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Periodical volume 15. September 1883, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 9.1883

Jas kehle Wort. Der letzte Herrenmeister, Prinz Ferdinand, hatte 
unter seinen Junkern einen v. Krosigk, welcher immer das letzte Wort haben 
mußte. Der Prinz war ihm sehr gewogen, meinte aber, es müsse äußerst 
interessant sein, den Krosigk einmal abgetrumpft zu sehen. 
Da reiten die Herren eines Tags durch Kriescht, das Hauptdorf und 
der Handelsplatz des oberen Bruches. Dort war ein Pastor, welcher 
gleichfalls in dem Rufe stand, er muffe immer das letzte Wort haben. 
Der Pastor sitzt gerade vor seiner Hausthür, als die Herren dahertraben. 
Er erhebt sich und begrüßt den Prinzen, um den Junker Krosigk kümmert 
er sich nicht. Das wurmt denselben und sich zur Geltung zu bringen 
rüst er dicht hinter dem Prinzen reitend zu dessen heimlicher Freude 
überlaut: 
„Guten Morgen, Gott's Wort vom Lande!" 
Schlagfertig entgegnet der Pastor: 
„Schön Dank, Herr Junker mit anhaltschem Verstände." 
Der Junker stammte nämlich aus dem anhaltinischen Adclsgeschlecht und 
es war demselben gar nicht lieb, mitten unter den preußischen Herren im Ge 
folge des Prinzen an seine unbedeutende Heimath spöttisch erinnert zu wer 
den. Zudem wandte sich der Prinz augenblicklich um und rief ihm in's 
zum ersten Mal verlegen erscheinende Gesicht: 
„Sieht er, da hat er's einmal!" 
Der Pastor aber konnte es nicht unterlassen, hinzuzufügen: 
„In Preußen gewöhnt nian die Leut' zu Anstande!" 
Der Prinz lachte aufs Neue und sprach: „Sagte ich nicht vorher, 
der Junker solle den Krieschter Pastor in Ruhe lassen? Der muß ja das 
letzte Wort behalten." Dann befahl er, dem Pastor von der nächsten 
Jagd einen Hirsch ins Haus zu schicken, und der Junker Krosigk mußte 
selbst diesen Hirsch nach dem Pfarrgehöft geleiten. 
Auch ein Amt. In dem Kirchenbuche einer Dorfgemeinde ini Mag 
deburgischen findet sich unter dem Jahre 1679 und auch noch später fol 
gende Rubrik: „Einem Schulknaben, welcher diesen Sommer die Schlafenden 
in der Kirche aufgeweckt hat, zu ein Paar Schuhen zwölf Groschen". 
Jas „GeheimratKsviertek" wandert immer weiter nach West. 
Das älteste Geheimrathsviertel Berlins wurde vor rund 180 Jahren unter 
König Friedrich I gebaut. Es war dies die Markgrafenstraße, die 
man „Geheimrathsstraße" nannte, weil es nur Geheimräthe waren, 
die hier beim Bau der entstehenden „Friedrichstadt" Bauplätze erhielten. 
Und zwar bauten die Geheimräthe Lith (Nr. 9), Mylius (Nr. 10), Holtzen- 
dorf (Nr. 11), Schmidt (Nr. 12), Scheucker (Nr. 15), Lehmann (Nr. 16), 
Senning (Nr. 85), Schöning (Nr. 100), Braunsbcrg (Nr. 103), Flottwell 
(Nr. 104), Gerbet (Nr. 106) und Trutzettel (Nr 108). 
Das Zweitälteste „Geheimrathsviertel" entstand, als im Jahre 1841 
infolge des Baues der Potsdamer und Anhaltischen Eisenbahn, ein Durch 
bruch der Stadtmauer zwischen Potsdamer- und Halleschem Thor statt 
fand, und das Viertel zwischen Canal und Stadtmauer errichtet wurde. 
Das Geheimrathsviertel bestand aus der Köthener-, Bernburger- nnd 
Dessauerstraße; und ein Jahrzehnt später nannte man das Quarre, tvelches 
ourch Eichhorn- Schilling- und Linkstraße gebildet wird, vornehmlich das 
„Geheimrathsviertel". 
Dann, zu Anfang der 50 er Jahre, baute sich das Geheimrathsviertel 
in den Straßen auf, welche die Matthäikirche umlagern, wie die Sigis 
mundstraße re. 
Vor 14 Jahren etwa begann die umfangreichere Bebauung der 
Straßen, welche um den Magdeburger Platz liegen, dies wurde das neue 
Geheimrathsviertel. 
