Path:
Periodical volume 8. September 1883, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 9.1883

600 
Geschworen haben Sie bei ihrer fürstlichen Ehre und bei 
alle dem, was Menschen heilig sei, daß sie nicht ein Wort von 
diesen Abscheulichkeiten wissen, die ein niederträchtiger Schelm 
erfunden hat. 
Was weiter? fragte der König. 
Weiter, sagte der alte General, indem er einen Augen 
blick zögerte, daß sie nicht begreifen könnten, wie Ew. Majestät 
von einem solchen Schwindler und Betrüger sich solche hand 
greifliche Lügen konnten aufbinden lasten- 
Weiter! schrie der König mit großer Heftigkeit. 
Der Prinz Eugen, fuhr Bork fort, war freilich auch er 
staunt darüber, wie gut seine Handschrift nachgemacht sei, 
dennoch — 
Was sagte er von diesein da? siel der König ein, indem 
er wahrscheinlich aus den Herrn von Clement deutete. 
Er kannte den Vogel, sowie ich den Namen nannte. 
Oho! sagte er, der also. Das ist ein durchtriebener, ränke- 
vollcr Schelm. Er hat bei den Utrechter Fricdensunterhand- 
lungen sein Wesen getrieben; war Sekrctair bei dein Fürsten 
Ragoczp, der ihn als Baron von Rosenau dorthin schickte, 
allein er ist weder Baron noch Edelmann, sondern von dunkler, 
gemeiner Abkunft und schlechtem Charakter, ein Abenteurer, 
vbtvohl von großen Fähigkeiten. Als sein Fürst im vorigen 
Jahre aus Paris nach Konstantinopel flüchtete, stahl er ihm 
seine Briefschaften und bot diese mir zum Kaufe an. Er wollte 
in Wien sein Glück machen, trat auch zur katholischen Kirche 
über; als er jedoch sah, daß man ihn verachtete, verschwand 
er, und ist, wie ich nun erst erfahre, nach Dresden gegangen. 
Was hörte Er in Dresden, Bork? unterbrach ihn der 
König. 
Man wollte mit der Sprache nicht heraus, versetzte der 
General, denn ich glaube, man schämte sich; doch gewiß ist 
es, daß er allerdings mit dem Feldmarschall von Flcmming 
in genauem Verkehr gestanden hat, und dadurch "manches 
Geheime erfuhr. Er dagegen hat den Feldmarschall auch ge 
hörig hinters Licht geführt, hat ihm österreichische Staats 
geheimnisse verkauft, und soll dafür viel Geld bekommen 
haben. Als cs dann nicht mehr weiter ging, machte er sich 
nach Berlin auf den Weg, um mit Ew. Majestät dastclbe 
Spiel zu treiben. 
Der General schwieg, und eS erfolgte eine Stille, welche 
erst nach einigen Minuten der König unterbrach. Ihr habt 
jetzt gehört, wie es mit Euch steht, begann er ruhiger, als 
man cs erwarten konnte- Was habt Ihr darauf zu sagen? 
Wollt Ihr Euren Betrug bekennen? 
Ich bin kein Betrüger, Majestät, erwiderte Clement mit 
sanfter, fester Stimme. Erwägen Sic, Sire, daß die hohen 
Personen, ivclche mich anschuldigen, nicht anders konnten, als 
mich Schelm und Lügner heißen. Allein welche Vortheile 
habe ich gesucht? Welcher Eigennutz hat mich getrieben? 
Welche Gnade habe ich dafür von Ew. Majestät begehrt? 
Ich bin gekommen, um Ihnen zu dienen, Sire, um der Mcnsch- 
heit zu dienen gegen die hinterlistigen Pläne der katholischen 
Fürsten und Priester; ich habe mich nach dem Haag begeben, 
um gegen diese Pläne und Ränke zu wirken, ohne auf einen 
Lohn zu rechnen. Das ist das einzige Verbrechen, das ich 
begangen habe. 
