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Periodical volume 15. September 1883, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Ein Abenteurer am Hofe König Friedrich Wilhelms I. 
Vaterländische Erzählung von Tl>. £ fll. (Schluß.) 
12. 
Ich spreche nicht davon, wie mein geliebter Frelind mich 
in das Haus meines Onkels zurückbrachte, wie wir den Alten 
in seiner Betrübniß fanden, wie er staunte, als wir ihm er 
zählte», was geschehen, und wie unter unseren Tröstungen 
seine Hoffnung und seine Freudigkeit erstarkten. Dumoulin 
wußte ihn besonders damit zu beleben, daß der König in 
seinem innersten Gemüth sicherlich zumeist beschämt sei über 
den Betrug, den er so leichtfertig geglaubt, daß er jetzt die 
Schuld gern von sich auf Andere schieben möchte, daß er 
jedoch in einiger Zeit ohne Zweifel seine treuen Diener mit 
Ehren und Gnaden bedenken würde; denn in der rauhen 
herben Schale war ein wunderbarer Kern von Wahrheit und 
Gerechtigkeit. Dumoulin führte ihm sein eigenes Beispiel 
dafür an. Er lvollte ihn nicht inehr uin sich haben, da er 
ihn in dieser schlimmen Geschichte so viel gebraucht hatte, aber 
er gab ihm eine Stelle, welche viel höher imb besser war, als 
der Major sic jetzt besaß. Auch mich wollte er nicht sehen, 
denn sein Unrecht mußte ihm dabei einfallen; so and; werde 
er gewiß zwar den hochwürdigen Hofprediger noch längere 
Zeit von sich entfernt halten und die Untersuchung gegen ihn 
betreiben lassen, allein es sei gar nicht zu bezweifeln, daß 
diese bald niedergeschlagen, und seine Unschuld glänzend 
iverde gerechtfertigt werden; denn der König sei jetzt schon davon 
überzeugt. 
Solchen Gründen konnte mein Onkel nicht widerstehen, 
und es versteht sich von selbst, daß er mit Freuden uns seinen 
Segen gab, als wir ihn darum baten. — Welch Morgen 
war cs gewesen, welch Abend wurde daraus! Wir saßen 
einsam in der Laube, der Frühlingsvollinond über uns, bis 
Dumoulin sich wiederum losriß und mich verließ. Wie viel 
Menschenlcid, wie viel Mcnschenglück kann ein einziger Tag 
bescheinen! 
Am nächsten Tag kam mein geliebter Freund als ein 
stolzer Mann. Er war zum Obersten ernannt und zum 
General-Jnspcctor, bei alledem hatte der König ihn doch rauh 
angefahren, daß er sein Glück verscherzt habe, gemacht habe, 
daß er ihn aus seiner Nähe fortschaffen müsse. 
Es gehörte zu den sonderbaren Einbildungen des Königs, 
daß er diejenigen für unglücklich hielt, welche er aus irgend 
welchen Gründen von seiner Person entfernte, mochten sie auch 
die besten Stellen bekommen. Warum er den Major eigentlich 
ungehorsam hieß, sagte er nicht, und Dumoulin hütete sich, 
danach zu fragen. Es war aber sicher genug, daß es geschah, 
weil er wußte, daß Dumoulin dem Fürsten von Dessau Mit 
theilungen gemacht, und so auch meinetwegen, weil er mir 
mehr anhing als ihm, zwischen ihn und mich getreten war, 
und ihn mit seinem stolzen ernsten Willen gehindert hatte, 
mich grausam zu behandeln. Das konnte er nicht ertragen 
und vergessen. — Die schönsten lind herrlichsten Tage kamen 
uns nun. Die Untersuchung gegen meinen Onkel wurde 
wirklich eröffnet, doch nach dem ersten Verhöre stand sie schon 
still, und es kam so, wie Dumoulin es vorher gesagt, denn 
nach einigen Monaten wurde mein Onkel völlig unschuldig 
erklärt und wieder in sein Amt eingesetzt. Der König sah ihn 
jedoch noch lange nicht, und überhaupt ging die Schreckenszeit 
in Berlin nicht etwa mit der Aufdeckung des Betrugs des 
Herrn von Element zu Ende. Noch bis ins folgende Jahr 
hinein schlief der König mit seinen geladenen Pistolen unter 
dem Kopfkissen, und sein Mißtrauen blieb unverändert. Die 
Verhaftungen dauerten fort, und als die drei von Eleinent 
angegebenen Verräther in Spandau saßen, preßte Herr von 
Katsch so viele Mitschuldige ans ihnen heraus, daß die Ge 
fängnisse in der Festung diese kaum fassen konnten. Jammer 
und Elend wurde über viele Unschuldige gebracht, lind Jeder 
zitterte, daß and; er angegeben werden könnte. 
