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Periodical volume 1. September 1883, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 9.1883

liegt der unbebaute Werder und bei der Schleuse liegen die präch- ! 
tigen Kranichberge. 
Woltcrsdorf ist ein altes wendisches Dorf und gehörte den 
Britzkes, deren Stammgut Britz bei Berlin war, später der Stadt 
Berlin. Das „Hotel zum Kranichberg" bei der Woltersdorfer 
Schleuse und seine prächtigen Kastanienbäume und dann die Kranich 
berge selbst mit ihrer wunderbaren Aussicht machen eine Fahrt 
nach Rüdersdorf überaus lohnend. Vom Kranichberge aus haben 
wir eine meilenweite Aussicht bis weit über den Müggelsee, bis 
in das Waldgebiet von Fürstenwalde — über Wasser und Wald —. 
Wir summen vor uns hin: 
„Die Luft so still und der Wald so stumm 
An dieser bewachsenen Halde: 
Ein grüngewölbtes Walddach ringsum 
Und ein Wasserthal unten am Walde. 
Wildblühende Blumen sprießen umher, 
Rings fließen süße Düfte, 
Ohne Rauschen ragt der Bäume Meer 
Hoch in die sonnigen Lüfte." 
Die Kranichberge bei der Woltersdorfer Schleuse bieten un 
streitig die schönste Fernsicht in der Umgebung Berlins, und darum 
sei ein Besuch derselben Allen empfohlen, welche dieses Wald- und 
Wasserreich des Barnim noch nicht geschaut haben. — 
Miscellen. 
Nock eine Wranget-Anekdote. In dieser Manöverzeit interessirt 
vielleicht die nachfolgende Anekdote. General Wrangel ließ einmal seine 
zwei Divisionen gegen einander manövriren und berief am Schluß der Aktion 
die Ofsiciere zur Kritik. Es waren verschiedene Böcke geschossen worden, 
und die Kommandeure der Divisionen, Brigaden und Regimenter harrten 
in einer gewissen Aufregung des Ausspruchs ihres commandirenden Gene 
rals. Als Alle versammelt, faßte Papa Wrangel sein militairisches 
Oberurtheil in die folgenden Worte zusammen: „Schauderbar, meine 
Herrens, schauderbar! Und nu geben sie mich die Hand drauf, solchen 
Unsinn machen wir nicht wieder!" — 
Der Am bau des Zeughauses wird voraussichtlich zum 1. Oktober 
beendet sein. Ueber die Veränderungen, die in dem Arrangement der 
Sammlungen getroffen wurden, bringt die „Kreuz-Ztg." folgende Mitthei 
lungen. Im Raume, rechts vom Eingang, sieht man die Schutz- und Trutz- 
waffen aller Zeiten in chronologischer Reihenfolge geordnet, so daß man, 
vom Kataloge unterstützt, eine Uebersicht leicht gewinnen kann. Besonders 
interessant erscheinen die Feuerwaffen in ihrer allmähligen Entwickelung. 
Hier flößt die plumpe Hakenbüchse der Arkebusiere mit der Lunte und dem 
unverhältnißmäßig großen Geschoß, aus welchem heutzutage wohl ein 
Dutzend Projektile verfertigt werden könnten, unwillkürlich Staunen ein. 
Nach und »ach beginnen die Waffen eine gefälligere Form anzunehmen, 
reicher Beschlag und Verzierungen werden bemerkbar; die Lunte wird durch 
das Feuerschloß verdrängt. Das Bajonett in den verschiedensten Formen 
und Größen, und der hölzerne, späterhin der „vom alten Dessauer" ein 
geführte eiserne Ladestock zeigen sich dem Beschauer. Die Technik der 
Handfeuerwaffen macht vom Beginn unseres Jahrhunderts an, haupt 
sächlich aber seit der Mitte des 5. Jahrzehnt außerordentliche Fort 
schritte, und Modell reiht sich an Modell bis zu den allerneuesten Kriegs 
gewehren. In früheren Zeiten währten die Kriege lange Jahre, jetzt ist 
man bestrebt, so rasch als möglich diesen Zweikampf der Völker zu be 
enden. Die blanken, d. h. die Handwaffen, haben ebenfalls ihre verschie 
denen Entwickelungen durchgemacht. Man bemerkt Spieße, Lanzen, Mor 
gensterne Streitäxte und -Hämmer, gewaltige ein- und zweihändige Rit 
terschwerter, Dolche u. s. w. bis zu den Handwaffen der neuen und neuesten 
Zeit, in geschichtlicher Reihenfolge gruppirt. Ein Gleiches ist bei den 
Schutzwaffen, den Rüstungen, Panzern, Kollern, Helmen u. dgl. der Fall. 
