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Volume 22. September 1883, Nr. 52

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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der Feind in der Stadt rasten werde und Was man da erwarten durfte, 
war Jedem bekannt. Es erhoben sich denn auch Stimmen in der Bür 
gerschaft, welche es im Jnteresie Aller für rathsam erachteten, die 
Stadt so rasch wie möglich zu verlassen. Diesem Bestreben trat 
anfänglich der regierende Bürgermeister Bartholomäus Schrö 
ter entgegen; er ließ sogar die Thore sperren, damit Niemand 
hinaus könne; endlich aber mußte er dem allgmeinen Drängen nach 
geben und das Verlassen der Stadt gestatten. Das Wohin war 
nur die Frage. Einen beliebten Zufluchtsort bildeten in solchen Fällen 
die Kalksteinbrüche bei Rüdersdorf. Da man aber befürchtete, 
daß dieselben schon von dem Landvolk und flüchtigen Berliner 
Familien besetzt seien, so entschieden man sich für den sogenannten 
„Hennigkendorfer Winkel", einem bewachsenen Luch an der südlichen 
Grenze der Stadtgeniarkung, am sogenanten Büllenwinkel beginnend 
und bis an den Stienitzsee bei Hennigkendorf reichend, in der 
Mitte von mehreren Wällen unterbrochen und auf der westlichen Seite 
von den Roll- oder Springbergen, einem merkwürdig gestalteten 
Höhenzuge, begrenzt. 
Noch vor einem Jahrhundert war von nutzbaren Wiesen an 
dieser Stelle keine Rede, sondern nur von einem mit Elsen, Schilf 
und Rohr bewachsenen Luch, das wegen seines moorigen quellen 
reichen Bodens weder von Menschen noch Vieh betreten werden 
konnte. Nur am südlichen Rande desielben befand sich ein soge 
nannter Knüppeldamm, der eine Passage nothdürftig gestattete. 
Auf den Wällen mitten in dem Luche standen alte knorrige Eichen 
und Hasel- und andere Sträucher. Kaum dürste in der ganzen 
Kurmark Brandenburg ein Ort damals zu finden gewesen sein, der 
wie dieser abgelegene „Hennigkendorfer Winkel" eine Urwildniß 
im vollsten Sinne des Worts darstellte. 
Hierher bewegte sich in der Nacht vom 6. zum 7. November 
1633 ein langer Wagenzug von Straußberg, begleitet von bewaff 
neten Bürgern zu Fuß und zu Pferde. Es war eine schaurige Nacht. 
Der Sturm jagte über die Felder dahin, dünnen Schnee vor sich 
hertreibend, drüben nach der Spree zu bewies der rothe Feuerschein 
an verschiedenen Stellen, daß der Krieg seine Orgien feiere und 
daß die Spanier, Italiener, Wallonen, Panduren, Kroaten und 
anderes räuberisches Gesindel, — Gott sei's geklagt, deutsche Bran 
denburger nicht zu vergessen — nicht mehr fern seien und man 
gut thue sich zu beeilen. Die Flucht gelang und Alle kamen den 
Umständen nach wohlbehalten bei den Rollbergen an, von wo aus 
der Uebergang auf einem Tags vorher fertiggestellten Knüppeldamm 
über das Luch nach den Wällen ausgeführt wurde, woselbst man 
sich einrichtete, wie es eben die Umstände zuließen. Obgleich es 
bitter kalt war, so wollte man doch lieber diese Unbill der Wit 
terung aushalten, als den kaiserlichen Unholden in die Hände fallen. 
Am meisten machten einige Kranke, die Kinder und das Vieh zu 
schaffen; als man aber erst einige Hütten fertiggestellt hatte, kehrte 
bald Ruhe ein. 
Mehrere Tage waren vergangen, ohne daß die Flüchtlinge 
von der Außenwelt in ihrem Versteck etwas erfahren, als sich 
einige muthige Bürger entschlossen, auf Kundschaft auszugehen. 
Diese erfuhren dann zu ihrem Erstaunen, daß die Rede gehe, der 
Wallensteiner habe mit seiner Armee Kehrt gemacht und sei zum 
Schutze des Kaisers Erbländer nach Oesterreich zurückmarschirt. Ganz 
Gewisse aber konnten sie nicht erfahren?) Als sie mit dieser Nach- 
*) Buchholz in seiner „Gesch. d. Churm. Br. III. 633. 634 schreibt: 
„Wallenstein ließ der Stadt Berlin durch den Obersten Winsen ansagen, 
5 Regimenter einzunehmen, und 50 000 Thaler Brandschatzung zu bezahlen. 
Nach den 11. November dieses Jahres (1633) kam ein Trompeter von 
den Grafen Terzky und Mansfeld, etliche aus dem Rath hinaus auf ein 
Dorf, Namens Höchne (muß Hönow heißen) zu holen, und wegen der 
Lieferung und Uebergabe zu traktiren. Aber als sie an den Ort ankamen, 
funden sie niemand, hingegen Stiefel, Sporen und Halfter an den Krippen 
hängend. Der Trompeter erschrak, doch nöthigte er die 3 Rathsherrcn, 
richt bei den Ihrigen anlangten war große Freude und die 
Muthigsten machten sofort Anstalten, wieder nach dem heimathlichen 
Herd zurückzukehren. Zwar warnten die greisen Bürgermeister 
Bartholomäus Schröter und Daniel Hundertmarck und 
mahnten zur Vorsicht, da, wenn auch der Wallensteiner mit dem 
Hauptheer sich zurückgezogen hätte, wie man sage, es doch möglich 
sei, daß sich noch marodirendes Gesindel herumtreibe. Und sie 
sollten Recht haben. 
