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Periodical volume 8. September 1883, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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sie mir versiegelt zugingen, nicht verwerthen, dann bitte sende sie 
mir j», und dafür die inliegenden 600 Mark an die Verfasserin, 
selbstredend darf sie indessen dann nie erfahren, wer ihre 
Arbeit erworben; ich möchte nur dem armen hochherzigen 
Mädchen hilfreich sein und in anderer Weise darf ich ihr keine 
Unterstützung anbieten." 
Dann kam ein Bericht von Tante Sophiens Ergehen 
und herzliche Grüße an Georg, der in diesen Tagen Major 
geworden war. — 
Georg griff mechanisch nach den Blättern, die bei dem 
Briefe lagen, eine zierliche lind doch energische Handschrift fiel 
ihm in die Hände, dazu ein Brief der jungen Dante, welche 
schrieb: 
„Verehrter Herr! 
Vielleicht erinnern Sie sich noch des Versprechens, das 
Sie mir im Herbst in Prien gaben. Sie wollten mir hilfreich 
sein, eine Erstlingsarbeit auf dem Gebiete der Schriftsteller- 
kunst zn verwerthen. Der Name des Fräulein Horn, die 
meine Arbeit Ihnen sendet, wird auch meinen Namen Ihnen 
wieder ins Gedächtniß rufen. — 
Sie fanden eine "Novelle, die ich Ihnen in Prien vor 
legte, nicht natürlich genug; nun denn, diese Blätter enthalten 
das unmittelbare Leben. — Eine Freundin — wie sic in bei 
folgender Geschichte Ihnen entgegen tritt, sie ist längst todt — 
gab mir ihr Tagebuch als Vermächtnis;. — Ich habe dies 
und das, was ich von ihrem Leben durch eigene Anschauung 
wußte und kannte, zusammengestellt; vielleicht findet die Arbeit 
Ihren Beifall. 
Mit herzlichem Danke für alle Mühe, die Sie sich meinet 
halben geben wollen, 
Ihre 
ergebene Agathe. 
Oswalds Feder fuhr raschelnd über das Papier; — 
Georg fühlte fast unbewußt ein inniges Interesse für diese 
Agathe, er griff, wie selbstverständlich, nach dem Tagcbuche 
der Freundin und begann zu lesen, seine Züge wurde,; immer 
ernster, mit nervöser Hast, mit zitternder Hand, schlug er Seite 
um Seite weiter, vor ihm entrollte sich das Bild eines ihm 
nur zu wohlbekannten Menschenlebens. 
(Fortsetzung folgt.) 
Kloster Chorin in seiner heutigen Gestalt. 
(Hierzu die Illustration S. 607.) 
Durch die Zeitungen lief vor wenigen Wochen die Nachricht, 
das alte Eisterzienser-Kloster Chorin, die Grabstätte der alten 
Herrscher aus Anhaltiner Stamm, werde renovirt und ausgebaut wer 
den. Wir wissen nicht, was Wahres an dieser Nachricht, aber wir 
wären dem Herrn Kultusminister aufrichtig dankbar, wenn auf seine 
Anregung eine althistoriche Stätte unserer schönen Mark vor weiterer 
Zerstörung bewahrt würde. 
Nach Chorin fährt man von Berlin mit der Stettiner Bahn. 
Die alte Fürstrngrust des Ballenstädtischen Herrscherhauses liegt am 
Südrande der Ukermark. Bald hinter der bekannten Station 
Britz können wir zur rechten Hand die Abtei inmitten waldbe 
kränzter Hügel erblicken, und von der Haltestelle Chorinchen führt 
uns die Chauffee in gerader Richtung südwärts zu den Ruinen 
des Klosters. 
Dieses Tochterkloster Lehnin's ist anno 1231 ursprünglich 
nicht an der Stelle gegründet worden, an welcher sich jetzt die 
Hauptruinen befinden. Kloster Chorin, ehe es diesen Namen annahm, 
war Kloster Mariensee und lag auf der „Ziegeninsel", in in«uw 
caprarum oder wie der Ort heute heißt auf dem Politzer Werder 
des Parst ein er Sees. Die Ueberreste dieser alten Klosteran 
siedelung sind heute noch in den Fundamenten erhalten und ragen 
etwa zwei Fuß hoch über dem Boden. Weitere Nachgrabungen, 
die gewiß gern gestattet würden, möchten hier manches Interessante 
zu Tage fördern. 
