Path:
Volume 22. September 1883, Nr. 52

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

633 
sammen die Aufnahme des Bauwerks bewirkte, fand ich dasselbe 
unten und oben mit einer Sandsteinplinthe versehen, das Dach 
mit Sandsteinplatten abgedeckt und die Hutkuppel mit einer 
sehr wohl erhaltenen, im römischen Stil ausgeführten, Sand 
steintrophäe geschmückt. Der alte Birkenbaum, der früher als 
Wahrzeichen des Thurms lustig auf dem Dache grünte, ist abge 
storben. Einundvierzig Schichten rother, im Krcuzverband ver 
mauerter gut gebrannter Backsteine bilden das Massiv des Thurms, 
der bei etwa 5 Fuß Höhe eine lukenartige Blende hat, im Innern 
aber keinen Hohlraum zu umschließen scheint.*) 
1769 ließ Friedrich der Große dicht unterhalb des Wehrs die 
nunmehr verfallene Walkmühle anlegen; von dem eigentlichen Wehr 
sind seit dem Umbau desselben im Jahre 1801 nur einzelne Pfähle 
und Spundwandtheile übrig geblieben. 
Von Sr. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit dem Kronprinzen 
des deutschen Reichs und von Preußen zu einer Aeußerung in Be 
treff der Erhaltung des denkwürdigen letzten Rests der Festung 
Berlin aufgefordert, habe ich mich selbstredend für die Erhaltung 
ausgesprochen und hoffe, daß die nunmehr vor sich gehende Zuwer- 
sung des Grabens nichts daran ändern wird. 
Hervorheben will ich noch, daß der wegen seines übelen Geruchs 
berüchtigte Grüne Graben sich in Folge der Kanalisation gebeffert 
hat, daß er jetzt, wo er verschüttet wird, wieder der Fischerei 
dient und klares, schnellfließendes, geruchloses Wasser führt. Möge 
um die ehrwürdige Ruine herum nunmehr neues Leben erblühen. 
Ein Schrcckcnstag in Straußberg. 
Episode aus dem dreißigjährigen Kriege von NI. 8Ier»l>eck. 
Es war im Spätherbste des Jahres 1633. Die Schweden 
hatten über die Kaiserlichen und ligistischen Truppen in Mittel- und 
Süd-Deutschand Sieg über Sieg errungen, und der Kaiser Ferdi 
nand hatte in seiner Bedrängniß den Herzog von Friedland, den 
Wallenstein, welchem er ein Jahr vorher den Feldherrnposten 
auf Anrathen des Herzogs von Baiern genommen, wieder um 
Uebernahme des Kommandos gebeten und ihn mit einer Vollmacht 
ausgestattet, wie solche wohl kaum ein Feldherr vor noch nach ihm 
gehabt hat. Wallenstein sammelte die zerstreuten österreichischen 
Schaaren, warb neue, und che man sich's versah, stand er mit 
40 000 Mann im Felde. Statt aber, wie man gehofft, sich gegen 
die Schweden in Süddeutschland zu wenden und Baiern von ihnen 
zu befreien, zog er es vor, die Länder seines Todfeindes den 
Schweden preiszugeben, und erschien im Oktober 1633 in Schlesien, 
mit seiner Armee dem Laufe der Oder folgend. Am 11. Oktober 
schlug er den Grafen von Thurn bei Steinau an der Oder, nahni 
dann Liegnitz und Groß-Glvgau ein und wandte sich darauf gegen 
Frankfurt an der Oder. Der brandenburgische Kommandant in 
letztgenannter Stadt ließ die Oderbrücke abbrechen und zog mit 
seiner Besatzung nach Kiistrin. Wallenstein ließ sogleich Frankfurt 
a. O. besetzen, das von den meisten Einwohnern verlasse» worden 
war, und entsendete von hieraus Reiterschaaren in die Neumark**) 
unter den Obersten Jllo und Götz und in die Mittelmark unter 
den Obersten Mansfeld und Terzky. 
Der Kurfürst Georg Wilhelm, welcher gegen seinen Willen 
ein Bundesgenosse der Schweden geworden war und sich in seiner 
Residenz zu Berlin gefährdet sah, floh nach Tangermünde, von 
wo aus er unterm 23. Oktober 1633 dem Oberst Volckmann den 
*) Die Abbildung Tafel 6 der vom Verein für die Geschichte Ber 
lins herausgegebenen „Berlinischen Bauwerke" ist in mehrfacher Beziehung 
unrichtig. 
**) Nach den tut Straußberger Stadtarchiv enthaltenen Aufzeichnungen 
des Kämmerers Andreas Schuster und des Pfarrers und Inspektors 
Andreas Jüttens erzählt. 
Befehl ertheilte, mit seinem Regiment Berlin zu besetzen, gleich 
zeitig wurden die letzterer Stadt inkorporirten kleinen Städte Cöln 
an der Spree, Bernau, Neustadt-Eberswalde, Straußberg, Wriezen, 
Mittenwalde, Trebbin, Köpnick, Bötzow, Liebenwalde und Oderberg 
beauftragt, zur Löhnung des kurfürstlichen Kriegsvolks dem erwähnten 
Oberst wöchentlich eine bestimmte Summe an Geld zu zahlen. 
