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Periodical volume 4. November 1882, Nr. 6

Full text: Der Bär Issue 9.1883

Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Luchhandlungen, Zeitungsspeditionen und Postanstalten für 2 Mark 
IX. Jahrgang. vierteljährlich zu beziehen. - Jm postzeitungs - Catalog eingetragen unter Nr. 21SS. den 4. November 
ZIr. 6. Herausgegeben von Emil Dominik. Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. 1882. 
Jungmeifler Georg und seine Käthe. 
Eine Erzählung aus dem Jnnungsleben des 17. Jahrhunderts. 
Von Kermann Kemriäi. (Schluß.) 
Nachdruck verboten. 
Gesetz v. 11. VI. 70. 
Elftes Kapitel. 
Die Wartezeit. 
So lang waren Käthe die Tage noch nicht vorgekommen 
als zu der Zeit, da sie Georg verlassen hatte. Ihre Gedanken 
begleiteten den Geliebten auf Schritt und Tritt. Jede Wolke, 
die am Himmel aufzog, beunruhigte sie, weil sie befürchtete, 
der Regen könnte Georg treffen. Jeder Sonnenstrahl erfüllte 
ihr Herz mit Freude. „Jetzt wird er zur Nllhe gehen," sagte 
sie sich am Abend. „Wird ihm auch das Bett wohl bereitet 
sein?" — „Nun 
wandert er wieder 
seine Straße da 
hin," dachte sie am 
Morgen. „Wird 
auch kein Unfall 
seinen Schritt hem 
men?" — „Ge 
dulde dich, liebes 
Herz!" sagte sie, 
wenn ihr die Zeit 
gar zu lang wer 
den wollte- „Nach 
einigen Tagen 
kehre ich zurück 
und alles muß gut 
lverden!" das war 
fein Wort beim 
Abschiede." — 
Am dritten und vierten Tage lvar Käthes Herz von 
großer Bangigkeit erfüllt. „In diesen Stlmdcn wird unser 
Oie „Jungfrrnbrückr" in ücrlin. 
Originalzeichnung von Eugen Hilpert. (S. Seite 77.) 
geschrieben sähe. So verging die Zeit nur langsam in Angst 
und Hoffen. 
Der Nachmittag des sechsten Tages seit Georgs Abreise war 
herangekommen. Bei jedem Schritt auf der Straße zuckte sie zu 
sammen; aber der Tag sank, der Abend kain und Georg blieb aus. 
„Georg ist heute nicht gekommen!" klagte der Vater am 
Abend. „Er wird Aufenthalt gehabt haben," anwortete Käthe. 
„Morgen kommt er gewiß!" 
Am nächsten Tage kam der Altmeister, Caspar Schtvert- 
feger, um zu 
sehen, wie die 
Sachen ständen. 
Als er Georg noch 
nicht fand, sagte 
er: „Das dachte 
ich mir schon. Die 
gelehrten Herren 
werden nie so rasch 
fertig, und der 
Fall ist schwer." 
Auch der Haupt 
mann schickte und 
ließ nach Georg 
fragen. 
Der Tag ver 
ging und Georg 
kam nicht. Schwe 
ren Herzens legte 
präume störten ihren 
Michael mit seiner 
sich Käthe zu Bett, aber ängstliche ! 
Schlaf. Bald sah sie den Meister 
Schicksal entschiederl. O Gott, lenke den Sinn der Herren Frau, die ihr schadenfroh einen Brief vorhielten, der sich mehr 
zum Guten!" so dachte sie oft. „Jetzt ist er schon auf 
dem Heimwege!" jubelte es in ihrem Innern. „In drei 
Tagen tritt er zur Stube herein und zeigt mir den Brief." 
Ein Schreck durchrieselte sie, da sie an den Brief dachte. 
Es war ihr, als ob sie das schreckliche Wort darin schon 
und mehr vergrößerte, bis er so groß war wie "der Tisch. 
Dann sollte sie den Tisch decken und Georg fehlte an demselben. 
Bald hörte sie im Traume Georgs Hülferuf, und erschrocken 
silhr sie auf aus ihren, Schlafe. Matt und bleich stand sie 
am nächsten Morgen auf.
        
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