Der König antwortete nicht darauf, aber ein Anderer, 
der Fürst von Dessau, rief: Der Spitzbube soll mit seinen 
! Finten Ew. Majestät nicht wieder irre machen! und eine 
lviderliche scharfe Stimme fiel darauf ein: Ich will es Ihm 
beweisen, daß Er die Briefe gefälscht und die Handschriften 
nachgemacht hat. Geruhen Ew. Majestät, das Verhör fort 
zusetzen und das Frauenzimmer zu vernehmen, daß mit diesem 
Angeklagten in Bekanntschaft gerathen ist. 
Führt sie herein! rief der König, da er jetzt an mich er 
innert wurde. 
Die Offiziere wichen vor mir, und ich trat auf den 
Schauplatz. Nach der Wandseite stand ein langer, mit einem 
rothen Tuche bedeckter Tisch. Hinter diesem stand ein Herr 
mit einem Stern auf dem Nocke, zu beiden Seiten befanden 
sich einige andere gepudert und schwarz gekleidet. An der Seite 
des Tisches saß der König in seinem blauen Rocke, und neben 
ihm der Fürst Leopold von Dessau, der sein Gesicht mit der 
kleinen breiten Nase und dem spitz gedrehten Schnurbart zu 
einem Grinsen verzog, als er mich sah. Ich schaute nicht lange 
darauf hin, denn als ich mich tief und anstandsvoll ver 
neigt hatte, fielen meine Augen sogleich auf den Herrn von 
Clement. 
Dieser stand einige Schritte vor dem Tisch, so würdig, 
edel lind in ruhiger Haltung, wie ich ihn jemals gesehen. 
In derselben Sauberkeit seiner Tracht, in seidenen Unter- 
kleidcrn, Strümpfen und Schnallenschuhen, gefälteltem Jabot 
und langen Mauchetten, aus denen seine zarten weißen Hände 
hervorsahen, am Finger den großen Brillantring und andere 
kostbare Kleinodien, sah er nicht aus wie ein auf den Tod 
angeklagter Gefangener. Als er mich erblickte, lief ein Schrecken 
durch sein Gesicht, doch gleich darauf allch eine mit Trailer 
uild Kummer gemischte Freude, und seine Arme bewegten sich, 
als wollte er diese aufheben und auf mich zueile», doch geschah 
beides nicht. 
Inzwischen hatte der Herr hinter dem Tische sich vor dein 
König tief geneigt und dieser dazu genickt. 
Trete Sie hierher, begann er zli mir imb wies aus eine 
Stelle, dem Herrn von Clement gegenüber. Kennt Sic diesen 
Mann? 
Es ist der Herr von Clement, erwiderte ich leise. 
Hierauf begann er ein Kreuzverhör von raschen scharfen 
Fragen, und sah mich dabei mit seinen grauen röthlichen 
Augen an, daß meine Siilne sich verwirrten. Seine hohe 
kahle Stirn voll Falten und Puder, der Mund mit den zu 
sammengekniffenen Lippen, die erbarmungslose Härte in diesein 
langen hohlen Gesicht, waren entsetzlich. So konnte kein 
Anderer aussehen. Niemand anders konnte dies fein, als der 
General-Auditeur von Katsch, von dem man behauptete, daß 
ihm die »reisten der fürchterlichen Bluturtheile zur Last fiele», 
zu denen der König sich hinreißen ließ. 
Ich antwortete aber doch so, daß ich meine Worte wohl 
erwog, und nichts sagte, als was bekannt und richtig war. 
Plötzlich aber hielt er mit seinen Fragen inne, rind indem er 
seinen kleinen Augen und dem ganzen Gesicht einen Ausdruck 
von einladender Vertraulichkeit gab, fuhr er fort: wenn Sie 
Alles leugnen will, so wird Sie doch zugeben müssen, daß 
Sie einen Brief erhallen hat, von dem Sie weiß, daß dieser 
Herr von Clement ihn fälschte und nachmachte, so daß Sie 
selbst dadurch betrogen wurde. 
Ich schwieg stille und antwortete nicht. 
Rede Sic die Wahrheit, rief Herr von Katsch, Sie hat
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.