Path:
Periodical volume 22. September 1883, Nr. 52

Full text: Der Bär Issue 9.1883

636 
Zola" genannt — zwischen Beiden ist doch noch ein bedeutender Unter 
schied! — und wir sagen hierbei offen, daß wir keine Anhänger 
des berühmten Naturalisten sind, daß uns 3. B. Daudet weit 
höher steht. Trotzdem erkennen wir aber die frappante, meisterhafte 
Schilderungsgabe des Ersteren vollauf an, und wenn wir auch 
von unserem ganz persönlichen Standpunkt aus nie mit reinem 
Genuß einen der Kretzer'schen Romane aus der Hand gelegt haben, 
so wollen und dürfen wir uns doch auch andererseits durchaus 
nicht verhehlen, welch' einen nachhaltigen erschütternden Eindruck 
die Sittenschilderungen Kretzer's stets auf uns ausgeübt haben. Und 
dies vor allem durch ihre überzeugende Treue, durch ihre packende 
realistische Wiedergabe von Personen und Scenen, schließlich — und 
das nicht zuletzt, — durch die Absicht und den Zweck, welche der 
Versasser mit seinen Werken hat: das soziale Elend so darzustellen, 
wie es in Wirklichkeit ist, den Gutsituirten einen Spiegel vorzu 
halten, in denen sie das Elend, das Unglück, die Armuth ihrer 
Mitmenschen erblicken, den moralischen Fall jener „Verkommenen" 
und „Verlorenen" auf seine wirklichen Ursachen zurückzuführen, und 
durch all' Dieses helfend, rechtfertigend, versöhnend zu wirken. 
Ein bekannter Schriftsteller sagt gelegentlich der ausführlichen 
Besprechung von Kretzer's „Betrogenen" über den Autor, und wir 
unterschreiben dies Urtheil vollständig: „Die Scenen in diesem 
Roman sind überwiegend den Nachtseiten oder doch Schattenseiten 
des Berliner Lebens entnommen, der Verkommenheit ist darin 
viel — sogar etwas zu viel — Raum gewidmet und das bunte 
wcchselvolle Leben der Weltstadt mit großer Anschaulichkeit, oft 
mit künstlerischer Kraft geschildert. Aber das alles ist doch nicht 
die Hauptsache. Was diesem Buche in bevorzugter Art und im 
rühmlichen Sinne den Stempel des modernen Romans ausdrückt, 
ist das Ringen nach dem einzigen Ideale, welches der Menschheit 
geblieben ist, nachdem sie ihre Götter und Idole hat allgemach 
versinken sehen, das Ringen nach Wahrheit, nach ungeschminkter, 
unverhüllter Wahrheit, die der Autor durch die tiefe innere Er 
griffenheit, mit welcher er sie vorführt, verklärt, womit er zugleich 
sein Thun über alle Frivolität erhebt. Kretzer's Richtung ist der 
volle Realismus und man wird versucht, ihn mit dem Verfasser 
des „Affommoir" zu vergleichen, wir sagen absichtlich: mit dem 
Versaffer des „Affommoir," nicht mit Emil Zola, was ganz etwas 
anderes ist. Die französische Sucht, um jeden Preis aufzufallen, 
sei es auch durch die handgreiflichste und lächerlichste Uebertreibung, 
fehlt bei Kretzer und dafür tritt die deutsche Ehrlichkeit in ihr 
Recht. Er will zeigen, worauf es jetzt ankommt: auf die Be 
seitigung der konventionellen Lüge, darauf, daß wir den Muth der 
Wahrheit haben. Die Schilderungen Kretzer's zeichnen sich eben 
so wohl durch ihre Wahrheit wie ihre sittliche Absicht aus, mehr 
als einmal mäßigt und mildert sein gesunder Humor, mit dem 
glücklichen Instinkt des Poeten, das Allzukrasse. Man ist endlich 
dahinter gekommen, daß alle früheren Methoden zur Verbesserung 
und Veredlung der Menschheit nur Präservativmaßregeln waren; 
das Wichtigste fehlte: die rechte Diagnose der Uebel, die Erkenntniß 
ihres Ursprungs. Verdammt uns nicht, rufen die Ausgestoßenen 
in diesem Buche uns zu, tobtet und verbrennt uns nicht in Ge 
danken ; Ihr sollt Euch auch nicht ergötzen am gleißenden Schimmer 
der Fäulniß; helft uns vielmehr, und um dies zu können, über 
windet Scheu und Widerwillen, sucht nach den Wurzeln des 
Elends und dringt in die Tiefe psychologischer Abgründe, menschlich, 
als Menschen!" 
