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Periodical volume 1. September 1883, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Burgen und Kirchen und ganz besonders die Vereinigung dieser 
beiden, die Etablirung von Klöstern. Mönche wurden ins 
Land gerusen, vor allem Cisterzienser, die Mitglieder eines 
Ordens, der eben damals auf seinem europäischen Siegeszuge bis 
an die Saale und Unstrut vorgedrungen war, und der recht eigentlich 
verdient, der Orden der Colonisation zu heißen. 
Nie hat ein Orden einen rascheren und gewaltigeren Sieges 
zug über die Welt gehalten. Aus dem Mutterkloster Cisterz, 
gegründet 1098, waren nach 15 Jahren schon vier mächtige Töchter 
klöster: La Ferte, Pontigny, Morimad und Clairvaux hervorge 
gangen, diesen folgten weitere Abzweigungen, und ehe ein halbes 
Jahrhundert um war, hatte sich nicht nur ein Netz von Cisterzienser- 
Klöstern über das ganze christliche Europa ausgebreitet, sondern 
auch tief in heidnische Lande hinein waren die Mönche, nicht mit 
Traktätchen oder ähnlichem Hokuspokus, wohl aber mit dem Kreuz 
in der Linken, mit Axt und Spaten in der Rechten, lehrend und 
die Aecker bebauend, bildend und heiligend vorgedrungen. 
Anno 1171 bereits errichteten die Cisterzienser das Mönchs 
kloster Zinna (mit Cisterziensern aus dem 1140 gestifteten Kloster 
Sittichenbach besetzt), 1180 entstanden Lehnin und Dobrilugk, 
1280 Neuzelle in der Lausitz und Marienfließ, 1233 Dran- 
see, 1249 Zehdenick, 1273 Chorin rc. rc. Ich will hier 
gleich vorwegnehmen, daß in der Mitte des 16. Jahrhunderts 
unter Joachim II. alle diese Klöster säkularisirt wurden. Die 
Abtwohnungen wurden zu Amtshäusern, die Refektorien zu Maisch 
häusern und Brennereien degradirt. Es ist allen diesen Klöstern 
ergangen wie dem gemeinsamen Mutterkloster zu Citeaux. Den 
Niedergang, den hier zu Lande die Habsucht der Fürsten unter 
dem Aushängeschild „Reformation" still aber gründlich besorgte, 
schuf dort die große Revolution vor 100 Jahren. — 
Die Mönche des Klosters Zinna also hatten bei den Bran 
denburgischen Fürsten um Ueberlassung von Territorium in dem 
„nygen Lande" gebeten, hatten um 1250 etwa die Belehnung er 
halten und errichteten im Dorfe Cogel, dem heutigen Kag el, eine 
Meile östlich von Rüdersdorf, ein Fel dkl oster. 
Und nun begann ihr segensreiches Wirken. Wo zwischen 
Moor und Seen, in den Sumpfgründen wendische Fischerhütten 
gestanden, da bildeten sich neue umfriedete Dörfer mit eingetheilter 
Feldmark. Neben den schon vorhandenen Dörfern Kagel und 
Lichtenow erhoben sich in kurzer Zeit acht neue Ortschaften: 
Rüdersdorf, Altena oder Altenow, Herzfelde, Rehfelde, Zinndorf, 
Werder, Kienbaum und Hennickendorf. 
Von dem Zinna er Zweigkloster zu Kagel also aus, dessen 
Kloster-Ruinen*) kaum noch aufzufinden sind, wurde die ganze 
Umgegend kolonisirt. Und darum verdienen die Kageler Mönche 
in der groben schwarz und weißen Tracht, mögen sie immer die 
Hacke und den Spaten besser geführt, als das Brevier gelesen haben, 
daß unser Blick dankbar in die Vergangenheit zurückschweift, wo 
ihre unermüdliche Thätigkeit für die nachkommenden Geschlechter 
Saatfelder schuf. 
Als die Markgrafen von Brandenburg dem Kloster den Grund 
besitz in dem „neuen Lande" überwiesen, hatten sie keine Kenntniß 
von dem hohen Werthe des Geschenks. Auch die Beschenkten 
ahnten anfangs sicher nicht die Fürstlichkeit dieser Gabe. Erst mit 
der Zeit wurde ihnen offenbar, daß in dem Lande ein Schatz ver 
borgen sei, den zu heben sich der Mühe wohl verlohne. 
Ein Bauer aus Rüdersdorf beklagte sich einmal bei 
ihnen, daß auf seiner nördlichen Feldmark und in der „Bauern 
haide" ein Gestein zu Tage trete, welches der Pflugschaar un 
*) Anm.: Das Kloster zu Kagel scheint in den See hineingebaut 
gewesen zu sein. Wenigstens nimmt man an, daß die noch heutigen Tags 
im See aufzufindenden festgerammten Eichenstämme dasjenige'Pfahlwerk 
sind, worauf der Klosterbau gestanden. 