An diese Säle schließt sich eine Modellkamer, in welcher die Reliefs alter 
Festungen, die Modelle befestigter Orte und Schlösser aller Zeiten und 
Länder aufgestellt sind. Vor allem zeichnen sich die Reliefs der Festungen 
Stratzburg, Magdeburg und mehrerer anderer großen Waffenplätze nicht 
blos durch ihre vortreffliche Ausführung aus, sondern vor Allem dadurch, 
daß in ihnen die verschiedenen Systeme der großen französischen Festungs- 
baumeistcr, ganz vornehmlich das des berühmten Ingenieurs Vauban, 
welcher die Bastionen mit ihren Verbindungen, den Courtinen schuf, ver 
anschaulicht sind. So reiht sich System an System bis zu dem Neu 
preußischen, der eigentlichen Festungsenceinte, den detachirlen Forts, den 
Minengängen, bombensicheren Räumen und den großen Panzerthürmen. 
Die Geschütze aller Zeiten, von de» Wurfmaschinen an bis zu dem zier 
lichen Feldgeschütz, der Mitrailleuse und Revolverkanone der Jetztzeit, 
stehen in Gestalt von Modellen in richtiger Reihenfolge da. Die Reliefs 
unserer nach de» neuesten Systemen gebauten Festungen sind natürlich der 
Besichtigung nicht zugänglich; sie befinden sich sämmtlich nebst den Plänen 
und Modellen außerdeutscher Waffenplätze in einem besonderen Gebäude. 
Der Hof des Zeughauses ist mit einem Glasdach versehen worden. In 
diesem Raum stehen theils eroberte Geschütze, theils andere nach dem 
Material, der Art und der Jahreszahl geordnet, Zeugen einer rühm- und 
thatenreichen Vergangenheit. Die vornehmsten Schätze birgt die Hinter 
front: Dort sind sämmtliche in den Kriegen eroberte und erbeutete Feld 
zeichen, Fahnen, Standarten, Adler u. s. w„ mit Ausnahme derjenigen, 
welche sich in der Garnisonkirche zu Potsdam befinden, aufgestellt. 
Schillers Werke. Die in der Deutschen Verlags-Anstalt, vor 
mals Eduard Hallberger in Stuttgart erschienene illustrirte Pracht- 
Ausgabe von Schiller's Werken, auf welche wir mehrfach empfeh 
lend hingewiesen haben, liegt jetzt schon in zweiter Auflage in vier 
stattlichen Bänden vollständig vor. Sollen wir die Vorzüge dieser präch 
tigen Schiller - Ausgabe vor anderen Schillereditionen kurz zusammenfassen, 
so sind es die folgenden: l. sorgfältige Textrevision und fehlerfreie Wie 
dergabe im Druck; 2. schönes, gutes Papier, deutlicher, leicht lesbarer 
Druck und eleganteste Ausstattung; 3. Illustrationen, die nach Entwürfen 
unserer besten Künstler gearbeitet sind. Die Zeichnungen durchgehends der 
art, daß sie den Genuß, die Illusion wirklich erhöhen, was man nur von 
wenig Jllustrationswerken sagen kann, und die Holzschnitte sind treu und 
sauber, mit wahrer Virtuosität ausgeführt; 4. bei all' diesen Vorzügen 
eine geradezu fabelhafte Billigkeit, wozu noch die Erleichterung der An 
schaffung durch die ermöglichte Bezugsweise in Lieferungen ä 50 Pfennig 
kommt. 