Es ist hier nicht unsere Ausgabe, die Romane Kretzer's zu 
analysiren, ihren Inhalt zu erzählen, die Bedeutung jedes einzelnen 
hervorzuheben. Ganz besonders müssen wir jedoch anführen, daß 
er ein packender Schilderer der Großstadt ist und uns ein getreues 
Abbild des lärmenden, nie rastenden, kaleidoskopartig wechselnden 
Berliner Lebens und Treibens zu geben vermag. Während diese 
Schilderungen in seinen größere» Romanen mehr Folie sind, treten 
sie in seinen kürzeren Arbeiten, wie z B. in seinen „Berliner Novellen 
und Sittenbildern"*) und seinen „Gesammelten Berliner Skizzen"**) 
noch weit mehr hervor, oft gepaart mit einem ironischen Humor, zu 
weilen leider aber auch mit einem etwas flüchtigen, saloppen Stil. — 
Die äußeren Lebensumstände Kretzer's könnten und werden 
ihm wohl auch einmal den Stoff zu einem Roman liefern, in dem 
er lins dann ein treues Spiegelbild seines Ringens und Strebens, 
seines Kämpfens und Arbeitens giebt. Geboren am 7. Juni 1854 
zu Posen als der Sohn eines Gastwirthes, besuchte er bis zu 
seinem dreizehnten Jahr die dortige Realschule und siedelte dann 
mit seinen Eltern, welche durch Unglücksfälle ihr Vermögen ver 
loren hatten, nach Berlin über. Es ging ihnen hier sehr, sehr 
traurig; in der äußersten Vorstadt wohnend, mitten in der größten 
Armuth und im tiefsten Proletariat, hatte Kretzer schon frühzeitig 
Gelegenheit, die unteren Volksklaffen genau kennen zu lernen und 
zu studiren. Vor allem hieß es jedoch für ihn „arbeiten," er 
mußte versuchen, zum Erwerb der Familie, wenn auch noch so 
wenig, beizutragen, und in einem Alter, in dem die übrigen Kinder 
noch auf das sorgsamste gehütet und gepflegt werden, mußte er 
von früh bis spät in der bekannten Stobwasser'schen Fabrik, wo 
auch sein Vater eine Stellung gefunden hatte und in welcher seine 
spätere Erzählung „Schwarzkittel"***) spielt, die Hände regen im 
harten Kampfe um das Dasein. Dann arbeitete er hintereinander in 
mehreren anderen Fabriken, vornehmlich in Gießereien, war eine 
Zeit lang Kaufmann, erlernte hierauf die Dekorations- und Schilder- 
Malerei und hatte bei Ausübung dieses Berufes 1877 das Un 
glück, von einem zwei Stockwerke hohen Gerüst auf die Straße 
zu stürzen und sich dabei den linken Fußknochen zu zersplittern. 
Auf dem Krankenlager, umgeben von Noth und Elend, eine düstere 
Zukunfl vor sich, schrieb er, um sich zu zerstreuen, seine erste Ge 
schichte, eine kleine Humoreske; er dachte Wohl selbst kaum daran, 
daß sie veröffentlicht werden könnte, trotzdem wagte er den Versuch und 
schickte sie dem „Sontagsblatt" ein, und welche Freude überstrahlte 
das Gesicht des Kranken, als schon nach wenigen Tagen ein Brief 
von der Redaktion kam: „Acceptirt!" — Da waren Gram und 
Sorgen und Kümmernisse und Schmerzen vergessen, sein im Stillen 
so heiß gepflegter Lieblingswunsch war in Erfüllung gegangen: 
er war nun Schriftsteller. Fleißig wurde die Feder in Bewegung 
gesetzt, den kleinen Skizzen folgten bald größere Sachen, sie lenkten 
die Aufmerksamkeit vieler Leserkreise aus den jungen, talentvollen 
Autor, der mit eiserner Energie und ungebeugter Arbeitskraft den 
einmal eingeschlagenen Weg verfolgte. Freilich kamen noch viele 
Stunden der Entbehrung und Hoffnungslosigkeit, des Haderns und 
des Zweifelns an sich selbst, aber die Erfolge ebneten den Pfad, 
der, wenn sich die Schlacken, die seinem Talent noch anhaften, 
verloren haben werden, ihn auch ferner führen wird, wie er ihn 
bisher geführt hat: „Durch Nacht zum Licht!" 
Misccllen. 
Mkder aus dem alte» Merlin (Königl. Bank in ihrer zweitültesten 
und vorletzten Gestalt, Fürstenhaus rc.) Zu den Illustrationen S. 626 
und 627. Der „Werder" bestand ursprünglich nur aus einigen größeren 
und kleineren Inseln, von denen diejenige, welche zuerst bebaut wurde, 
die Gegend der Schleuse, jetzt gar nicht mehr zum Friedrichswerder gehört. 
Die andere Insel war dasjenige Terrain, auf dem der nördliche Theil der 
„Bauakademie", die Unterwafserstraße und die westliche Hälfte der Holz 
marktstraße sich befinden. Von allen Seiten war dieser Raum mit einem 
Ausfluss« der Spree umgeben, in welchem noch im Jahre 1654 Hechte 
gestochen wurden und der in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts zu 
geschüttet wurde. Dort, wo dieser ehemalige Spreearm die heutige 
Werderstraße berührte, also vor der „alten Münze" befand sich die 
sogenannte „freie Arche" oder Schleuse. Das östlich und südlich bei dieser 
Arche gelegene Terrain hieß im 16. Jahrhundert „die Freiheit der Stadt 
Cöln", das weiterhin mit dem Cölnischen Haidelande zusammenhing. Erst 
*) 2 Bände H. Costenoble, Jena. 1883. 
**) Fr. Luckhardt, Berlin. 1883. 
***) Otto Spamer, Leipzig. 1882.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.