Bereits war ein großer Theil der Bürger mit ihren Familien 
und Habseligkeiten nach der Stadt zurückgekehrt und ein kleiner 
Rest rüstete sich, eben zu folgen, da brachten fliehende Landleute 
am 12. November früh die Nachricht in die Stadt, kaiserliches 
Kriegsvolk plündere und verübe die scheußlichsten Gewaltthaten in 
den Dörfern Taßdorf, Fredersdorf, Vogelsdorf u. s. w. und nehme 
seinen Weg auf Straußberg. Von einer abermaligen Flucht der 
schon in der Stadt befindlichen Personen nach dem Hennigken 
dorfer Winkel konnte keine Rede sein, weil man unter Umständen 
den Feinden gerade in die Arme gelaufen wäre. Man faßte 
deshalb den Entschluß, die Stadt bis aufs Aeußerste zu verthei 
digen und die noch im Versteck befindlichen Bürger' zur raschen 
Heimkehr zu ermahnen. Die letzteren waren schon unterwegs, als sie 
der Bote traf, und erreichten noch glücklich die Stadt. Darauf wurden 
die Thore geschloffen und verrammelt und Mauern und Thürme 
mit Bewaffneten besetzt. Gegen Mittag ließ der auf dem Marien 
kirchthurm zur Observation der Umgegend angestellte Küster herunter 
sagen, daß sich ein ziemlich großer Trupp Reiter und Fußvolk auf 
dem Hennigskendorfer Wege der Stadt nähere. Und richtig — bald 
hielten sie vor dem Landsberger Thore, ungestüm Einlaß begehrend. 
Daran dachte aber der muthige junge Rathsherr Markus Blesen 
dorf nicht, dem dieser Posten anvertraut worden war. Er gab 
die Antwort zurück, man niöge sich entfernen, widrigenfalls man 
Feuer geben würde. Anfänglich stutzte das Kriegsvolk, wahrschein 
lich weil dasselbe vermuthete, es befände sich in der Stadt eine 
kurfürstliche Besatzung. Aber von einem aufgegriffenen Landmann 
erpreßte man das Geständniß, daß sich in der Stadt nur circa 
100 Bürger und ebensoviel Landleute befänden. Der kommandirende 
Offizier, der sich Oberst v. Wins nannte, ließ darauf in die 
Stadt hineinsagen, daß, wenn man nicht gutwillig die Thore öffne, 
er, wenn er hineinkomme, keinen Stein auf dem andern lassen 
würde. Da ihm hierauf keine Antwort wurde, so begann man 
mit Vorbereitungen zur Einnahme der Stadt. Das Schütz bei der 
Vormühle wurde von dem kaiserlichen Gesindel heruntergerissen, 
worauf sich das Wasser aus den Stadtgräben mit furchtbarer Ge 
walt über die unterhalb gelegenen Wiesen und Gärten ergoß. Ver 
geblich war das Bemühen der Bürger, durch fortwährendes Feuern 
aus den Thürmen das Kriegsvolk in seiner Arbeit zu stören. End 
lich legte dasselbe auch Feuer in die Vor-Mühle und in das un 
weit daran befindliche Hospital, damit den Bürgern ein Zeichen 
gebend, was ihrer warte, wenn man in die Stadt käme. Sehn 
süchtig und angstvoll warfen die Bürger ihre Blicke in die Ferne, 
weil man wußte, daß die Schweden bereits in Müncheberg ange 
kommen, und Brand enburger und Sachsen auf dem Marsche hier 
her seien. Der alte Bürgermeister Schröter befahl, daß sich alle 
Greise, Weiber und Kinder nach der Marienkirche begeben und sich 
theils im Thurme, theils in der Sakristei verstecken sollten, weil, wenn 
»och eine halbe Meile weiter zu kommen. Da fanden sie's ebenso. 
Wallenstein hatte eilige Nachricht bekommen, daß Herzog Bernhard von 
Weimar Negensburg erobert, und im Begriff sei, in Oesterreich selbst ein 
zubrechen. Dem mußte er zu Hilfe eilen. So waren auch 6000 Sachsen 
und Brandenburger auf den Marsche über Bceskoiv nach Frankfurt, 
welche das Kommando, weiches Wallenstein nach Berlin geschickt hatte, 
abschneiden konnte." — Wären die Berliner Rathsherren eine Meile rechts- 
ab vom Wege gegangen, so hätten sie die Kaiserlichen getroffen — wie 
wir bald sehe» werden.
	        
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