Bis zum Jahre 1272 bestand Kloster Mariensee auf der 
Ziegeninscl des Parstcincr Sees, dann verlegte man es an den 
Choriner See, oder richtiger, man baute die hier bereits vorhandene 
Klosteransiedlung in voller Prächtigkeit weiter aus und nannte es 
vom Jahre 1273 ab Koryn. Chorin war ein reiches Kloster. 
Fast alles Land zwischen Eberswalde und Oderberg im Süden und 
ebenso nach Angermünde im Norden gehörte ihm. Der Parsteiner 
See war so ziemlich der Mittelpunkt der reichen Stiftung, die bei 
der Säkularisirung 62 Dörfer besaß. 
Chorin wurde die Grabstätte der Anhaltiner. Eine bis zum 
Jahre 1769 vorhanden gewesene Steintaielinschrift meldete: 
Anno 1254 ist der Markgraf Johannes I. Churfürst zu 
Brandenburg, der dieses Kloster Chorin, Cisterzienser 
Ordens gestiftet, allhier begraben. 
Anno 1267 ist Johannes III. Markgraf, welcher zu 
Merseburg auf seiner Schwester Hochzeit im Scharf 
rennen mit einem Klitz (Pfeil oder Lanze) verwundet 
worden davon gestorben, allhier begraben. 
Anno 1285 ist Markgraf Johannes (V), Churfürst zu 
Brandenburg, gestorben und allhier begraben. 
Anno 1298 starb zu Beerwalde Markgraf Otto IV. 
Sagittarius (der Pfeilschütze), des Churfürsten Johannes 
zu Brandenburg Sohn und ist allhier begraben. 
Anno 1304 ist zu Schwed gestorben Markgraf 
Conrad (I) Churfürst zu Brandenburg und ist allhier 
begraben. 
Anno 1307 bestättigte Markgraf Hermann von 
Brandenburg, Markgraf Otten des Langen Sohn, dieses 
Kloster Chorin. 
Anno 1319 starb MarkgrafWaldemar (der Grosse) 
zu Beerwalde und ist allhier begraben. 
Bis zum Jahre 1542 währte die Blüthe des Klosters*). Dann 
wurde es, nachdem am 1. November 1539 die Reformation in 
den Marken eingeführt worden, säkularisirt und in eine Landes 
domäne verwandelt. Die Mönche wurden nicht vertrieben. Sie 
traten zum Theil zur evangelischen Kirche über und erhielten Pfarr 
stellen oder wanderten aus. Im Jahre 1545 waren noch der Abt 
Brixius und einige Mönche im Kloster, welche daselbst ihren 
Unterhalt bis an ihr Lebensende erhielten. 
Im Jahre 1543 verpfändete Joachim II das Kämmergut 
Chorin an den Amtmann zu Potsdam, Caspar von Köckeritz auf 
Wildberg für 20 000 Thaler, löste es jedoch bald wieder ein und 
ließ dasselbe von Amtsleuten verwalten. Solche waren 1545 
Jacob von Arnim, 1571 Christoph von Sparr, 1596 Ludwig von 
Mörner, 1598 Bernd von Arnim und 1617 Jacob Rothe. 
Während des 30 jährigen Krieges wurde das Amt durch Kai 
serliche wie Schweden sehr heimgesucht, welche durck) 9taub und 
Brand große Zerstörung anrichteten. Es verödete gänzliä), so daß 
man im Jahre 1650 mit dem Plane umging, dasselbe durch die 
Ansiedlung von Holländern wieder in einen guten Zustand zu 
bringen, was jedoch nicht zur Ausführung gelangte. 
*) Die Geschichte des Klosters behandeln: Fidicin, Territorien IV 
256; Fontane, Wanderungen III; Schwebet, Mark Brandenburg S. 441; 
Führer durch Eberswalde und Chorin, Rust, Eberswalde 1880.
        
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