Das neueste ist aber nun schon weiter nach West gerückt. Hier bildet 
der Lützowplatz etwa den Mittelpunkt des Winkels, in welchem die 
„gute Gesellschaft" Berlins wohnt. Nicht die „auf Gummi fahrende", 
diese wohnt seit 100 Jahren am Rande des Thiergartens, sondern die 
jenigen Gesellschaftskreise, welche sich durch Wissenschaft und Talent von 
der großen Menge abheben oder welche im Civil- oder Mlitairdienst eine 
gewisse höhere sociale Position einnehmen. 
Wie lange aber wird's dauern, dann wandert das Viertel weiter 
nach West, vielleicht die Kurfürstenavenue entlang, vielleicht baut es 
sich im Kreise um das Joachimsthalsche Gymnasium auf. 
Bevor dies geschieht, muß freilich Charlottenburg inkorporirt 
werden; und bevor dies wieder passiren kann, müssen die Ringhauptleute 
der Berliner Stadtverordnetenversammlung interessirt werden. — 
Z3ci dem WeuSau eines Wokizeidienkgeöäudes ist die Stadt Ber 
lin zufolge eines von der Staatsregierung mit derselben abgeschlossenen 
Vergleiches vom 12./28. Dezember 1879 verpflichtet, auch ein neues Poli 
zeigefängniß herzustellen. Es müssen daher bei dem Bauprojekt des 
neuen Dienstgebäudes des Polizeipräsidiums auf dem Grundstück des ehe 
maligen Arbeitshauses am Alexanderplatz ausreichende Gefängnißräume 
für alle zu den Polizeigefangenen gehörigen Kategorien vorgesehen werden. 
Von den Insassen des seit 1850 bestehenden Polizeigewahrsams, den Land 
streichern, Bettlern, Arbeitsscheuen, lüderlichen Frauenzimmern, Betrunkenen 
und solchen Personen, welche wegen Straßenexceffe, Obdachlosigkeit re. auf 
gegriffen werden, sind die Hauptgäste die obdachlosen Personen, von denen 
in den städtischen Asylen und in den beiden Privatasylen zusammen jähr 
lich etwa gegen 150,000 Personen Zuflucht fanden, und die aufgegriffenen 
Bettler, deren Zahl säst jährlich aus etwa 25 000 Personen sich beläuft, ferner 
die lüderlichen Frauenzimmer, die in einer Anzahl von 13 700 Personen 
unter polizeiliche Controls gestellt sind. Man kan» hiemach, bemerkt die 
„Voff. Ztg.", ermessen, welche gewaltigen Räume der Stadtbaurath 
' Blankenstein wird herstellen müssen. Allein an Dienstlocalitäten, die dem 
augenblicklichen Stande des Dienstpersonals entsprechen, wird eine so 
große Anzahl von Räumen verlangt, daß ihr Inhalt ein Geschäftshaus 
von dem Umfange des Reichstagsgebäudes ausfüllt. 
Iie beiden neuen Jepots, welche die Große Berliner Pferde- 
Eisenbahn-Gesellschaft in der Nürnbergerstraße (in der Nähe des 
Zoologischen Gartens) und in der Kreuzbergstraße erbauen läßt, nähern 
sich ihrer Vollendung. Es wird durch dieselben eine sehr bemerkens- und 
wünschenswerthe Decentralisirung der Verkehrsmittel geschaffen. Pferde 
und Waggons, die auf den betreffenden Linien lausen und früher des 
Abends nach Schluß der Dienststunden und des Morgens vor Beginn der 
Fahrzeit nach und von den sehr entfemten Depots befördert werden mußten, 
finden jetzt in den neuen Depots ein näher und bequemer gelegenes Unter 
kommen und das Fahr-, Kontrol- und Abfertigungs-Personal gewinnt 
ebenfalls durch die Vermehrung der Depots. Im Depot in der Kreuz- 
bergstraße sind bereits 60 Pferde, sowie ein Theil der Waggons, welche 
in der Gitschinerstraße stationirt waren, untergebracht. Bei dieser Gele 
genheit sei bemerkt, daß der gegenwärtig zur Verwendung gelangende 
Pferdebestand der genannten Gesellschaft die Anzahl von 2 500, und die 
täglich laufenden Waggons die Zahl 600 überschreiten. Das Fahrper 
sonal ist ca. 2,400 Köpfe stark. 
Das neue Depot in der Nürnbergerstraße liegt auf Char 
lottenburger Grund und Boden. Diese Straße ist durch den Bau 
in einen solchen Schmutzzustand gerathen, daß es kaum verstanden werden 
kann, wie die Charlottenburger Städtische Verwaltung eine 
derartige Verunreinigung einer öffentlichen Straße Wochen hindurch be 
stehen lassen kann, ohne die geringste Säuberung vorzunehmen. 