So hat die Verlagshandlung Alles gethan, um Jedem Gelegenheit zu 
geben, Schiller in einer wirklichen Pracht - Ausgabe seiner Bibliothek ein 
verleiben zu können, und daß das Vergnügen an der Lektüre durch das 
Aeußere eines Buches immer erhöht wird, braucht man ja kaum mehr 
nachzuweisen. 
Eine wahre Htadipkage für Werkin ist, wie wir dem Berl. Börs. E. 
entnehmen, bisher noch allzu wenig erörtert worden. Wäre dies häu 
figer geschehen, die Polizei hätte gewiß endlich daran gedacht, Abhülfe zu 
schaffen, wo dieselbe so dringend Noth thut. Wer durch den Thiergarten 
fährt, wer Abends vom Kroll'schen Theater heimkehrt, oder Unter den 
Linden promenirt, der kann seinem Schicksal nicht entgehen, von halb 
wüchsigen Bengeln verfolgt zu werden, die ihre Blumen nicht etwa offe- 
riren, sondern sie ihm aufdrängen. Man geht mit einer Schwester, einer 
Gattin, oder mit einer befreundeten Dame. Dann entspinnt sich ungefähr 
folgende Scene. Der Bursche mit seinem Blumenkörbe „schlängelt" sich 
heran. 
„Koofen Se doch Re Rose, Herr Baron" (oder „en Veilchen- 
Sträußeken", je nach der Jahreszeit). 
Keine Antwort. 
„Herr Jraf, wie is et denn mit 'ne Blume?" 
Man geht ruhig weiter seines Weges. 
„Sehen Se, Herr Jraf, Sie sind sonn reicher Herr und ick bin man 
blos en armer Deibel. Koofen Sie mich doch 'ne Rose ab vor'n Jrvschen". 
Man setzt sein Gespräch, so gut es gehen will, aber immerhin etwas 
ärgerlich geworden, fort, giebt dem Burschen aber keine Antwort. 
„Na, Se wer'n doch 'ne Rose vor'n Jroschen koofen, für det scheene 
Freilein Braut". Die Dame fängt unter dem Schleier zu erröthen an. 
Endlich reißt die Geduld und man sagt dem zudringlichen Burschen, er 
soll machen, daß er fortkomme. Der geht denn auch ein paar Schritte 
weiter und brüllt nun: 
„Na, Durchlaucht, koofen Se wirklich keene Rose? Ach so, Sie — 
hier folgt irgend ein gemeines Schimpfwort — Sie haben wohl die 
Jroschens nich übrig". . . . 
Und der Jüngling trollt sich fort, um seine duftigen Handelspraktiken, 
die hart an die Erpressung streifen, bei dem nächsten Passanten zu pro- 
biren. 
Noch widerwärtiger, wenn auch nicht ganz so aufdringlich, sind die 
halbwüchsigen Mädchen, die mit Streichhölzern, Blumen und Apfelsinen 
handeln und die mit zwölf, mit vierzehn Jahren schon die Elendesten der 
Elenden, erfahren in allen Lastern, behaftet mit allen Krankheiten sind. 
Welche viel ernsteren Erpressungen von derartigen Mädchen, ihren soge 
nannten „Brüdern" und ihren wirklichen Vätern schon verübt worden 
sind, das läßt sich hier kaum andeuten. Aber wir meinen, die Polizei 
sollte endlich diesen Schandfleck des Berliner abendlichen und Nachtlebens 
gründlich beseitigen, denn nicht ehrlichen Erwerb suchen all' diese Burschen 
und Mädchen, sondern Unfläthigkeit und Prostitution ist die Grundlage 
ihres „Geschäfts". 
Sin Tutlwrbkatt und eine Lutftermedailke erschienen soeben bei 
R. Herrofo Verlag in Wittenberg. Das Lutherblatt bringt das Ge 
burtshaus zu Eisleben, eine Ansicht der Stadt Worms, die Wartburg bei 
Eisenach, die Schloßkirche in Wittenberg, die Lutherstube im Lutherhause 
zu Wittenberg, die Veste Coburg und eine Ansicht der Stadt Witten 
berg. — 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik in Berlin W. — Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. — 
Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei in Berlin 8. — Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt.
        
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