Path:
Periodical volume 15. September 1883, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 9.1883

620 
nieder auf seine Kniee, indem er seine Arme zu mir aushob. 
Da Ihr dies nun Alles wißt, rief er, dies grausame, elende 
Bekenntniß vernommen habt, so sprecht es aus: Könnt Ihr 
mir noch vergeben oder wollt Ihr mich verfluchen?! 
Gottes Wille ist geschehen, sagte ich leise bebend, er hat 
mich behütet! Von ganzem Herzen vergebe ich Euch Alles, 
was Ihr Böses an mir thun wolltet. 
Dank! rief er, o Dank für Ihre Milde! Wenn ich Sie 
dafür segnen dürfte, wenn mein Gebet Gottes reichsten Lohn 
Ihnen sichern könnte, so sollte mein letzter Hauch dazu be 
reit sein. 
Ach! rief ich aus, kann ich nichts weiter thun, kann ich 
Ihnen zu nichts mehr verhelfen? Warum, ach! warum — 
Er unterbrach mich rasch. Kein Wort mehr! fiel er ein, 
kein Vorwurf. Es ist Alles vergebens, mein Loos ist geworfen, 
und ich zage nicht. Bitten Sie den ehrwürdigen Herrn, 
Ihren Onkel, mir zu verzeihen; bitten Sie, — ja bitten Sie 
auch ihn — Ihren Gatten darum, und nun leben Sie wohl, 
Gottes Segen über Sie! — aus ewig, ewig leben Sie wohl! 
Als er sich überwunden hatte, Dumoulins Vergebung 
anzurufen, sprach er das Letzte rasch wie erleichtert und von 
seinem Gefühl überwältigt. Dann stürzte er in eine Ecke des 
Zimmers, beide Hände vor sein Gesicht gedrückt, als wollte 
er mich nicht mehr sehen, zuletzt winkend, daß ich ihn verlasien 
möchte, und ich wankte zitternd nach der Thür. 
Auf dem Gange draußen fand ich Dumoulin und warf 
mich krampfhaft weinend um seinen Hals. Er führte mich 
fort und in den Wagen, welcher sogleich mit uns den Rück 
weg antrat. Als ich ihm Alles mitgetheilt hatte, was ich 
von diesem schrecklichen Austritte behalten, schwieg er lange 
stille, bis er endlich ausrief: Er endet wie er gelebt, Lug 
und Trug auf seinen Lippen! Sterbend noch betrügt er sich 
selbst. Aber welche Welt, welche Verhältnisse, geliebte Charlotte, 
wo dieser Mensch ohne Stand, ohne Familie und Namen, so 
gefährlich werden kann, daß die mächtigsten Fürsten, von deren 
Willen Wohl und Leben von Millionen Menschen abhängt, 
in solche Angst und Wuth versetzt werden können, von ihm, 
von einem ohnmächtigen Abenteurer. — Doch eben diese 
schrankenlose Allmacht, fuhr er dann nach einem langen 
Schweigen fort, diese unnatürliche Herrschaft flößt ihnen dies 
fürchterliche Mißtrauen ein. Jeder hat von dem Anderen das 
Schlimmste zu denken und zu fürchten. — O! rief er darauf 
zärtlich, indem er mich an sich drückte, wir wollen es besser 
machen, geliebte Charlotte. Ewig treu, ewig einig laß uns 
sein, voll Vertrauen und voll Liebe! 
Am nächsten Morgen begann unsere Reise. Dumoulin sagte 
mir nichts davon, daß zu derselben Zeit Johann von Clement 
diese Erde verließ, ich erfuhr erst später, daß er am l8. April 
in Spandau hingerichtet wurde. — Niemals aber hat man 
genaue Nachrichten über seine Abkunft und Lebensverhältniffe 
erhalten, es ist Manches in dieser merkwürdigen Historie dunkel 
und ungewiß geblieben. 
Aber die Segenswünsche sind an uns erfüllt worden. 
Lange und glücklich haben tvir in Friede und Eintracht bei- ! 
sammen gelebt. Hat Dumoulin auch des Königs Gnade 
nimmer wieder wie ehemals erlangen können, so hat Gottes 
Gnade uns doch nie verlassen. — 
Ängust Üorslg. 
(Mit dem Portrait und den Illustrationen Seite 611, 615 und 619.) 
„Vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern" — so schreibt der 
Biograph Borsigs,*) Herr Hermann Vogt — „wo diese großen 
industriellen Werkstätten verschwinden, und an ihrer Stelle sich ein 
neues Stadtviertel erhebt, wie es vor mehreren Jahren das Schick 
sal der Pflug'schen Maschinenbauanstalt war. Aber so lange 
deutsche Industrie und deutscher Fleiß in der Geschichte genannt 
werden, so lange werden alle Ehren des Fleißes, alle Titel des 
Genies und alle Würden der Arbeit wiederhallen bei dem bloßen 
Klange des Namens „August Borsig." 
Diesen Mann zählt Berlin mit Recht zu seinen „berühmten 
Männern." Ist er doch derjenige gewesen, welcher die Anregung 
zur Selbstständigkeit deutscher Industrie gegeben, der dadurch die 
Metropole der Intelligenz zugleich zu einer Metropole der In 
dustrie erhoben hat. Seinem Vorbild folgte die Masse der In 
dustriellen— Wöhlert und andere gingen unmittelbar aus seiner 
Fabrik hervor, — Borsig aber blieb der König der Berliner In 
dustrie. 
Er wurde in Breslau am 23. Juni 1804 als der Sohn 
des Zimmermanns Borsig und dessen Ehefrau, geb. Werner geboren, 
und starb am 6. Juli 1854 in Berlin. Wie sein Vater so hatte 
auch der junge Borsig das Zimmerhandwerk zu seinem Berufe er 
wählt, besuchte die Baugewerbeschule in Breslau, von 1823 an 
aber das Königl. Gewerbeinstitut in Berlin. Hier erregte er das 
Mißfallen des damaligen Dirigenten, Geheimerath Beuth und 
wurde im Herbst 1825 ohne Zeugniß von dem Institut gewiesen, 
weil er — wie man sagte — in der Chemie nichts leiste. 
August Borsig ging in die Werkstatt von F. A. Egells. 
Dieser war früher in der Königl. Eisengießerei thätig gewesen, 
hatte im Jahre 1820 in der Lindenstraße eine kleine Maschinen 
bauanstalt etablirt, welche anno 1826 als „Neue Berliner Eisen 
gießerei" vor das Oranienburger Thor verlegt wurde. Hier erlernte 
der bisherige Zimmermann und Gewerbeschüler August Borsig 
von der Pike an den praktischen Maschinenbau; er arbeitete in 
der Gießerei, zeichnete und projektirte, und nach nicht allzulanger 
Zeit wurde er Monteur, dann Faktor mit einer Tantieme, und 
endlich der eigentliche Leiter der Fabrik. Dies ist. Borsigs Lauf 
bahn bis zum Jahre 1836. 
Der damals eingetretene Aufschwung der Industrie, der be 
ginnende Bau von Eisenbahnen veranlaßte Borsig, sich selbstständig 
zu machen. Und so gründete er mit einem bescheidenen Kapitale 
von 5 000 Thalern seine eigene Maschinenbauanstalt vor dem 
Oranienburger Thore. 
Am 5. November 1836 erwarb er von dem Thierarzte Bitter 
das Grundstück Thorstraße 46 — 52 mit einem Flächenin 
halte von 1 357 □ Ruthen für 10 000 Thaler. Und — was 
ich gleich vorweg nehmen möchte — am 18. Januar 1838 das 
Grundstück, Chausseestraße 1, 406 LH Ruthen groß, für 
14 000 Thaler bei 4 000 Thaler Anzahlung. Im Laufe der 
späteren Jahre kompletirte er dieses Terrain noch durch Ankauf 
mehrerer kleinerer in der Nähe gelegener Parzellen; im großen 
Ganzen aber war bereits Anfangs das gesammte Terrain erworben, 
das bekannt ist als das Borsigsche Etablissement am Oranien 
burger Thor. 
Am 12. September 1836 reichte Borsig das Bauerlaubniß 
gesuch zur „Anlage einer Eisengießerei" ein, am Weihnachtsabend 
1836 nahm er Abschied von den Arbeitern der Egells'schen Fabrik 
und am 1. Januar 1837 begann er seine neue Thätigkeit. 
*; Wir folgen der im Verlage von Otto Drewitz erschienen Biographie 
Hermann Vogts, deren genauer Titel lautet: „August Borsig. Ein 
Lebensbild. Vortrag, gehalten im Verein für die Geschichte Berlins. 1880."
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.