Path:
Periodical volume 15. September 1883, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 9.1883

616 
Blüthen, die noch kaum aus der grünen, schützenden Hülle 
hervorlugten, da traf eine freundlich helle Stimme ihr Ohr: 
„Wenn Sie gern Veilchen haben wollen, Fräulein v. Windifch, 
so kommen Sie nur zu uns herüber, da blühen sie schon in 
Menge!" 
Thea blickte auf und in zwei freundlich blickende Angen, 
ein junges Mädchen wohl in ihrem Alter, stand am Gitter 
und sah ihr zu, „ich heiße Anna Herold und mein Papa ist 
Hausarzt bei Ihren Eltern, wir wohnen Ihnen gegenüber!" 
— Thea drückte durch die eisernen Stäbe langend die darge 
botene Hand der Sprecherin, öffnete die Thür und ging bald 
fröhlich und harmlos plaudernd mit der neuen Freundin 
hinüber in deren Garten. — 
Nicht lange, so hielt sie ein prächtiges Veilchensträußchen 
in der Hand; aber noch andere Annehmlichkeiten hatte sie 
durch die neue Bekanntschaft in Aussicht: Anna spielte auch 
Klavier, man hatte verabredet, vierhändig zu spielen; Anna 
malte und wollte ihr Vorlagen borgen, auch morgen mit ihr 
gehen und ihr zeigen, wo es gutes Malpapier gab; nach 
kaum einer Stunde, als Thea sich verabschiedete, waren die 
beiden Mädchen herzlich befreundet und hatten verabredet, sich 
so oft als möglich zu sehen. — Thea brauchte nur vom 
Fenster aus zu winken, denn Anna war fast immer auf dem 
Balkon, oder wenigstens im Balkonzimmer. — 
Jetzt war Thea geborgen, nun hatte sie doch eine Alters 
genossin, sie würde wieder Musik treiben, malen, viel lesen — 
Anna besaß sehr viele Bücher — dann die Besuche hin und 
wieder, die sie sich machen wollten, kurz, jetzt mußte es herr 
lich werden! 
Thea setzte die Blumen in frisches Wasser, zündete die 
Lampe an und schrieb in der glücklichsten Stimmung an 
die Großmama, die beim Lesen des Briefes einen innigen 
Dankesblick nach oben saitdte, schien doch ihr Liebling so ge 
borgen. — 
Ach, das Unglück schreitet schnell! Das erfuhr auch 
Thea. — 
Kaum waren die Eltern zurück, so wurde sic in den 
Salon gerufen, ein alter General, der zur Jnspizirung in der 
Garnison war, machte dem Major und dessen Gattin seinen 
Besuch und da er die erste Frau des Freiherrn sehr gut ge 
kannt hatte, verlangte er Thea zu sehen. — 
„Ach das ist ja die ganze Mama, ebenso hübsch, ebenso 
graziös! willkommen mein liebes Kind," damit reichte er 
Thea beide Hände zum Gruß und diese schlug glücklich 
lächelnd ein. — 
„Meine gnädige Frau," wandte er sich darauf schelmisch 
lächelnd an Thekla „sind Sie denn nicht eifersüchtig auf das 
schöne Töchterchen? ist doch getviß Papa's Vorzug, kenne das, 
habe auch solch' kleine Schmeichelkatze, dciln Schmeichelkätzchen 
sind sie alle!" — 
Der Major rückte »inruhig auf dem Stlihlc hin und her; 
der General vergaß ganz, daß seine Gattin „Durchlaucht" 
war und dann die albernen Reden! — einein Vorgesetzten 
gegenüber konnte er indessen nichts ändern und bedauerte n»»r, 
vorhin den alten Herrn aufgefordert z»l haben, den Thee 
bei ihnen einzunehmen, das konnte ja heute noch schön 
»verden! — 
Zum Glück meldete Jean, daß scrvirt sei, der General 
reichte der Hausfrau den Arm; beim Aufstehen fiel ihm ein 