Unter diesen Umständen sehnten wir uns trotz unserer 
Glückseligkeit doch fort aus Berlin, denn Dnmoulin's Rechts- 
gestthl empörte sich heimlich über Manches, was er sah, auch 
über das Benehinen seines größten Gönners, des Fürsten von 
Dessall. Es gab viele vornehme Personen, die den Fürsten 
verspottet hatten, und von seiner Rohheit und Unwissenheit, 
wie von seinem großen Einflliffe auf den König beleidigt 
wareil; daher sie ihm die Haliptschuld beimaßen, daß Kunst 
und Wissenschaft verachtet wurden, und nur das Soldatenwesen 
etwas galt. An diesen Personen rächte er sich jetzt und lieferte 
dem Könige Briefe in die Hände, wodurch immer mehr Ge 
waltthätigkeiten veranlaßt wurden- Wir eilten daher, um 
unsere Abreise zu beschleunigen. Unserem Aufgebot als Braut 
paar stand nichts mehr entgegen, und schon am 15. April 
erfolgte unsere Hochzeit in aller Stille. Wenige Freunde 
Dumoulins waren gegenwärtig, später jedoch kain auch der 
Fürst von Dessau rmd beschenkte mich unter vielen gnädigen 
Späßen mit reicher Gabe an Silber- und Goldgcräth. 
Von den Gefangenen in Spaildau und dem großen 
Prozesse, welcher dort geführt wurde, hörte man inzwischen 
nichts oder ganz verworrene Gerüchte. Bald hieß es, es sei 
Alles doch richtig rmd wahr, was der Herr von Clement 
dem Könige mitgetheilt, und er habe nur zuletzt gelogen, 
damit die fremden Mächte sich seiner annehmen sollten; bald 
ivieder, er sei ein nichtslvürdiger Betrüger und habe auf der 
Folter jetzt Alles bekannt, alich daß es seine eigentliche Ab 
sicht gewesen, den König und die königlichen Kinder zu ver 
giften. Die abenteuerlichsten Geschichten wurden erzählt, 
und wir selbst nicht wenig geängstigt, denn man suchte uns 
auszuforschen; allein wir hüteten jedes Wort, denn der König 
hatte Dumoulin aufs Strengste anbefohlen, daß wir schweigen 
sollten. 
So trieb es uns von allen Seiten, die Gefahren und 
traurigen Erinnerungen hinter uns zu lassen und nach Königs 
berg zu entkommen. Am zweiten Tage aber nach meiner 
Hochzeit kam Duinoulin Mittags nach Haus, und ich sah ihm 
sogleich au, daß etwas Schweres sein Herz belastete. 
Was ist geschehen? rief ich ihm entgegen. 
Du mußt nach Spandau, antwortete er. 
Ich war darüber sehr erschrocken, er nahm jedoch meine 
Hand und sagte: Ich begleite Dich, es wird Dir auch nichts 
Uebles geschehen, aber Clement hat es sich als letzte Gnade 
ausgcbetcn, Dich noch einmal zu sehen. 
Als letzte Gnade, sagte ich erbleichend. 
Er nickte mir schweigend zu. 
Eile, fuhr er darauf fort, der Wagen wird bald hier sein. 
Der König hat es genehmigt und befohlen; der Commandant 
ist davon benachrichtigt. Du kannst Dich diesem Wunsche und 
Befehle nicht entziehen. Jeder Einwand würde vergebens sein.
        
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