Iie Zahl der Millionäre in Werlin ist der „Nordd. Allg. Ztg." 
zufolge doch größer, als Mancher annehmen mag. Sie beträgt, wenn 
man die Einschätzungslisten für 1883 als Maßstab betrachtet, weit über 
600, denn man muß in der Einkommensteueqtufen-Tabelle schon mit der 
20. Stufe, die ein Einkommen von 42 000—48 000 Mark aufweist, an 
fangen, da erfahrungsmäßig die Sicherheit der Einschätzung mit der Höhe 
des Einkommens sich bedeutend verringert und in sehr vielen Fällen sich 
einer annähernd sicheren Schätzung entzieht. In der genannten Steuer 
stufe beträgt die Zahl der Steuernden 146 Personen. In den folgenden 
vier Stufen, in welchen das Einkommen bis auf beinahe das Doppelte 
— 84 000 Mark — sich steigert, sind 69 bezw. 81, 82 und 65 Personen 
zu verzeichnen. In den nächsten beiden Stufen, welche mit 108 000 Mark 
Einkommen abschließen, stehen 40 resp. 41 Personen. Von da ab bis 
zur 30 Stufe, in welcher sich die Aermsten mit einem Einkomme» bis zu 
204 000 Mark jährlich durchschlagen müssen, sind je 26, 13, 21 und 
23 Personen vorhanden. In den drei folgenden Stufen sind natürlich 
bei einein Einkommen bis zu 360 000 Mark nur noch Thaler-Millionäre 
rubricirt und deren 7, 9 und 8 aufgeführt; von da ab bis zur 37. Stufe 
— mit einem Einkommen von 540 000 bis 600 000 Mark — treten noch 
2, 4, 5 und 2 Steuerzahler auf, ebenso in der 40. Stufe, die ein Ein 
kommen bis zu 780 000 Mark bedingt, noch 2. Von da ab wird die 
Zahl immer kleiner, die 46. Stufe ist nur noch durch einen Interessenten 
mit einem Einkommen von 1 140 000 Mark vertreten, ebenso die 
60. Stufe, in welcher sich der arme Steuerzahler über den jährlichen 
Verbrauch von 1980 000 Mark den Kopf zerbrechen muß. Er zahlt 
zwar hiervon 57 600 Mark jährlich, aber es bleibt ihm doch noch immer 
so viel, daß er, wenn er nicht ein ganz schlechter Rechner und Haushalter 
ist, seine etivaige Familie „anständig" erhalten kann. 
Ftussilch-Aflen. Im Verlag von Greßner & Schramm in Leipzig 
erscheint demnächst ein neues illustrirtes Prachtwerk unter dem Titel: 
„Russisch-Asien, geschildert von Hermann Roskoschey, mit ca. 200 Illustra 
tionen und 10 großen Kunstbeilagen nach Gemälden und Zeichnungen 
von Prof. Aiwasowsky, Dmitrijew-Orenburgsky, N. Karasin, Prof. L. H. 
Lagorio, Prof. A. Weschffchersky, A. N. Nistschenkoff, Prof. Orlowsky, 
Wereschtschagin u. A. 
Jas nicht seltene Vorkommen von Wernstein in den unteren Sand- 
schichten des Weichbildes von Berlin ist schon oft bei verschiedenen Erd 
arbeiten, namentlich bei den Kanalisationsarbeiten konstatirt worden. Ein 
Fund von besonderem geologischen Werth ist, wie der „Voss. Ztg." be 
richtet wird, wiederum am 31. August in der Kanalbaugrube der Lützow- 
straße, an der westlichen Ecke der Dörnbergstraße, 4,5 Meter unter dem 
Pflaster, gemacht worden. Dort zeigte sich eine ganze Bernsteinader, welche 
auf 8 M. Länge verfolgt werden konnte. Sie bestand aus vielen nuß 
großen und kleineren Bernsteinstückchen, welche in scharfem grobem Sand 
und halb, auch ganz verkohlten Holzresten lagerten. Die Holzstückchen 
waren äußerlich, wie durch Meeresbrandung, glatt gerieben und konnten 
in verhältnißmäßig größeren Fragmenten, ivelche freilich im Trockenen zer 
barsten, nebst den Bernsteinproben, für das Märkische Museum gesammelt 
werden. 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik in Berlin W. — Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. — 
Druck: SB. Mörser Hofbuchdruckerei in Berlin 8. — Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt.
        
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