Handschuh auf den Teppich, Thea sprang diensteifrig hinzu 
und hob ihn auf, wofür ein mißbilligender Blick der Mutter 
sie streifte. — 
Beiin Thee »var der General sehr heiter, neckte Thea 
viel und fragte sie, wie oft sie den vergangenen Winter ge 
tanzt. „Noch gar nicht, Herr General, ich bin erst gestern ein 
gesegnet und bis dahin ivar ich bei der Großmaina in 
Berlin!" — 
„Ah bei der alten Exe. v. Wehren, das ist eine prächtige 
Dame, diese vornehme, gescheute Frau! habe sie früher auch 
gekannt, als Ihre Mama noch solch' reizendes Backsischchen 
war, als Sie es jetzt sind," sagte er galant zu Thea und sich 
zu Thekla wendend fuhr er fort: „gratulire übrigens, gnäbige 
Frau, da haben Sie getviß ein Kleinod mit ihrem Töchterchen 
ins Haus bekommen, »vas in dem Hause Wehren groß ge 
worden ist, inuß ein Juwel werden!" — 
Des Majors Aengstlichkeit erreichte seinen Höhepunkt, 
Thekla mit ihren schwachen Nerven, der General war auch 
z»l albern und immer das „gnädige Frau," wenn er ihm nur 
die „Durchlaucht" ins Gedächtniß rufen könnte! — 
Aber es sollte noch schlimmer koinmen; — als man sich 
nach dem Thee um den rothen Tisch gruppirt hatte, fragte 
Thea, eingedenk ihrer guten Vorsätze, von heute Nachmittag, 
ob sie die Cigarren holen dürfe; der General war damit ein 
verstanden, wenn die „gnädige Frau" »»ichts dagegen hätte, 
»ind der Major mußte schüchtern gesichelt, daß in seinem Hause 
nie geraucht würde, da seine Gattin den Cigarrcnra»lch nicht 
vertrage. — 
Der alte Offizier sah den Hausherrn mitleidig an und 
ließ das Thema fallen. — 
Vor dem Schlafengehen erkundigte sich Thea bei Rose, 
um welche Zeit der Vater zu frühstücken pflege und bat, sie 
eine Stunde vorher zu rufen. 
Der Major hatte jetzt schon Frühjahrsübtingeit und ritt 
um 7 Uhr voi» Hause fort. 
Um 6 Uhr klopfte Rose und um '/s7 Uhr stand Thea 
frisch und heiter, wie eine Frühlingsblume, an» Kaffeetische 
in des Vaters Zimmer, ihr Veilchensträtißchen von gestern 
hatte sie mit hinüber genommen, sie liebte so sehr Bltmien auf 
dem Tische. — 
Als der Major eintrat, blieb er einen Moment srappirt 
stehet», dai»n zuckte etwas tvie eine leise Bewegung über sein 
schönes Gesicht; vielleicht erinnerte ihn die schlanke Frauen 
gestalt mit dem rosa Morgenhäilbchen, nebci» dem brodelnden 
Kessel, an längst verschwundene Tage in einer kleinen Kavallerie 
garnison; er war aber zu sehr gewöhnt, auch seine Gefühle 
»»ach der vorgeschriebenen Etikette zu regeln, so wich die freudige 
Ueberraschung tviedcr aus den Zügen »ii»d er begrüßte Thea 
gemessen und verwundert. 
Das junge Mädchen war aber doch glücklich, sie durfte 
dem Vater Kaffee eingießen und so täglich ein Viertelstündchen 
»nit ihm plaudern, vielleicht konnte sie doch noch ihm Tochter 
werden, tvie sie so gm» gewollt. Der Major küßte Thea auf 
die Stirn »nid ritt dann hinaus in den thaufrischen Morgei», 
während die Tochter sich in ihr Stübchen begab, um zu ar 
beiten, nach dem festgesetzten Stundenplan. — 
Eine Stunde vor Tische tvurde Thea nach dem rothen 
Salon beschiedcn; gewiß Besuch, dachte sie, vielleicht kam gar 
schon Anna Herold, das wäre ja reizend; das liebens
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.