überwindliche Hindernisse entgegensetze. Der Bauer fühlte sich 
beeinträchtigt in der Ausbeute seiner Pachthufen. Denn wozu 
war — seiner Meinung nach — der dumme Kalkstein Wohl zu 
verwerthen? Holz und Lehm war ja aller Orten im Ueberfluß 
vorhanden und das war zu Bauten ein viel bequemeres Material 
als der Stein, den man mühsam erst brechen und meilenweit fahren 
mußte. 
Doch die klugen Cisterzienser dachten anders über den ver 
achteten Kalkstein; sie sorgten bald dafür, daß das in einer Mäch 
tigkeit von einer halben Meile lagernde „Kalksteinflötz" die längste 
Zeit unbenutzt unter der schützenden Erddecke geruht hatte. An 
allen Ecken und Enden wurde an ihm gehackt und gegraben, um 
zu untersuchen, wie man seiner aus die bequemste Weise habhaft 
werden könnte. Die gebrochenen Kalksteine wurden dann meist 
schon an Ort und Stelle gebrannt, und fanden mehr Liebhaber und 
Abnehmer, als der Rüdersdorfer Bauer sich je hätte träumen lassen. 
Zwar behielt der Holzbau nach wie vor die Oberhand, aber man 
fing doch schon an, zu einzelnen Bauten, namentlich zu Kirchen, 
sich der überall verbreiteten Feldsteine aus dem harten nordischen 
Granite zu bedienen. Die benachbarten Städte Berlin, Cöln an 
der Spree, Straußberg, Alt-Landsberg, Fürstenwalde rc. umgür 
teten sich mit festen Steinmauern, und überall kam dabei Mörtel 
aus Rüdersdorfer Kalk zur Verwendung. 
Der Kalkbruchbetrieb erforderte aber eine stete Beaufsichtigung, 
weshalb das Kloster Zinna zu Anfang des 14. Jahrhunderts be 
schloß, zum Wohnsitze des über die Klostergüter im Barnim ein 
gesetzten Beamten, des Vogtes, eine neue Wirthschaft in 
Rüdersdorf zu gründen, das Kloster in Kagel aber eingehen 
zu lassen und als Bauerngut zu verpachten. 
Der Vogt, in späterer Zeit auch der Hauptmann genannt, 
hatte vor allem den Betrieb der Kalksteinbrüche zu überwachen, und 
hatte ferner die Gerichtsverwaltung von 12 Dörfern, sowie die 
Einziehung der Abgaben zu besorgen. 
Das älteste Zeugniß für die Benutzung des Kalkes als Bau 
material liefert die 1254 erbaute Klosterkirche zu Straußberg, 
in welcher mehrere Fenster mit Rüdersdorfer Kalksteinen ausgesetzt 
sind. Durch den Wiederaufbau der im Hussitenkriege zerstörten 
Ortschaften gewann der Abbau des Kalkes einen bedeutsamen Auf 
schwung, so daß das Kloster Zinna wegen der großen Nachfrage 
sich veranlaßt sah, größeren Städten die Selbstgewinnung gegen 
Pachtzins zu überlassen, bis schließlich nach und nach einige Brüche 
durch Kauf in den Besitz der Städte Straußberg, Cölln und 
Berlin übergingen. 
Dies änderte sich jedoch im Jahre 1549, als in Folge der 
Säcularisation der Klöster die Kalkbrüche das Eigenthum des 
damaligen Landesherrn, des Kurfürsten Joachim II. wurden. 
Die erste Maßregel der kurfürstlichen Regierung bestand in der Ein 
setzung eines Amtshauptmanns, zu dessen Wohnung der „neue 
Hof" angelegt wurde. 
Bald nach erfolgter Einrichtung des Kurfürstlichen Amtes be 
suchte Joachim 1l. Rüdersdorf und fand so großes Gefallen an der 
Rürdersdorfer Forst, daß er in der sogenannten „Grünen Haide" 
ein Jagdschloß bauen ließ, welches er „Jagdschloß Grün 
haide"*) nannte. 
Unter seiner Regierung wurde der Stadt Fürstenwalde gegen 
Abtretung der Jagd ein eigener Bruch überwiesen, den dieselbe bis 
zum Jahre 1777 behielt, von welchen Zeitpunkte ab ihr nur die 
Konzession zum Kalkbrennen für ihre öffentlichen Gebäude belasten 
wurde. Unter den Nachfolgern Joachims II. machten Berlin 
und Cöln ihre alten Rechte wieder geltend und erhielten die 
*) Anm. Das Gebäude ist zerstört und wir wisien nicht mehr, wo 
daffelbe gestanden. Einige behaupten inmitten des Werlsee's auf dem 
sogenannten Lindwalle; Andere am Ufer des Werlsees.
        
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