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Periodical volume 25. August 1883, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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findlichen Flintenkugel. In der Schlacht von Torgau war sie an 
einem in der Brusttasche des Königs befindlichen Etui abgeglitten 
und der König hatte sic seinem Leibchirurgus Schlauch geschenkt. 
An die Torgauer Schlacht erinnert auch ein kleines Stück einer 
Wachskerze, bei deren Scheine der König in einer Dorfkirche am 
Altar die Siegesdepeschen über die Schlacht geschrieben hatte. Nie 
würde er, wie er am Tage vor dieser Schlacht an den Marquis 
d'Argens geschrieben hatte, einen nachtheiligen Frieden und damit 
seine Schande unterzeichnet haben. Verschiedene Aeußerungen, 
namentlich gegen das Ende 1761 mündlich und schriftlich gethan, 
deuteten an, das; er eher seinen Tod gesucht haben würde. Zu 
diesem Zwecke führte er Gift bei sich, fünf oder sechs Pillen in 
einem in Leinwand eingenähten Schächtelchen mit einer Schnur 
zum Umhängen. Dieses hatte man nach seineni Tode im Schreib 
tisch verschlossen gefunden. Der Nachfolger des großen Königs 
übergab das Schächtelchen dem General von Bischosswerder. 
Diese kleine alte Holzschachtel, mit gepreßtem Leder überzogen, 
enthält das Gift. 
Im dritten Kästen zeugen Publikationen in französischer und 
italienischer Sprache (letztere in einem in Gold gestickten Pracht 
einband) Abdrücke des Bildes des Königs in Wachs auf Sammet 
und Seide von dem volksthümlichen Nimbus, mit dem sein Name 
durch die damalige civilisirte Welt verklärt war. Verschiedene An 
denken sind von der Familie des Königs ausgelegt, so drei Zeichen 
bücher des Prinzen Heinrich, welche die geschickte Hand sowie die 
treffliche Schule des jungen Prinzen bekunden. Die Kunstfertig 
keit der jüngsten Schwester des Königs ist in einem von ihr selbst 
gedrechselten Becher dargestellt, ebenso auch in einem von ihr ver 
fertigten Jou-Jou-Spiel, welches damals in der Mode war. Zwei 
Sterne, der eine mit dem Brustbilde des Erbstatthalters Wilhelm 
der Niederlande, der andere ohne dieses Bild waren Erkennungs 
zeichen der oranischen Partei und rufen die Erinnerung an die 
Parteilämpse zurück, welche der Gemahl der Nichte des großen 
Königs und der Schwester König Friedrich Wilhelms II. in seinem 
Lande zu bestehen hatte. Daß in dem Verkehr des Königs Fried 
richs II. mit seinen Geschwistern auch die humoristische Seite an 
geschlagen wurde, beweist ein gedruckter und kouvertirtcr Bogen, 
welcher einen Gcvatterbrief der Lieblingshündin des Königs, Biche, 
an seinen Bruder, den Prinzen August Wilhelm enthält. 
Im vierten Kasten sind ebenfalls Beweise der volksthümlichen 
Fernwirkung des großen Königs aufbewahrt in Medaillons, in 
Ringen, mit seiner Chiffre und seinem Bildnisse in Wachsbildern, 
Reliefs von Elfenbein, in Geweben, >vie in einer Decke von Leinen 
und gelber Seide, die sich auf den Hubertsburgcr Frieden bezieht. 
Auch einen Stcrbethaler sieht man hier und in einen silbernen 
Löffel eingelassen einen jener seltenen Dukaten, welche auf dem 
Avers das Bild König Friedrichs I. geprägt zeigen, auf dem Re- 
Vers ein Glied der Kette des Schwarzen Adlerordens mit der 
Namenschiffre des Königs. Eine zu jener Zeit beliebte Spielerei 
war es, auf Kirschkernen das Bild des alten Fritz zu schneiden. 
Derartige Erzeugnisse der Kleinkunst sind mehrere vorhanden. Bor 
Allem werden zwei zinnerne Becher mit Deckeln das Interesse des 
Beschauers erwecken, wenn man ihn auf die feinen mit einem 
nadelähnlichen Instrumente eingravirtcn viereckigen Bilder aufmerk 
sam macht, und ihm sagt, daß der durch seine lange Gefangen 
schaft bekannte Freiherr von Trenk in seinem Gefängnisse zu Mag 
deburg diese Linien cingegraben hat. Mit eben der rastlosen 
Energie, welche der des Staatsverraths beschuldigte Gefangene 
anwandte, um sich aus seinem Kerker zu befreien, wurde von ihm 
diese kunstfertige Arbeit ausgeführt. Bei dem einen Becher liegt 
ein von ihm geschriebenes Büchlein „Schrift zum Becher, mit 
welchem sich bey dem 1763. Jahres-Wcchscl der Allerdurchlauch 
tigst Großmächtigsten Königin von Preußen zu geheiligten Füßen 
warff der im Kerker gefesselte nach Mitlaid und Gnade schmachtende 
Trenk Rittm." Diese Bittschrift scheint Erfolg gehabt zu haben; 
denn um diese Zeit erhielt Trenk seine Befreiung. Weiter ist hier 
ein künstlerischer Schatz von hohem Werthe geborgen in zwei 
Skizzenbüchern des genialen Architekten von Knobelsdorff, des 
j Schlüters Friedrichs des Großen. Sie enthalten eine solche Fülle 
; von Motiven und Entwürfen im Geschmack des Barock- wie des 
gereinigten Kunststyls, daß der Bildhauer wie der Architekt von 
J heute daraus noch gleichen Nutzen ziehen können. 