Ebenso empfingen die genannten Städte den Befehl, den zehnten 
Theil der Bürgerschaft kriegsmäßig ausgerüstet nach Havelberg 
zu senden, wie auch zum Schutze des Landes die Vasallen aufge 
fordert wurden, ihre Lehnreitcr unverzüglich dahin zu gcstellen. 
Oberst Volckmann, der wohl einsehen mochte, daß er mit 
seinem Regiment Berlin nicht zu halten vermochte, zog mit dem 
selben nach Spandau ab und so war denn das ganze Land zwischen 
der Havel und Oder den Kaiserlichen preisgegeben. Ungeheure 
Angst bemächtigte sich der Bewohner desselben. Hatten schon die 
Kaiserlichen bei ihrem ersten Hiersein, in den Jahren 1627 — 1631 
als Freunde arg gehaust, was durste inan jetzt von ihnen er 
warten, da sie als Feinde erschienen. Und was man hörte, war 
nur dazu angethan, den Schrecken auf das Höchste zu steigern, denn 
wahrhaft haarsträubende Berichte über Greuclthaten, welche die 
kaiserlichen Horden verübten, gingen ihrem Anzuge voraus. 
Auch die Stadt Straußberg hatte den Befehl erhalten, den 
zehnten Theil ihrer Bürgerschaft zum Milizdienst nach Havelberg 
zu senden. Es waren aber außer den zwölf Herren des Raths 
nur noch 87 bewohnte Bürger und 12 Wittwen in der Stadt 
anwesend.*) Der Rath versammelte die Bürgerschaft am 1. No 
vember vor dem Rathhause und theilte derselben den Befehl wegen 
des Milizdienstes mit. Man wollte aber diesmal nicht, wie sonst 
üblich, das Loos entscheiden lassen, sondern bewilligte außer Her 
gäbe der Ausrüstungsstücke 6 Thlr. Werbegeld pro Mann, deren 
acht gestellt werden mußten. Darauf wurde durch Trommelschlag 
die Werbung bekannt gemacht und es fanden sich auch Männer, die 
sich bereit erklärten, in den Krieg zu ziehen. Es waren dies: 
1. Büchsenmacher Jürgen Jacob aus Sommerfeld, 2. Tuchmacher 
Peter Bär aus Lüchow, 3. Töpfer Michael Schwarzholz aus 
Straußberg, 4. Schuster Jacob Göltzncr aus Fehrbellin, 5. Schmid 
Peter Otto aus Richenow, 6. Schuster Nickel Wegener aus Strauß 
berg, 7. Andreas Paschen aus Straußberg und 8. Joachim Alten 
dorf aus Ketzendorf. Sämmtliche Leute verließen am 4. November 
die Stadt, um über Bernau nach Havelberg zu marschiren. 
Inzwischen war die Situation in Stadt und Land schon sehr 
bedenklich geworden. Das Landvolk drängte sich in Masse nach 
der Stadt, hinter deren Mauern Schutz suchend. Man hörte, daß 
der General Wallenstein die Stadt Berlin durch seinen Oberst 
v. Wins*) hatte auffordern lassen, 5 Regimenter kaiserliches Kriegs 
volk einzunehmen und 50000 Thlr. Brandschatzung zu zahlen. 
Am 6. November erschien in der Stadt Straußberg ein Ab 
gesandter des kaiserlichen Genereis Graf von Mansfeld mit der 
Aufforderung, sich mit Proviant zu versehen, da es sich schicken 
würde, daß in den nächsten Tagen kaiserliches Kricgsvolk einlogirt 
werde. 
Bis dahin hatte man geglaubt, daß Wallenstein mit seiner Armee 
an der Spree entlang gegen Berlin marschiren und Straußberg ver 
schonen werde. Jetzt aber hatte man die Gewißheit in Händen, daß 
*) Bei Beginn des 30jährigen Krieges zählte die Stadt 235 Bürger. 
**) Dieser von Wins war ein brandenburgischer Edelmann aus 
Birkenwerder bei Oranienburg gebürtig. Seine Vorfahren hatten 
dieses Gut mit mehreren anderen im Jahre 1504 von Joachim Graf 
zu Ruppin käuflich erworben. Bei dem Regierungswechsel im Jahre 1598 
erhielt ein Jacob v. Wins die Lehnsconsirmation für Birkenwerder, 
Hermsdorf, Hohen-Niendorf, Borgsdorf und die wüste Feldmark Berkfcld 
(dieselbe Besitzung, welche früher Berkow, dann Birkholz genannt wurde 
und heute Bergfelde heißt.) Welch' Geisteskind der obenerwähnte kaiser 
liche Oberst v. Wins gewesen, werden wir bald erfahren.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.