Schlosses gestanden haben soll, ihren Namen, auch nicht 
von diesem „heimlichen Gericht," dem sogenannten „Jungfernküssen," 
in den Kellern der alten Hohenzollernburg. Dort soll nämlich die 
eiserne Jungfrau als Richtwerkzeug gestanden haben, die Jeden, 
der sich der Jungfrau näherte und auf eine Platte trat, mit ihren 
Armen erdrosselte und erstach und den Leichnam in einen Kanal 
hinabwarf, der mit der Spree in Verbindung stand. So erzählte 
die etwas üppige Phantasie unserer Vorfahren, während eine
        
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