Der fünfte Käste» umschließt 31 Dosen. Sie haben aus das 
Leben und die Thaten des großen Königs Bezug. Friedrich der 
Große besaß eine Anzahl der kostbarsten Tabatiören. Diese befinden 
! sich im Kronschatz. Wenn auch unter den hier ausgelegten manche 
kostbare mit Edelsteinen besetzte oder in Emaille mit Malerei aus- 
I geführte zu finden ist, so reflektiren sie lediglich seine Persönlichkeit, 
seine Thaten, wie seine millebende Zeit. 
Tritt der Besucher vor die den Fenstern zugekehrte Schmal- 
! feite des großen Glasschrankes, so bieten sich hier seinem Auge 
j Andenken an die erste Jugendzeit des großen Königs. So das 
erste Kinderkleid von Sanspeine, einem mit der Hand in weiße 
Leinewand genähten Muster, und daneben eines der letzten Cami- 
sols, welche er getragen, aus grünem Atlas. Dabei besindet sich 
das Schwarze Adlcrordens-Band, welches ihm von seinem Groß 
vater König Friedrich I. in die Wiege gelegt worden war. Vier 
Paar Kinderstiefel und ein Paar Kinderschuhe in verschiedenen 
Größen lassen uns die Entwickelungsjahre seiner Kindheit verfolgen, 
wie seine Spiele das dazwischen stehende Gewehr und die Trommel. 
Es ist dieselbe, welche Pesne auf seinem berühmten Bilde gemalt 
hat, welches Friedrich den Großen als dreijährigen Prinzen mit 
seiner Schwester Friederike Wilhelmine darstellt. An der Langseite 
links ist der blausammctene mit Silber gestickte Unifonnsrock auf 
bewahrt, den Friedrich der Große in seinen ersten Regierungsjahren 
als Chef des Bataillons Leibgarde getragen hat, dazu der Ring 
kragen, das Orangeband des Schwarzen Adlerordens, die Stulp- 
handfchuhe. Den einen goldenen Krückstock schenkte er im sieben 
jährigen Kriege dem verwundeten Garde du Corps Christian Kranz, 
damit er sich damit forthelfe. Den anderen mit blauer Emaille 
hatte Napoleon nach der Schlacht von Jena aus Sanssouci mit 
fortgenommen und dem Marschall Ney geschenkt. Später kam er 
in dem Besitz des Lords Willougby de Cresby, und dieser verehrte 
ihn dem deutschen Volke. In der zweiten Schmalseite des Glas 
schrankes erinnnern Reliquien an den Mann, welcher an Popularität 
des Namens dem Könige als nächster gleichkam, an den General 
der Kavallerie Hans JoachimvonZicthen. Hier ist das Panther- 
fell, welches er als Zubehörniß der Husarenuniform seiner Zeit 
getragen hatte, hier die Pelzmütze mit den Adlerflügcln. Daneben 
ist ein Degen in gelblederncr Scheide des Prinzen Heinrich auf 
bewahrt, des Generals von Scidlitz mit einer alten Solinger 
Klinge aus dem Jahre 1563. Ein Ehrcnsäbel des Generals von Kleist 
aus dem siebenjährigen Kriege hat die Form einer türkischen Säbel- 
waffe, reich mit Silber beschlagen. Die letzten Spuren des Lebens 
des großen Königs finden sich in der dem Kamin zugekehrten 
Langseite des großen Glasschrankes — die Lieblingsflöte, das 
Band des Schwarzen Adlerordens, das Hemd, welches er am Tage 
vor seinem Tode getragen und aus dem Nachlaß eines seiner be 
geistertsten Verehrer, des Dichters Gleim stammt. Mit dem Hute, 
den Stiefeln war er noch wenige Stunden vor seinem Tode be 
kleidet. Das Taschentuch hatte seine im Sterben erkaltende Stirn 
berührt, das Hemd seinen Körper in der Todesstunde umhüllt. 
So schließt dieses letzte Kleidungsstück hier den Ring eines Lebens, 
aus welchem auch noch die erste Hülle vorhanden ist. 
6. Thron-Zimmer. 
Kamin, Spiegel und die Täfelung der Wände sind noch voll 
ständig im Rokokkostyl erhalten und sämmtliche Wandtheile mit 
Bibliothek-Schränken bedeckt. In zweien derselben ist die Biblio-
        
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